Die rote Traumfabrik

Victoria Belikova am 05.02.2012
Szenenbild aus "Oktober" von Sergej Eisenstein
Szenenbild aus "Oktober" von Sergej Eisenstein

Trotz fehlender russischer Beiträge im Wettbewerb, ist die Präsenz Russlands auf der diesjährigen Berlinale nicht zu übersehen – der Klassik sei Dank. Sergej Eisensteins Meisterwerk „Oktober“ bildet einen glanzvollen Auftakt.

Der Wettbewerbsfilm „Jayne Mansfield’s Car“ von Billy Bob Thornton läuft, formal gesehen, unter russischer Flagge. Produziert wurde er von Alexander Rodnyansky, dem einflussreichen Besitzer eines großen Filmvertriebs. Das Drama aus der amerikanischen Provinz der 1960er hat aber nichts mit Russland zu tun. Es gibt noch einen Spielfilm in der Sektion Panorama, einen bei Forum und einen Kurzfilm in Generation –  für ein Land, in dem jährlich etwa 200 Lang- und über 300 Kurzfilme gedreht werden, eine viel zu kleine Präsenz auf einem der drei wichtigsten Festivals der Welt.

Pfiffige Geschäftsideen und politischer Auftrag

Und dennoch wird der Ruf Russlands als einer großen Filmnation auf der 62. Berlinale bestärkt. Dafür sorgt die Retrospektive „Die rote Traumfabrik“, die an die Zeit erinnert, als Russland die cineastische Avantgarde anführte. Das Programm mit über 40 Filmen aus den 1920er und 1930er Jahren ist das Ergebnis einer aufwändigen, mehrjährigen Recherche, die es erlaubt, neben berühmten Meisterwerken auch zahlreiche Raritäten zu sehen. Sie alle stammen aus dem einzigartigen deutsch-russischen Filmstudio „Meschrabpom-Film“, das von der Retrospektive nun wiederentdeckt wird.

1922 taten sich der russische Filmprofi Moissej Alejnikow und der deutsche Kommunist Willi Münzenberg zusammen und gründeten ein Filmstudio in Moskau mit einer Zentrale in Berlin. Aus einer Mischung aus pfiffigen Geschäftsideen, politischem Auftrag, Gespür für die richtigen Stoffe und einer großen Lust an neuer Kinosprache wuchs ein erfolgreiches Medienunternehmen, das im Laufe seiner 14-jährigen Geschichte rund 600 Filme herausbringen konnte. Mitte der 1930er Jahre wurde das einmalige internationale Experiment von den Diktaturen Hitlers und Stalins gewaltsam beendet.

Zusammengestückeltes Meisterwerk

In enger Verbindung zur Retrospektive „Die rote Traumfabrik“ steht die Aufführung von Sergej Eisensteins „Oktober“ aus dem Jahr 1928. Der Film über die Oktoberrevolution von 1917, ein Meisterwerk und ein Meilenstein der Filmgeschichte, wird am 10. Februar im Friedrichstadtpalast gezeigt. Eigens dafür wurde die Kopie auf der Grundlage der von Naum Kleiman restaurierten Fassung von 1960 buchstäblich zusammengestückelt: Einzelne Teile kamen aus dem staatlichen Filmarchiv Gosfilmofond, dem Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, der Deutschen Kinemathek und dem Film Institute Netherlands in Amsterdam. Naum Kleiman, ein renommierter Filmhistoriker und Eisenstein-Spezialist, der heute das Moskauer Filmmuseum leitet, wird bei der Premiere des wiederhergestellten „Oktobers“ als Ehrengast selbstverständlich dabei sein. Die Aufführung des Meisterwerkes mit der originalen Musik Edmund Meisels vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin – 84 Jahre nach seiner Uraufführung im Moskuaer Bolschoj Theater – ist zweifelsohne ein Glanzstück der diesjährigen Berlinale.

Weitere Informationen:
Berlinale online
 

 
 

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