
Manchmal bleibt die Zeit stehen. Wenn ein DDR-Soldat über einen Stacheldrahtzaun in den Westen springt, zum Beispiel. Die Ausstellung „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte“ im Historischen Museum Hannover befasst sich mit solchen Tröpfchen gefrorener Zeitgeschichte.
"Befassen" ist auch das richtige Wort dafür. "Behandeln" kann man kaum sagen, das ließe sich nicht machen. Der Raum ist viel zu klein dafür, alles zu erklären, was da in ihn hineingestopft worden ist, denn das ist nicht weniger als eine kleine Bildergeschichte des 20. Jahrhunderts: In der einen Ecke hisst ein Rotarmist eine sowjetische Flagge auf dem Reichstag, direkt daneben ein Trupp US-Soldaten eine amerische Flagge auf Iwo Jima. Gegenüber steht die Kommune 1 und zeigt ihre nackten Hintern, direkt daneben kniet Willy Brandt vor dem Ehrenmal der Helden des Warshauer Ghettos, Menschen tanzen auf der Berliner Mauer, und im Hintergrund fliegen in Endlosschleife, mit sehr leise gedrehtem Ton, immer wieder zwei Flugzeuge ins World Trade Center.
Diagramme auf laminierten A4-Blättern
„Text“, so ein Zitat von Susan Sontag an der Wand, „hilft uns zu verstehen. Aber Bilder helfen uns, zu erinnern.“ So gesehen ist der erste Blick auf die Ausstellung „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte“ ein Blick auf die ungeordneten Erinnerungen des 20. Jahrhunderts, von hinten erleuchtet, an die Wand gehängt, und erst einmal auch völlig unerklärt. Es ist selten, dass der Bilderstrom einmal anhält, so sehr anhählt, dass ein Bild länger stehen bleibt als nur ein paar Sekunden. Dass ein Bild einmal das Gefühl weckt, man könne jetzt nicht einfach in den nächsten parallelen Stream wegklicken. Die Erkärungen kommen erst beim Näherkommen, wenn man herantritt an eines der vielen Bilder, die mit Zeitgeschichte aufgeladen sind. Da sind Videos, die einem die Entstehung des entsprechenden Bildes erklären. Da sind Diagramme aus laminierten A4-Blättern, die einem den Bildaufbau verdeutlichen. Da gibt es Informationen zum Fotografen, zum historischen Kontext des Bildes.
Tausend perfekte Bilder
Aber das alles erklärt im Grunde gar nichts: Selbstverständlich, es erklärt, wo und wie und warum das Bild entstanden ist, ob es gestellt ist oder nicht, es gibt einem Situation und Personal an die Hand. Aber es erklärt einem nicht die Dynamik, die dazu führte, dass das entsprechende Bild tatsächlich zur Ikone wurde, immer und immer wieder reproduziert: Es gibt tausend Bilder, die im perfekten Moment geschossen sind, die Zeitgeschichte perfekt einfangen, es gibt tausend gefrorene Tropfen Zeit. Warum die Medien einige davon als Kette um den Hals tragen und immer wieder hervorzeigen, erklärt die Ausstellung „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte“ nur ungenügend. Der einzige, der dem vielleicht nahe kommt, ist Kai Diekmann, der auf einem Bildschirm in der Nähe des Fotos vom erschossenen Benno Ohnesorg interviewt wird. Er ist stolz auf ein in der BILD veröffentlichtes Foto eines Politikers, der von einem Balkon Sekt auf den Kopf eines Obdachlosen gießt. „Danach“, sagt Diekmann, „ist der nicht mehr öffentlich aufgetaucht.“ Zugegeben – die feine Art ist das nicht. Aber die Veröffentlichung dieses Bildes zuzulassen, ist gleichbedeutend mit der Zerstörung der Karriere eines Menschen, der sich vielleicht außer dieser Sache nie einen Fehltritt erlaubt hat. So enstehen ikonenhafte Bilder dann eben auch: Weil jemand es – aus welchen Gründen auch immer – für opportun hält, dieses oder jenes Bild prominent zu zeigen und zu veröffentlichen.
Wir leben – das ist ein Klischeesatz, den die Ausstellung nicht umgeht – in einem visuellen Zeitalter: Bilder, Filme sind uns wichtiger als der Text dazu. Die Möglichkeiten des Missbrauchs, den das bietet, lässt die Ausstellung „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte.“ eher unerwähnt – aber vielleicht muss man das auch gar nicht mehr erwähnen. In den letzen Jahren haben Fotohandys, Digitalkameras, jede Art von Aufzeichnungs und Speichergerät immer mehr, immer neue Bilder produziert. Und wenn die Bilder zu viele werden, dann wird das einzelne bedeutungslos, und es gibt keine Ikonen mehr.
Weitere Informationen
Die Ausstellung "Bilder im Kopf" ist noch bis zum 22.07. im Historischen Museum Hannover zu sehen.