Einfach mal empört sein

Jan Fischer am 14.02.2011
Cover: Die Meckerziege empört sich / Design: Ludger Jansen, Sebastian Lechler
Cover: Die Meckerziege empört sich / Design: Ludger Jansen, Sebastian Lechler

Die Empörung ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das neu gegründete Magazin „echauffier“ setzt sich mitten rein.

 Der schönste Artikeltitel in der ersten Ausgabe des „echauffier. Magazin für Empörung“ ist: „Geht Kacken!“ Das bringt alles ziemlich gut auf den Punkt: die überbordende Freude an der Polemik, die wütende Kraft zwischen den Zeilen, und vor allem den Spaß daran, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Man könnte das einfach so ins Altpapier werfen, wenn der „echauffier“ eines dieser zusammengeklebten Subkultur-Blättchen wäre, oder irgendein Wutblog, das keine 50 Klicks pro Monat erreicht. Aber das ist es nicht. Auf der Rückseite prangt stolz das Logo der Europäischen Union und die Autoren sind nicht einfach irgendwer. Beispielsweise ist der Autor von „Geht Kacken!“ ehemaliger Redakteur von NDR, Pro7 und RTL. Insgesamt bietet echauffier kein schlechtes Line-Up an renommierten Autoren.

Kraftmeierei auf hohem Niveau

Aber das sind nur die Gastautoren. Der „echauffier“ ist eigentlich ein studentisches Projekt, Journalismusstudenten sind dabei, Mediensoziologen, Philosophen, quer durch die Universtitäten und Fachbereiche. Trotz aller Freude an der Polemik ist der „echauffier“ auch ein Diskursblatt, dass sich eben nicht in seiner Freude am Empören verliert. Man kann da jetzt aufstöhnen, und das ganze als studentische Kraftmeierei abtun, und das ist sicher nicht ganz falsch. Aber es ist Kraftmeierei auf hohem Niveau, mit Artikeln, in denen gesellschaftliche Strömungen sehr genau gesehen und genüsslich auseinandergenommen werden, mit einer Kraft und Freude an der Sache, die manchem etablierten Journalisten irgendwann verloren gegangen ist.

Wutbürger

Das Wort Empörung ist ja nicht einfach aus der Luft gegriffen: Man muss nicht gleich Worte wie Revolution in den Mund nehmen und bedeutungsschwanger Richtung Ägypten zeigen, aber irgendetwas passiert. Das sind einmal die kleinen Dinge wie der offene Brief mit dem Titel „Ja, habt ihr den gar keinen Stolz?“ in dem einer der federführenden Blogger Deutschlands, Mario Sixtus, die Printmedien auffordert, doch lieber aus dem Internet zu verschwinden als das neue Leistungsschutzrecht anzuwenden. Der Brief verbreitete sich innerhalb weniger Stunden quer durchs Netz. Da ist die breite Unterstützung für Wikileaks. Da sind hunderte Menschen, die bekennen, mehr Angst vor übereifrigen Politikern zu haben als vor Terrorismus. Solche Beispiele ließen sich seitenlang finden. Wenn Protest viral zur Mode mutiert, wenn „Wutbürger“ das Wort des Jahres ist, dicht gefolgt von „Stuttgart21“, „schottern“ „Cyberkrieg“ und „Wikileaks“ dann ist die Kacke vielleicht noch nicht am Dampfen, aber sie wird auf jeden Fall ordentlich erhitzt. Und mit den ganzen Diskussionen über Stutgart 21, dem Castor-Transport, der Wikileaks-Diskussion, dem „Wutbürger“ - erfunden im hochherrschaftlichen SPIEGEL – sickerte im vergangenen Jahr diese Unzufriedenheit, und die Empörung, mitten hinein in die Mainstream-Medien.

Die eigene Meinung an den anderen reiben

Der „echauffier“ setzt sich mitten rein in diesen ganzen Wust aus Unzufriedenheit, und fächert ihn auseinander: Sei es die Integrationsdebatte, seien es Angstprediger, oder der Wutbürger selbst. Symptome der Unzufriedenheit werden auseinandergebaut und diskursiv beleuchtet. Der „echauffier“ lohnt sich nicht wegen seines Informationswertes – die meisten Artikel sind wütende Essays, die zumindest einen regelmäßigen Zeitungsleser voraussetzen. Das Magazin lohnt sich vor allem, um die eigene Diskursfähigkeit mal wieder ordentlich auf Trab zu bringen, den Konsens einfach mal Konsens sein zu lassen und –  sei es nur spaßeshalber – die eigene Meinung an der der Autoren zu reiben. Das ist genau das, worum es in dem Artikel „Geht Kacken!“geht: Einfach mal nicht einverstanden sein. Sich einfach mal empören. Nur, um zu sehen, was passiert. 

Weitere Informationen

Die Onlineausgabe des "echauffier": http://www.echauffier.de/magazin/