Divenopfer

Jan Fischer am 31.12.2011
Thomas Kapielski mit Technik und Vernichtungsbuch / Foto: Jan Fischer
Thomas Kapielski mit Technik und Vernichtungsbuch / Foto: Jan Fischer
Dr. Prolls Herzpunkt / Foto: Jan Fischer
Dr. Prolls Herzpunkt / Foto: Jan Fischer
Knusti und Kapielski halten vor Panzern Hof / Foto: Jan Fischer
Knusti und Kapielski halten vor Panzern Hof / Foto: Jan Fischer
Ein Arrangement von Dr. Proll / Foto: Jan Fischer
Ein Arrangement von Dr. Proll / Foto: Jan Fischer

Der Multifunktionskünstler Thomas Kapielski verschränkt in Hannover sein Werk mit dem des lokalen Künstlerkollektivs Dr. Proll. Und opfert für das Herumsitzen hinterher sich selbst als Diva.

Anfangs hält Kapielski Hof. Vielleicht will er das gar nicht, vielleicht ist es auch einfach so, weil das nun mal eine Austellung ist, und das bei sowas halt so ist. Man weiß es nicht. Aber in einer Ecke der Blauen Halle in der Eisfabrik lümmelt er unter einer Stehlampe vom Sperrmüll auf einem grünen Sofa rum. Links von Kapielski Hans-Joachim Knust - „Knusti“ für Freunde und alle anderen – das Herzstück des Künstlerkollektivs Dr. Proll. Immer wieder kommt jemand, wechselt zwei, drei Worte mit Kapielski, mit Knusti, macht seine Aufwartung, sitzt ein paar Minuten mit den beiden rum, und geht dann wieder.

Die beiden Angespülten

Die beiden sind auf Einladung des hub:kunst.diskurs in der Blauen Halle angespült worden, dessen Jahresprogramm 2011 unter dem Titel support immer wieder versuchte, verschiedenste Künstler und Kunstformen miteinander zu paaren, und daraus ein Kunstdiskurskind zu zeugen. Zu erklären, wer nun diese beiden sind – Knusti und Kapielski - und warum ausgerechnet sie dort sitzen, das führt einen tief in das Herz der klassischen Alternativen Szene Hannovers, der lokalen Ausformung dieser sich selbst immer noch als links sehenden Szene, die langsam aber sicher nicht nur in Hannover wegbröckelt. Die Übriggebliebenen halten im hannoveraner Hauptquartier der Szene tapfer die Fahne hoch. Dieses Hauptquartier hieß früher Silke Arp bricht - gleichzeitig der Name einer Truppe von Veranstaltungsmachern und eines standesgemäß ranzigen Kulturzentrums - so lange, bis es Probleme mit dem Gesundheitsamt gab. Seitdem ist nur noch das obere Stockwerk zugänlich, und der Laden heißt Oberdeck. Knusti ist eng mit dem Oberdeck verbunden, und dadurch eben auch das Künstlerkollektiv Dr. Proll, dessen Werke sich eher dem – im besten Sinne – gehobenen anarchischen Readymadeperformanceblödsinn zuordnen lassen: Jedes Jahr zum Jahrestag der Gründung der ehemaligen DDR veranstaltet die Gruppe eine Spielzeugpanzerparade, die Panzer sind säuberlich in der Blauen Halle aufgereiht. Die Gruppe verfügt über eine beindruckende Sammlung von Aldi-Tüten, jede davon erworben in einer anderen hannoveraner Aldi-Filliale, außerdem über ein Modell des havarierten russischen U-Bootes Kursk, sorgfältig konserviert im salzhaltigen Wasser des Flüsschens Fösse. Der am ehesten als Multifunktionskünstler zu bezeichnende Autor, Bildende Künstler und Performer Thomas Kapielski wiederum pflegt seit Jahren, seit seinem ersten Auftritt im Silke Arp bricht eine innige Beziehung zu den Leuten, die dort herumhängen und -hingen: Auch Kapielski ist in seinen Werken immer eher dem anarchisch-absurdem Blödsinn mit Tiefgang verpflichtet, sein Werk umfasst einen in Öl gemalten Schinken mit dem Titel Ölschinken, seine Bücher – unter anderem Davor kommt noch. Gottesbeweise IX - XII, Danach war schon. Gottesbeweise I – VII und Aqua Botulus sind vollgestopft mit hinreißend komischen, absurden Alttagsbeobachtungen. Seine Seminare an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig befassten sich unter anderem mit dem Herumsitzen und Dia-Abenden. 

Vernichtungen

Das wäre dann also die Konstellation, das wäre, was die zwei Menschen, die auf dem grünen Sofa Hof halten, repräsentieren, zeigen, sind. Der Abend, derjenige, der nach dem Hofhalten beginnt, trägt den Titel Vernichtungen, und das klingt an sich schon einmal gut. Wenn Knusti und Kapielski etwas vernichten, macht das allen Spaß. Der Titel des Abends, lässt Kapielski dann verlauten, als es losgeht, ist einem Buch entnommen, das Knusti irgendwann  mal irgendwo aufgetrieben hat: Es stammt aus der ehemaligen DDR, und ist im Grunde nur ein Verzeichnis, in dem die Vernichtung geheimer Akten eingetragen werden sollte. Knusti benutzt es, um darin skurrile Zeitungsartikel zu sammeln. Aus diesen Artikeln, verkündet Kapielski, würde er nun lesen. Danach vielleicht noch etwas aus einem seiner Bücher. Kapielski ist einer dieser Menschen, die alles lesen könnten, es wird unter Garantie lustig. Er könnte Einkaufszettel nehmen, Lexikoneinträge, irgendwas. Also lachen die Leute auf ihren Klappstühlen während Kapielski das berührende Schicksal der genetisch manipulierten Mäuse Yoda und Prinzessin Leia verliest, über ein Semikolon in einer Kolumne stolpert, und erklärt, in journalistischen Texten sei das sehr selten, und dergleichen mehr; alles in allem ist das großartig: Knustis Sammlungen an Zeitungsartikeln sind an sich schon lustig, und Kapielskis minimalistisch-sarkatischer Lesehabitus transzendiert sie derart ins Absurde, dass man sich wundert, wie die Klapptstühle das Lachen des Publikums überhaupt aushalten.

Und am Ende ist kein Ende

Und dann ist es vorbei. Einfach so, nach einer halben Stunde, einer Stunde vielleicht. Das Buch, aus dem Kapielski noch lesen wollte, lag die ganze Zeit neben ihm auf dem Sofa, er lässt es unauffällig in seiner braunen Ledertasche verschwinden, und erklärt seinen Beitrag zu dem Abend für beendet. Er hätte keine Stimme mehr, sagt er, das passiere, wenn er ohne Mikro lesen müsse. Vielleicht stimmt das, vielleicht hat er auch einfach keine Lust mehr, vielleicht passt ihm die Atmophäre nicht. Kapielski hält weiter Hof, man könnte ihm eine gewisse Divenhaftigkeit attestieren, eine Art Barbara-Streisand-Feature, vielleicht auch Axl Rose: Wenn dem Mann etwas nicht passt, könnte man denken, tritt der einfach nicht auf. Und kann es sich leisten. Allerdings geht niemand. Das Publikum räumt die Klappstühle beiseite, und bleibt einfach, raucht vor der Tür, trinkt noch ein Bier, isst so lange Knabberzeugs und Vernissage-Häppchen, bis nichts mehr davon da ist. Das eigentlich Wichtige ist vielleicht, dass Thomas Kapielski hier ist, dass er Hof hält, dass er seine Aura nur kurz einmal aufstrahlen lässt, das, was man bei oberflächlicher Betrachtung für divenhafte Attitüde halten könnte. Es sind die Leute, die hinterher noch bei Knabberkram und Bier zusammensitzen: Fast alle der Anwesenden sind irgendwie freundschaftlich mit dem Oberdeck verbunden, sind selber Künstler, Veranstalter, machen irgendwas mit Kultur. Es geht gar nicht darum, dass alle diese Leute sich eine Lesung anschauen. Es geht darum, dass sie hinterher miteinander reden, neues planen, dass sie trinken und essen, und mit neuen Ideen oder zumindest interessanten Gesprächen nach Hause gehen: Kapielski ruft, sie kommen. Und der Meister des Herumsitzens opfert sich selbst als Diva, damit die Leute was zum Reden haben. Oder zumindest noch in Ruhe mit den Panzern spielen können.

Weitere Informationen

Die Website des hub:kunst.diskurs

 
 

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