Acht der 20 Romane, die für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert sind, hat globe-M schon vorgestellt. Die Entscheidung für die Shortlist, also die laut Jury sechs Besten dieser 20, fällt am 8. September.
Bis dahin wollen alle Bücher standesgemäß präsentiert werden. Also, weiter geht’s ...
Nicol Ljubic: Meeresstille
Worum geht`s?
Robert wurde in Deutschland geboren, hat jedoch kroatische Wurzeln – für die er sich nie interessiert hat, bis er der serbischen Studentin Ana begegnet, sich in sie verliebt und sie sich in ihn. Doch Ana hat als junges Mädchen etwas erlebt im Jugoslawien-Krieg, worüber sie nicht sprechen kann. ihr Vater, von ihr liebevoll verehrt und ehemals ein angesehener Shakespeare-Experte, steht als Kriegsverbrecher in Den Haag vor Gericht. Die Liebe zu Ana führt Robert in die Vergangenheit seiner eigenen Familie und in die eines ganzen Volkes.
Der Autor?
Nicol Ljubic wurde 1971 in Zagreb geboren und ist in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland aufgewachsen. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitet für verschiedene Medien als Journalist. Für die Recherche seines Romans „Meeresstille“ wurde er von der Robert Bosch Stiftung mit einem »Grenzgänger« Stipendium gefördert.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Und noch ein „Liebende & Kriegstrauma“-Roman – auf die Shortlist passen nur sechs Romane, ob es da mehrere mit einer ähnlichen Grunderzählung schaffen? Für welchen entscheidet sich die Jury da? Der Balkan-Konflikt, gerade in der Konstellation, wie Ljubic ihn erzählt, ist natürlich spannend.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Ein europäischer Konflikt, der noch so aktuell ist, verbunden mit einer fatalen Liebesgeschichte wird wohl für viele Leser spannend sein.
Und was sagt globe-M?
Mag Ljubic schon aufgrund seiner vorherigen Veröffentlichungen und fühlt sich ein wenig an „Der Vorleser“ erinnert.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Ich hatte uns Tee gekocht, die Tassen auf den Tisch gestellt und dir nach einer Weile den Teebeutel aus deiner Tasse gezogen, ihn um den Löffel gewickelt und ausgewrungen, worüber du dich lustig gemacht hast, so wie du dich auch über die Art lustig gemacht hast, wie ich Joghurtbecher auskratze.“
Kristof Magnusson: Das war ich nicht
Worum geht`s?
Drei Wege, die sich kreuzen: Ein junger Banker, auf dem Sprung zur großen Karriere. Eine Literaturübersetzerin, auf der Flucht vor dem schön eingerichteten Spießerleben mit Weinklimaschrank und Salzmühle mit Peugeotmahlwerk. Ein international gefeierter Schriftsteller mit Schreibblockade und Altersangst. In unheimlichen Zeiten wie diesen befinden sich die drei schnell in einer unüberwindbaren Abhängigkeit.
Der Autor?
Kristof Magnusson wird jetzt schon als großer Favorit gehandelt. Der Schriftsteller mit isländisch-deutschen Wurzeln hat schon mit seinem Romandebüt „Zuhause“ begeistert, seine Theaterstücke sind selbst auf internationalen Bühnen erfolgreich. Und dabei ist der gelernte Kirchenmusiker auch noch sympathisch. Fast schon unheimlich.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Groß, so gegenwärtig wie die von Magnusson erzählte Geschichte ist und soviel Lob, wie der Roman schon in der Presse bekommen hat.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Wahrscheinlich ist Kristof Magnusson die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Ein erfolgreicher Dramatiker, der auch beim typischen Belletristik-Publikum Erfolg hat.
Und was sagt globe-M?
Findet Magnusson vor allem stilistisch äußerst sympathisch und kann sich der Anziehungskraft der Erzählung auch schlecht entziehen. Ein verdienter Favorit.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Um drei tat ich so, als müsste ich aufs Klo, ging auf mein Zimmer, kotzte, duschte, trank zwei Liter Wasser, nahm zwei Magnesiumtabletten, drei Paracetamol, eine Pantozol, packte, nahm ein Taxi nach Heathrow und stieg um 5:03 in dieses Flugzeug zurück nach Chicago.“
Andreas Maier: Das Zimmer
Worum geht`s?
Onkel J., eine geistig zurückgebliebene Zangengeburt und schon Hauptfigur von Maiers Vorgängerbuch, der Kolumnensammlung „Onkel J. – Heimatkunde“, ist ein dreißigjähriges Kind. Seine große Liebe ist ein VW-Variant Typ 3, mit dem fährt er durch das Jahr der ersten Mondlandung. Ein Erinnerungsporträt und Roman zugleich, der auch der Beginn einer Familiensaga sein könnte; und über Zeit, Zivilisation und wie Menschenwürde erhalten bleibt, reflektiert.
Der Autor?
Auch einer der hoch gehandelten Favoriten. Während seine ersten Romane eher Brocken und schwer zugänglich waren, hat Maier mit Onkel J. eine Figur geschaffen, an der die Literaturkritik nichts zu meckern hat. Der studierte Altphilologe und promovierte Germanist wurde von der Wochenzeitung DIE ZEIT als „der begabteste Schwadroneur unter den jüngeren Autoren“ bezeichnet und hatte schon mehrere Poetikdozenturen an verschiedenen Universitäten inne.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Wie gesagt, ebenso wie Magnusson wird Maier jetzt schon als Favorit gehandelt.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Der Vorgängerband „Onkel J. – Heimatkunde“ war erfolgreich, und da die Hauptfigur die selbe bleibt, wird wohl auch „Das Zimmer“ erfolgreich werden.
Und was sagt globe-M?
Findet die Hauptfigur natürlich auch irgendwie spannend. Aber die anderen Autoren legen schon interessante Plots vor.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Ein Spannbock ist noch da, und ich erinnere mich daran, wie J. einstmals in diesen Spannbock, als er noch lebte und noch in der Uhlandstraße wohnte und seine Mutter noch da war und die Welt für ihn in gewisser Weise also noch in Ordnung und nicht völlig beschädigt bzw. zerstört war … wie er einstmals dort Schrauben hineinspannte, mit großer Sorgfalt eine unter mehreren Eisenfeilen auswählte, die Position der Schraube im Spannbock nach einer bestimmten Idee oder einem bestimmten handwerklichen System, das er sich einbildete, noch einmal überprüfte und korrigierte und dann zu feilen begann, wobei ich, das Kind, das damals auch schon eine Kellerwerkstatt hatte, wenn auch ganz anderer Art und im Keller meines Elternhauses ( J. noch mit sechzig, ich bereits mit vier), nie unterlassen konnte zu fragen, wozu er das gerade mache, d. h. , zu welchem Zweck er gerade an der Schraube feile.“
Olga Martynova: Sogar Papageien überleben uns
Worum geht`s?
Das vergangene 20. Jahrhundert Russlands in gewaltiger Bildsprache und eine vergangene Liebesgeschichte, die noch andauert: Die Petersburgerin Marina ist zu Besuch in Deutschland, um bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis zu sprechen. Dort trifft sie auch wieder auf den Russisch-Studenten, den sie vor 20 Jahren in (damals noch) Leningrad liebte. Der erste auf deutsch verfasste Roman der russischen Autorin erzählt in Assoziationen die (Mentalitäts)geschichte eines zerbrechenden Russlands.
Die Autorin?
Jede Menge Vorschusslorbeeren hat die Lyrikerin und Essayistin Martynova für ihren Roman bekommen, stand dieser doch schon im Juli 2010 auf der renommierten Bestenliste des SWR. Der Droschl Literaturverlag, bei dem der Roman erscheint, ist einer der ganz ambitionierten, kleinen Verlage und bekannt für anspruchsvolle Literatur.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Die Literaturkritik überschlägt sich fast vor Lob auf den Roman und in der Jury sitzen viele Journalisten. Dementsprechend riesig sind die Chancen des Romans.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Die kleinen Verlage tun sich ja eher schwer mit groß angelegtem Marketing, doch bei so viel Medienresonanz wird es der Roman wohl auch problemlos in die kleineren Buchhandlungen schaffen. Ob nun das Thema Russland, auch noch bearbeitet von einer „Eigentlich-Lyrikerin“, spannend ist für ein breites Lesepublikum, bleibt abzuwarten.
Und was sagt globe-M?
Das ist ja schon ein Brocken, trotz der relativ geringen Seitenzahl von 208. Aber an sich zollt globe-M der Autorin Respekt dafür, dass sie einen Roman in einer Sprache schreibt, die nicht ihre Muttersprache ist. Und mag den Tonfall.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Ende der 80er gab es in einigen Familien Dinge von früher, solche, die in den 20ern nicht beschlagnahmt, in den 30ern nicht gegen faule, süß gewordene Kartoffeln getauscht, in den 40ern nicht in den niedergebombten Häusern abgebrannt oder geschmolzen, in den 50ern nicht verkauft und in den 60ern nicht auf der Welle der »Wissenschaftlich-Technischen Revolution« weggeworfen worden waren (in den 80er-Jahren lernte ich einen Mann kennen, der zu Tauwetterzeiten die Müllgruben durchkämmt und diesen kleinbürgerlichen Abfall aufgelesen hatte. Er verkaufte alles an Sammler, Antikmöbelhändler und auch Museen und wurde zu einem Undergroundmillionär. Er sah abgezehrt aus, als ob er hungere. Ich weiß noch, dass er zu dem damals am häufigsten besprochenen Thema Emigration meinte, ausreisen solle nur der, der sich hier ein Flugzeug nur deshalb nicht kaufen kann, weil es nicht erlaubt ist).“
Alle Infos unter: www.deutscher-buchpreis.de
Teil I der Reihe "Bester Roman 2010?" ist hier zu finden, Teil II hier. Und Teil IV hier.