Die Kriegskinder vom Kloster Indersdorf

Michael Haas am 16.11.2011
Zurück ins Leben, ANTOGO Verlag
Zurück ins Leben, ANTOGO Verlag
Greta Fischer, Foto USHMM
Greta Fischer, Foto USHMM
Sport im Kloster Indersdorf, Foto USHMM
Sport im Kloster Indersdorf, Foto USHMM

Sommer 1945. Durch die Trümmerwüste Deutschlands irren Millionen Entwurzelter. Darunter Kinder: Babys von Zwangsarbeiterinnen, Kriegswaisen, Jugendliche,

die deutsche Konzentrationslager und Sklavenarbeit überlebt hatten, ohne Kleidung und Nahrung, und vor allem zutiefst traumatisiert. Das Kloster von Markt Indersdorf wurde für sie ein Ort des Neuanfangs.

Die Geschichte dieser Kinder beschreibt die Dachauer Historikerin und Gymnasiallehrerin Anna Andlauer in ihrem Buch „Zurück ins Leben“. Bei ihrem Recherche-Puzzle befragte sie ehemalige „Klosterkinder“ und wertete neben Archivdokumenten auch den Erlebnisbericht der deutschstämmigen Jüdin Greta Fischer aus, die zum internationalen Betreuerstab in Markt Indersdorf gehörte. Die gelernte Kindergärtnerin hatte Ende der dreißiger Jahre aus Mähren nach England fliehen müssen. Ihre Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet. In London lernte sie Anna Freud, die Tochter des Begründers der Psychoanalyse kennen, die sie in der Traumtherapie mit Kindern einführte. Diese Kenntnisse halfen Fischer bei ihrer späteren Arbeit mit den entwurzelten Jugendlichen.

Schatten der Vergangenheit

Das Kloster Indersdorf nordöstlich von München war die erste internationale Betreuungseinrichtung für Kinder in Nachkriegsdeutschland. Eingerichtet wurde sie im Juni 1945 von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), einer Vorläufer-Organisation des heutigen UN-Flüchtlingshilfswerks. Die Herausforderung für das Team war enorm: Die Mitarbeiter mussten nicht nur die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Heizmaterial und Medikamenten in einem total zerstörten Land sicherstellen, sondern erst einmal das Vertrauen ihrer verstörten Schützlinge gewinnen. Es dauerte, bis die Kinder aufhörten, Brotkrusten unter dem Bettkissen zu verstecken oder jeden Bissen herunterzuschlingen, aus Angst, jemand könnte ihnen das Essen stehlen oder wieder wegnehmen. Das viel zitierte Schlagwort von der „Stunde Null“ war für diese Kinder besonders absurd: Die Erinnerung war übermächtig. In den Betreuern fanden sie Zuhörer, denen sie ihre grauenhaften Erlebnisse von Lagern, Ghettos und ständiger Angst stundenlang immer wieder erzählen konnten.

Kleine Schritte zurück ins Leben

Alle Altersgruppen waren vertreten: Säuglinge, die erst wenige Monate alt waren, aber auch einige junge Erwachsene über Zwanzig, und viele Kinder, die ihr wahres Alter nicht kannten. Die Kinder körperlich wieder aufzupäppeln, erwies sich als die leichtere Aufgabe, wesentlich schwieriger war ihre seelische Gesundung. Die so dringend benötigte psychologische Betreuung wurde durch den Mangel an qualifiziertem Personal zusätzlich erschwert. Die Älteren hatten die brutalen Regeln der Lagerwelt verinnerlicht: Lügen, Stehlen, Täuschen und Betrügen hatten oft ihr Leben gerettet, ein ziviles Sozialverhalten kannten sie nicht mehr. Gerade für die Halbwüchsigen war der Weg „zurück ins Leben“ steinig: Sie mussten erst wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen und die Regeln einer Gemeinschaft zu akzeptieren. Hinzu kamen nationale und religiöse Vorurteile in der zusammen gewürfelten Schar, wobei die Betreuer sogar mit Antisemitismus konfrontiert wurden. So wollten sich manche Jugendliche aus Polen oder Ungarn anfangs nichts von jüdischen Betreuern sagen lassen: Auch in diesen Ländern waren bereits vor dem Krieg antijüdische Einstellungen verbreitet gewesen.

Um den Jugendlichen den Start in ein neues Leben zu ermöglichen, legte das Betreuer-Team besonderen Wert auf schulische und berufliche Ausbildung, aber auch Sport und Theater spielten eine wichtige Rolle. Allerdings empfing die Weltgemeinschaft die „Klosterkinder“ nicht gerade mit offenen Armen. Die Vereinigten Staaten, England, Kanada und einige südamerikanische Staaten nahmen ein paar Hundert auf. Palästina stand unter britischem Mandat, so dass viele jüdische Jugendliche erst nach der Gründung Israels 1948 legal einwandern konnten.

Andlauers bemerkenswertes und mit Schwarzweiß-Fotografien reich illustriertes Buch zeigt, dass die Arbeit des Indersdorfer Teams insgesamt eine Erfolgsgeschichte war. Bis zu 350 Kinder betreute es gleichzeitig, weit über 1000 wurden insgesamt im Kloster Indersdorf versorgt. Greta Fischer starb 1988 im Alter von 78 Jahren. Nach ihr ist heute eine Schule benannt: Das Sonderpädagogische Förderzentrum Dachau sieht sich ihren „hohen humanen und ethischen Werte im Umgang mit Kindern und Jugendlichen“ verpflichtet. 

Weitere Informationen

Anna Andlauer, Zurück ins Leben. Das internationale Kinderzentrum Kloster Indersdorf 1945-46, Nürnberg 2011, 189 S., ISBN 978-3-938286-40-1

Lesungen:
02. Dezember 2011, 19:30 Uhr, Stadtbücherei Dachau
24. Januar 2012, 19:30 Uhr, Weichs, Bürgerhaus

 
 

Folge globe-M auf Twitter