Lieber spät als nie. Und man kann ja auch einfach mal so tun, als wäre nichts passiert. Als wäre die Entscheidung der Shortlist noch nicht gefallen. Etliche Verquickungen in musikalische Aktivitäten haben aufgehalten,
nun ist die Shortlist schon raus, bevor die Rezensentin alle Bücher vorstellen konnte. Aber sie hat sich – versprochen – die Shortlist nicht angesehen.Und macht einfach so weiter, als wäre nichts gewesen.
Martin Mosebach: Was davor geschah
Worum geht`s?
„Die Füße im Bett, den Kopf in der Schlinge“ titelte die FAZ in ihrer Kritik über Mosebachs neusten Roman und trifft es damit auf den Kopf: Ein Mann Mitte 30 wird von seiner Geliebten im Bett gefragt, was da eigentlich vor ihr war. Es gibt auf diese Frage bekanntlich keine Antwort, die nicht ein riesiges Konfliktpotential bietet; doch Mosebachs Hauptfigur eröffnet als Antwort ein Figurenkaleidoskop, wie es sonst nur in den großen Gesellschaftsromanen des letzten Jahrhunderts so ineinander verkantet zu sehen war.
Der Autor?
Auch wieder einer der ganz Großen, der schon etliche Preise abgesahnt hat und nahezu alle Textformen beherrscht. Die Kritik spaltet Mosebach, seine Essays haben ihn im Feuilleton zumeist beliebter gemacht als seine Romane – das wird sich wohl mit „Was davor geschah“ ändern.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Groß, so simpel die Ausgangslage und so riesig und klug die Erzählung, die dabei herauskommt. Die Chancen auf dem Buchmarkt? Mindestens genauso groß, so nachvollziehbar, wie die Ausgangsituation des Romans auch für den „Durchschnittsleser“ (soweit es so einen gibt), ist.
Und was sagt globe-M?
Findet den Entwurf auch spannend und freut sich über Autoren, die mehr können als nur Romane.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Die Kastanie war wie ein gigantischer Schwamm, der das flüssige Sonnenlicht in sich hineinsaugte und auf den sanften Druck des Sommerwindes hin wieder abgab, hellgrün gefärbt wie das Wasser in einem großen alten Glas.“
Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise
Worum geht`s?
Der 95-jährige Exilrusse und emeritierte Professor Kokoschkin reist auf dem berühmten Kreuzfahrtschiff Queen Mary 2 von – natürlich – Southampton nach New York und erzählt auf der Fahrt über 100 Jahre Zeitgeschichte von der Oktoberrevolution bis zur Gegenwart.
Der Autor?
Eine der spannendsten DDR-Schriftsteller-Biografien überhaupt. Schädlich wurde 1935 in Sachsen geboren und wuchs in der DDR auf, er war zeitweise wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ost-Berlin. Schon damals wurden seine literarischen Arbeiten von Lektoren hoch geschätzt, blieben allerdings aufgrund der harschen DDR-Zensur unveröffentlicht. Aufgrund seiner Kritik an den Zuständen in seinem Land war er staatlichen Schikanen ausgesetzt. 1977 veröffentlichte er regimekritische Texte im westdeutschen Rowohlt Verlag und wurde von der westdeutschen Literaturkritik gefeiert, im gleichen Jahr wurde seinem Ausreiseantrag stattgegeben. In den 90er Jahren erfuhr er aus seinen Stasi-Unterlagen, dass sein älterer Bruder über ihn und andere, zum Beispiel Günther Grass, für die DDR-Staatssicherheit gespitzelt hatte.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Wieder eines der Bücher, dass durch die Literaturkritik sehr viele Vorschusslorbeeren sammeln konnte – und auch der Autor ist durchaus preiswürdig.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Böse gesagt: Wer schon einmal in Hamburg auf dem „Queen Mary 2“-Day in Hamburg war, weiß, wie viel Publikum allein dieser Name anzieht. Wenn das dazu führt, dass viele Menschen anspruchsvolle Bücher kaufen, umso besser.
Und was sagt globe-M?
Findet zwar alte Herren als Hauptfiguren nicht so spannend, mag aber die Erzählkonstruktion grundsätzlich schon.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Einen Kleinwüchsigen soll man einen vertikal Herausgeforderten nennen.“
Andreas Schäfer: Wir vier
Worum geht`s?
Ein Familientrauma mit Folgen: Nachdem ihr Sohn umgebracht wurde, gaben Lothar, der Pilot, und seine Frau Ruth, eine Stewardess, ihre Berufe auf. In der „Rest-Familie“ herrscht Unfrieden, der „übriggebliebene“ Sohn Merten glaubt als Einziger zu wissen, warum sein Bruder ermordet wurde. Und auch, als der Mörder vor Gericht lebenslänglich bekommt, ist in der Familie keine Erleichterung zu spüren.
Der Autor?
Der 1969 in Hamburg geborene Autor trat bisher hauptsächlich als Journalist in Erscheinung. Er zählt zu den jüngeren Autoren auf der Longlist.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Dieses Ensemble-Kammerspiel ist nicht leicht zu erzählen und das wird auch Anerkennung bei der Jury finden. Ob diese familiäre Problematik ausreicht, um zu beeindrucken, ist fraglich.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Eine sehr weltliche Geschichte, im Kleinen erzählt, die bestimmt ihre Leser finden wird.
Und was sagt globe-M?
Ist das irgendwie ein bisschen zu wenig. Mag aber den konsequenten Umgang mit Geräuschen in dem Text.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„In den letzten Monaten war es vorgekommen, dass er mitten in der Nacht Löcher für neue Rosenstöcke ausgehoben hatte, und bei der Vorstellung, dass er gleich die bemoosten Stufen zur hinteren Terrasse hinaufstapfen und im gelblichen Licht der Ballonlampen seinen Spaten in die Erde stoßen könnte, presste sie kurz die Augen zusammen und drehte sich ruckartig zur Tür, um das Bild zu vertreiben.“
Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf
Worum geht`s?
Ihre Geschichte ist in gewisser Weise auch die Geschichte Europas: Ildeko erzählt die Geschichte ihrer Familie, die aus einem serbischen Dorf in die Schweiz auswanderte und dort eine Cafeteria betreibt. Die Schweiz ist ihr Zuhause, doch keine Heimat. In diese kehrt die Familie Kocsis immer wieder zurück, auch wenn sie dort, in diesem serbischen Dorf, Teil einer ungarischer Minderheit ist.
Die Autorin?
Melinda Nadj Abonji wurde 1968 in Serbien geboren, studierte in der Schweiz und ist ein Multitalent: So trat sie bisher nicht nur als Schriftstellerin in Erscheinung, sondern auch als Musikerin, Performerin und Hochschuldozentin.
Die Chancen bei der DBP-Jury?
Es klingt immer so böse, von einem Trend zu sprechen, aber die innereuropäischen Identitätsprobleme sind sein solcher in der Literatur, das lässt sich nicht leugnen. Dass aber gerade der von Abonji erzählte Konflikt besonders persönlich und spannend ist, kann man genauso wenig leugnen. Also, große Chancen, ganz klar.
Die Chancen auf dem Buchmarkt?
Jung und Jung ist einer der wenigen kleinen Independent-Verlage auf der Longlist. Man darf hoffen, dass die Nominierung ihm viele neue Leser einbringen wird.
Und was sagt globe-M?
Mag grundsätzlich authentische Bücher, bei denen mit nur einem Blick auf die Vita der Autorin feststellen kann, dass dort etwas Autobiographisches erzählt wird.
Der schönste Satz aus der Leseprobe:
„Wir fahren ein, gleiten durch die mit majestätischen Pappeln gesäumte Strasse, die Allee, welche die Kleinstadt vorankündigt, und ich habe es nie jemandem gesagt, dass mich diese zum Himmel strebenden Bäume in einen schwindelerregenden Zustand versetzen, einen Zustand, der mich mit Matteo kurzschliesst (der Taumel, dem ich verfalle, als Matteo und ich uns endlos im Kreis drehen, auf der schönsten Lichtung des Dorfwaldes, innig, seine Stirn auf meiner, später dann Matteos Zunge, die eigenartig kühl ist, seine schwarzen Körperhaare, die sich so an seine Haut schmiegen, als wären sie ihrer hellen Schönheit völlig ergeben).“
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 der Serie.
Alle Infos zum DBP sind hier zu finden: www.Deutscher-Buchpreis.de