Frühlings Erwachen im Berliner Acud

Justinus Pieper am 19.06.2011
Frank Wedekind
Frank Wedekind
Melchior und Wendla
Melchior und Wendla
Melchior und Moritz
Melchior und Moritz
Fiat Lux!
Fiat Lux!

Frank Wedekinds frühes Stück Frühlings Erwachen in der Inszenierung der Theatergruppe Lux verblüfft unseren Kritiker im Berliner Acud-Theater.

Startschwierigkeiten

Wir Kritiker von Globe-M nehmen uns, wenn der Weg sich zu lohnen verspricht, ja viel vor. Auch wenn das manchmal richtig schwerfällt. Zum Beispiel, wenn man ärgerlicher Weise fußverletzt ist. Und den Theater-Fahrstuhl nicht finden kann.

Das ist der wahre Grund für den Ärger des Kritikers, auch wenn er einen wunderbaren Sitzplatz in der ersten Reihe hat. Er hofft auf eine sehr verkürzte Inszenierung, denn ohne weiteres kann er hier nicht weg; und auf einen doppelten Whisky, denn Schülertheater, so erscheint ihm das hier zunächst, schlägt ihm gewaltig auf den Magen. Was ihn als Fußlahmen außerdem verunsichert: Das Stück beginnt in absoluter Finsternis. Direkt vor ihm auf der nicht abgetrennten Bühne befinden sich bereits die sehr agil wirkenden, jugendlichen Schauspieler. Der Kritiker rechnet mit allem. Vorsichtshalber zieht er seinen kranken Fuß ein.

Das oberminimalistische Bühnenbild, das vor Beginn unter einer Art Notbeleuchtung eben noch wahrzunehmen ist, ist diese Bühne selbst, schwarz eingefasst und ein bisschen schmuddelig. Als einzige Dekoration befinden sich in der Mitte rund 30 schwere Hausbausteine, zur Grenzlinie aufgestapelt, auf der sich barfuss herrlich balancieren lässt, und die für allerlei symbolisch-figürliche Untermalungen geeignet ist: Damit lassen sich neue Grenzen ein- und gewisse Vorgänge, wie kopulierende Hunde, Katzen oder Menschen, nachbauen – man muss Titel und Inhalt des Stücks ja irgendwie gerecht werden.

Überraschung!

Nach einer Stunde zieht einen das Stück jedoch  in seinen Bann. Nicht nur das Werk steigert sich, es steigern sich auch die Schauspieler. Herrlich aasig ist der Rektor, gespielt von Kai Grondke. Immer stärker auch Ben Egger und Tobias Kluge als Moritz und Melchior. Bettina Sauer als bürgerglich-bigott verklemmte Mutter Bergmann und Katharina Mann als aufgeklärt-liberale Mutter Gabor wissen ebenfalls zu überzeugen. Eliza Latein gibt die von Melchior verführte oder eher vergewaltigte Wendla, auch sie von einer packenden Bühnenpräsenz. Kompliment an Regisseur Sebastian Zett und seinen Assistenten Jascha Riesselmann – eigentlich kann man Frühlings Erwachen nur so inszenieren: mit hochbegabten Laien, extrem motiviert, noch nicht allzu weit weg von der entsprechenden Problematik. Frisch, jung, unverfälscht. Und nicht bräsig verschmockt und bedeutungsschwanger bramarbasierend und damit letztlich zynisch, wie leider allzu oft an den etablierten Bühnen.

Erfrischend war ebenfalls, dass keine brüllenden Nackten auftraten. Es kam zu keinerlei Blut- oder Kotverschmierungen. Es schmuggelte sich auch keine E-Gitarre ins Stück. Es wurde nur, und auch das Gott sei Dank bloß pantomimisch, Klavier gespielt. Nein, es geht brutal auch mit Dezenz! Das reduzierte „Bühnenbild" und die sparsam eingesetzte Alptraum-Musik unterstreichen das. Letztere, wider Erwarten nur gemäßigt subversiv und vor allem erträglich laut, ist an den passenden Stellen eingesetzt. Das wirkt rund, das greift ineinander, das erscheint nachvollziehbar.

Nach dem Ende des Stücks gibt es auch an dieser Front Entwarnung: Ein freundlicher Mitarbeiter weist den Weg zum geschickt getarnten Fahrstuhl, und der Kritiker findet einigermaßen sicher ins Freie.

So lautet denn auch das Fazit: großartig – überhaupt kein typisches Studenten- oder Schülertheater. Wirklich großartig.

Hingehn – die können was!

Weitere Informationen

Wo?  - www.acud.de

Wer? -  www.lux-theater.de