In Teil I hat globe-M die ersten vier der für den Deutschen Buchpreis nominierten Romane vorgestellt und bewertet. In Teil II geht es konsequent mit den nächsten vier Romanen weiter.
Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital
Worum geht`s?
Im winterlichen Paris des Jahres 1991 in der Empfangshalle eines U.S.-Hospitals bricht ein amerikanischer Irak-Soldat vor der unfreiwillig kinderlosen Pariserin Hélène zusammen, es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den vom Schicksal schwer Mitgenommen. Und auch in diesem Roman werden die persönlichen Geschichten mit einem Porträt der Stadt verbunden.
Der Autor?
Und da gibt es schon die ersten Parallelen zwischen nominierten Autoren: Auch Michael Kleeberg weiß, wovon er schreibt, hat er doch genau zu der Zeit in Paris gelebt, wenn auch als Mitinhaber einer Werbeagentur und nicht als Soldat. Und auch Kleeberg wurde schon mit einigen Preisen bedacht. Auffällig ist die bei ihm im Vergleich zu den anderen DBP-Nominierten Vielzahl von veröffentlichten Romane.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Ach ja. Spannend für die Jury ist bestimmt, dass bei Kleebergs Roman Zeitgeschichtliches mit Privatem verbunden wird und das die Zeitgeschichte dabei so nah an der Jetztzeit ist. Und der Irak-Krieg ist erst relativ selten Romanthema gewesen.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Die Figuren haben Potential. Und Paris im Winter ist ein dankbarer Spielort für einen Roman. Könnte was werden. Und was sagt globe-M? Findet es sympathisch, dass mal endlich ein Roman in den Neunzigern spielt. Und sprachlich ist es sehr beeindruckend.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Er griff unwillkürlich nach einer Zigarette und sagte: Das Seltsamste war, dass dieser Krieg am Rande des Paradieses stattfand, ohne dass jemals jemand ein Wort darüber verloren hätte.“
Michael Köhlmeier: Madalyn
Worum geht`s?
Der Schriftsteller Sebastian Lukasser wohnt in der Wohnung über der von Mandalyns zerrütteter Familie, er hat das Mädchen aufwachsen sehen und kommt selbst aus schwierigen Verhältnissen. Als sie sich zum ersten Mal verliebt – in den notorischen Lügner und Betrüger Moritz – erzählt sie ihm davon. Und der Autor lernt viel über die Tücken der Pubertät, über das Geschick der Jugend, in die Irre zu führen und über die Schwierigkeit, im Kommunikationszeitalter zum ersten Mal verliebt zu sein.
Der Autor?
Die Figur des Schriftstellers Lukasser ist schon aus Köhlmeiers Roman „Abendland“ bekannt und schon damit hat er Eindruck hinterlassen. Der Österreicher hat eine beachtliche Publikationsvita – und das nicht nur bei Romanen, sondern auch bei Hörspielen, Drehbüchern, Theaterstücken und Liedern. Berühmt geworden ist er auch mit seiner 80-teiligen (!) Sendereihe „Mythen. Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums“, in der er griechische Sagen frei nacherzählt. Außerdem wurde er mit etlichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Sehr gut. Ein beeindruckender Autor, der einen solchen Preis definitiv verdient hätte und ein spannender Roman, der auch ein Jugendbuch sein könnte und damit aus der Reihe fällt. Und auch wenn es schon oft gemacht wurde, gewinnt Köhlmeier einem Schriftsteller als Hauptfigur völlig neue Facetten ab.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Kommt darauf an, bei welchen Lesern. Schwierig ist es immer, wenn sich Bücher zwischen den Bereichen Jugendbuch und „Erwachsenenbuch“ bewegen. Oft irritiert das aber auch weniger, als man vermuten könnte.
Und was sagt globe-M?
Mag die Erzählidee und die Figuren. Und hält ein „eher-Jugendbuch“ für eine sehr schöne Bereicherung für die DBP-Nomienierungsliste.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Sie redete laut mit sich selbst, offenbar gefiel ihr die Akustik.“
Thomas Lehr: September. Fata Morgana
Worum geht`s?
Zwei Frauen, zwei Kontinente, zwei untrennbar verbundene Schicksale: Sabrina stirbt am 11. September 2001 im New Yorker World Trade Center, Muna kommt 2004 in Bagdad, also nach dem offiziellen Ende des Irakkrieges, bei einem Bombenattentat ums Leben. Sie stehen stellvertretend für den Konflikt. Thomas Lehr erzählt abwechselnd aus der Perspektive der beiden Frauen und ihrer Väter in „Langgedichten“ ohne Punkt und Komma.
Der Autor?
Die FAZ bezeichnete Thomas Lehr mal als einen der “klügsten und brillantesten Schriftsteller” Deutschlands. Andere Kritiker ringen mit Worten wie „sprachmächtig“ und „hochpoetisch“. All das ist wohl zutreffend.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Das Thema und wie der Roman konstruiert ist: Brilliant. Seine Sprache: Brilliant. Und das die DBP-Jury 2009 mit Kathrin Schmidts „Du schläfst nicht“ auch einen eher experimentellen Roman ausgezeichnet hat, beweist, dass diese Jury sich zutraut, auch Avantgarde zu ehren. Allerdings ist die 2009er Jury nicht die selbe wie 2010.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Das Thema ist schwierig wie interessant und wird in jedem Fall die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Allerdings ist Lehrs Sprache hochkomplex und wirklich nicht leicht zu lesen. Für diesen Brocken braucht man jede Menge Konzentration – und die bringt der Durschnittsleser nicht auf.
Und was sagt globe-M?
Findet es auch anstrengend zu lesen, ist nichtsdestotrotz völlig begeistert von dem poetischen Geflecht und der Erzählstruktur. Ein Buch, das es wert ist, dass man sich dafür anstrengt.
Der schönste Satz aus der Leseprobe: (Da der Roman nahezu ohne Interpunktion arbeitet, hier ein Abschnitt statt einem Satz)
„...Tauben in der Nacht weiß schwarz schwarz weiß Nacht vernagelt mit ächzendem Holz brecht nicht die Knochen meines Gesichts meine Rippen unter fröstelnder Haut unter dem Ansturm des Rosts des Saurierbrustkastens in dem ihr wütet Rippe an Rippe ich spüre euer Herz das Herz eines roten Ifrit es könnte ein Schiffskiel sein der über mich hinwegfährt der ganze Rumpf eines Schiffs der Lattenrost zurechtgebogen neu verfugt vergrößert hoch in der Luft Schwester euer Bett ist das Segelschiff deiner verräterischen Liebe in einem rauschenden Himmel hinter meinen geschlossenen Lidern sehe ich unendlich weit als wäre eure Dau von einem Hafen inmitten der Wüste direkt in den Himmel ausgelaufen Sand trockene Körner rieseln auf meine Wangen welche Figuren nur bewegen sich in den geblähten Segeln unter den steilen Rahen machtvoll bläst uns der Wind hinauf oder zieht euch die Gier des Königs der in grünem Öl badet empor was träume ich es ist nichts es ist nur der Major der in meiner Schwester brennt wie hält sie es aus (entweder den Falschen zu heiraten oder sich benutzen zu lassen oder zwischen zwei Lügen zu leben) spritze daneben sagt sie plötzlich so kühl als stünde sie in ihrem Labor neben einem Laboranten mit einer Destillierflasche in der Hand während der Taubenschlächter den siebten Himmel durchpflügt unter mir die ich unter eurem Kiel treibe wie der helle Schatten eures Ankers sind sechs Himmel und sieben Erden auf dem Rücken des Stiers der die Hufe auf den Fisch gestellt hat im letzten Wasser 48 des schwarzen Meeres das auf der Dunkelheit ruht vergiss alles vergiss alles ich müsste jetzt meine Stimme erheben und sagen: Erzähl mir eine Geschichte Schwester aber du bist in einem anderen Land“
Mariana Leky: Die Herrenausstatterin
Worum geht`s?
Katja ist Mann und Job los, als plötzlich der Geist ihres verstorbenen Nachbars Dr. Blank auf dem Badewannenrand sitzt. Dann taucht auch noch ein kleinkrimineller Feuerwehrmann auf, der ihre Wohnung ebenso nicht mehr verlassen will. Die Beiden werden sie aus ihrem inneren Loch ziehen.
Die Autorin?
Mariana Leky ist selbst mit ihren Mitte-Ende 30 immer noch das ewige Mädchen der jungen deutschen Literatur – und wahrscheinlich eine der sympathischsten Erscheinungen des Literaturbetriebs.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
„Die Herrenausstatterin“ könnte für den Titel „Bester Roman des Jahres 2010“ vielleicht etwas zu harmlos sein, auch wenn die Erzählkonstruktion natürlich sehr einfallsreich ist. Lekys kluge Umkehrung von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ – zur Erinnerung: In „Biedermann und die Brandstifter“ lässt Biedermann, obwohl er die Gefahr ahnt, die Brandstifter in sein Haus und schafft es nicht, sie wieder loszuwerden, bis diese sein Haus wirklich in Brand setzen - beweist ihr Talent für außergewöhnliche, etwas weltfremde Figuren, welches sie auch schon im Vorgängerroman „Erste Hilfe“ gezeigt hat.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Wenn man einmal angefangen hat, reinzulesen, kann man einen Leky-Roman nicht wieder weglegen. Wenn der Roman also im Buchhandel oft in die Hand genommen wird, sind seine Chancen groß. Außerdem sind Frauen die wesentlich fleißigeren Romankäuferinnen und Hauptfigur Katja bietet riesiges Identifikationspotential.
Und was sagt globe-M?
Hat sich auf Anhieb verliebt in die Hauptfiguren und in die Erzählidee.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Und: Es wird schön, so schön, wie noch nie etwas war, und dann wird es schmerzhaft, so schmerzhaft, wie noch nie etwas war, aber leider zu spät sein, um schnurstracks aufzuhören, wenn da gestanden hätte, was genau wie schön oder schmerzhaft sein würde, ich wünschte, ich wüsste, was passiert wäre, wenn ich all das hätte lesen können auf dem Schild über dem Behandlungsstuhl, während ich einen Bohrer und ein Absauggerät im Mund hatte und Dr. J. Wiesberg konzentriert meinen Zahn behandelte.“
Alle Infos unter: www.deutscher-buchpreis.de
Teil I mit den ersten vier Romane ist hier zu finden, Teil III ist hier zu finden