Bester Roman 2010? Teil I

Jule D. Körber am 28.08.2010

 Der Titel „Bester Roman 2010“, den die Jury des Deutschen Buchpreises vergibt, will hart erschrieben sein. 20 Bücher sind nominiert und stehen auf der Longlist, sechs schaffen es auf die Shortlist, nur einer kann siegen.

Globe-m begibt sich in die Jury-Perspektive und stellt die Romane nicht nur vor, sondern gibt auch eine – natürlich völlig subjektive – Einschätzung ab, wie gut die Chancen für das Werk stehen.

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Worum geht`s?

Eine durchtriebene Großmutter, eine strunzdumme Mutter und eine ungewollte Schwangerschaft, die eine erstaunliche Tochter hervorbringt. Ein Frauen-Generationen-Ding jenseits des Urals.

Die Autorin?

Alina Bronsky wurde in Jekaterinburg geboren, lebt aber in Deutschland. Ihren richtigen Namen verheimlicht sie erfolgreich. Ihr Debüt „Scherbenpark“ hat für einige Furore gesorgt. 2008 beim Ingeborg-Bachmann-Preis.

Die Chancen bei der DBP-Jury?

Stehen nicht schlecht. Aber wahrscheinlich ist es nicht ungewöhnlich genug für den Preis.

Die Chancen auf dem Buchmarkt?

Sehr gut. Starke Frauenfiguren kombiniert mit „exotischem“ Essen sind spätestens seit „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ ein Erfolgsgarant.

Und was sagt globe-M?

Bescheidene Meinung: Sympathisch, aber nur bedingt preiswürdig.

Der schönste Satz aus der Leseprobe:

„Ich hoffte nur noch darauf, dass ihre Dummheit irgendeinen Mann derart anzog, dass er ihre krummen Beine so lange übersah, bis er vor dem Standesbeamten stand.“

 

Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

Worum geht`s?

Nachkriegstrauma und ein Junge allein unter Frauen im politisch-zerfallenden, sozialistischen Prag: Ein Entwicklungs- und Gesellschafts- und Generationenroman in einem, der gleichzeitig als politisches Stadtporträt daherkommt. Und dabei trotzdem witzig ist.

Der Autor?

Jan Faktor weiß, wovon er schreibt, wurde er doch 1951 in Prag geboren. Mit seinem schon 1982 entstandenen, aber erst 1988 veröffentlichten Roman „Georgs Sorgen um die Vergangenheit“ war er 2010 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die Chancen bei der DBP-Jury?

Stehen sehr gut, allein schon, weil ein Roman mit der gleichen Hauptfigur schon mal für einen anderen großen Preis nominiert war. Außerdem wird wohl die Kombination Anklang finden.

Die Chancen auf dem Buchmarkt?

Könnte ein wenig zu komplex herkommen, die Story. Allerdings macht der Titel des Romans neugierig.

Und was sagt globe-M?

Liebt, liebt, liebt den Romantitel. Und findet einen Roman, der so vieles auf einmal kann, schon mal grundsätzlich super.

Der schönste Satz aus der Leseprobe:

„Die späteren Sorgen um meinen Penis betrafen in erster Linie seine angemessene Unterbringung; sie beherrschten mein Denken, überschatteten meinen Alltag, ließen mich oft wie einen sabbernden Idioten aussehen.“

 

Nino Haratischwili: Juja

Worum geht`s?

Eine Kunstwissenschaftlerin in Paris der Jetztzeit auf der Suche nach einer Autorin, die eins der wichtigsten feministischen Werke der 70er geschrieben hat. Mehrere Erzählstränge werden komplex miteinander verwoben.

Die Autorin?

Nino Haratischwili ist Jahrgang 83, wurde in Georgien geboren und ist eigentlich Dramatikerin und Theaterregisseurin.

Die Chancen bei der DBP-Jury?

Der Roman wurde auch für die Hotlist 2010 – den Buchpreis der unabhängigen Verlage – nominiert, da hat er wohl bessere Chancen. Aber es ist schon erfreulich, dass ein Roman des kleinen Verbrecher Verlages so weit gekommen ist.

Die Chancen auf dem Buchmarkt?

Dramatiker, die dann doch mal Prosa schreiben? Schwierig. Der Verbrecher Verlag ist zu klein, um wild mit Marketingmaßnahmen um sich zu schmeißen. Und das Thema ist jetzt auch nicht gerade leicht.

Und was sagt globe-M?

Würde es dem Verbrecher Verlag so was von gönnen. Sieht aber eher schwarz.

Der schönste Satz aus der Leseprobe:

„Von ihren sieben Kindern und von ihrem Ruhm und Reichtum und ihrem Stolz und dass sie den Göttern nicht die Opfer brachte und damit die Leto erzürnte, die das Unheil über ihre Familie schickte und ihre Söhne töten ließ durch Apollon und Artemis, wie Niobe trotzdem stolz blieb und wie sie vor ihren Augen ihren Mann und die Töchter vernichtete und wie Niobe erstarrte in ihrem Schmerz und um Gnade bat und wie sie schließlich zum Stein wurde, der nicht auf hörte zu weinen.“

 

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter

Worum geht`s?

Sylt im Winter und dort ein Familiendrama um das Sorgerecht für die 13-jährige Annika. Verlagsvertreter Peter kehrt in die Landschaften seiner Vergangenheit zurück, um die Zukunft zu klären.

Der Autor?

Thomas Hettche ist einer der ganz großen Namen unter den Nominierten. 2006 stand er mit seinem Roman „Woraus wir gemacht sind“ schon mal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und er selbst weiß, wie es ist, in einer Jury zu sitzen, war er doch selbst jahrelang Mitglied der Jury bei einem der wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreise, dem Ingeborg-Bachmann-Preis. Ansonsten? Kaum einer der Nominierten hat schon so viele Literaturpreise und Stipendien abgesahnt wie er.

Die Chancen bei der DBP-Jury?

Entweder er gewinnt den Titel, weil er ja schon mal auf der Shortlist stand oder aber nichts. Zweimal Shortlist und immer noch nicht Sieger wäre ja schon irgendwie peinlich, oder? Andererseits muss er ja vorher auf der Shortlist stehen, um überhaupt den Titel erringen zu können und die Jury des DBP wechselt jedes Jahr. Das Thema und die Hauptfigur werden auf jeden Fall dem Geschmack der Jury entsprechen.

Die Chancen auf dem Buchmarkt?

Sylt, ein aktuelles, nachvollziehbares Thema und in einer Scheidungsgeschichte endlich mal ein Vater statt einer Mutter im Fokus. Das könnte funktionieren.

Und was sagt globe-M?

Allein der Fairness halber sollte den Preis jemand kriegen, der nicht schon an allen Ecken und Enden etwas gewonnen hat. Außerdem ist ein Verlagsvertreter als Hauptfigur alles andere als einfallsreich.

Der schönste Satz aus der Leseprobe:

„Daß ich nachts noch immer wachliege, so viele Jahre nach unserer Trennung, und mir nach einem Streit am Telephon, einem Brief ihrer Anwältin, einer geplatzten Vereinbarung, noch immer ausmale, wie ihre Gesichtszüge sich verzerren, aus Überraschung zunächst, dann vor Schmerz, und wie meine Schläge sie gegen eine Wand schleudern, wie sie hinfällt, Schreie, Tränen, all das?“

Alle Infos unter:

www.deutscher-buchpreis.de

Weiter gehts hier mit Teil II