Gelesen und wiedergelesen (9)

Lino Wirag am 29.08.2010
Cover. (c) Diogenes Verlag
Cover. (c) Diogenes Verlag

In seiner „Gelesen und wiedergelesen“-Kolumne wühlt der Rezensent in seinem Bücherschrank, um Neueingänge, Zufallsfunde und alte Bekannte vor dem Vergessen zu bewahren ..

.. und liest an diesem Wochenende erneut einen Cartoonband von F. K. Waechter, der nicht weniger als eine „Hochschule des Sehens“ darstellt.

Ironische Inszenierung

Wenn man postmoderne Kunst durch Verweise auf vergangene Stile definiert, durch ironische In-Szene-Setzung und als Absage an das Vernunftsprinzip – dann war F.K.Waechter wohl der erste postmoderne deutsche Zeichner. Denn er schuf Titelbilder, Cartoons und hunderte anderer Wunderdinge, die ironisch, verweisreich und unvernünftig sind – und zwar zwischen den 1960er und 80er Jahren, im gleichen Zeitraum, in dem auch die Wissenschaften die Entstehung der Postmoderne ansiedeln.

Alles klar? – „Ne, Wieso?“, hätte Waechter wohl gesagt. Und wieder mal Recht gehabt. Warum der bemühte Versuch, ihn in eine Ahnengalerie einzureihen, deren Bilder er besser hinbekommen hätte? Warum ihn auf eine Stufe mit habituellen Ernstmachern herabziehen, denen Ironie schon dann attestiert wird, wenn sie eine Wurst malen (Sigmar Polke) oder aufblasbare Häschen aus rostfreiem Metall gießen (Koons)? Waechters Können überragt solche musealen Scherze: Er ist der bekannteste Vertreter Komischer Kunst in Deutschland. Und diesem schöpferischen Sonderweg wurden und werden inzwischen völlig zu Recht eigene Musentempel errichtet (so das Museum für Komische Kunst in Frankfurt). Dem Kosmos Waechter deshalb – wie im ersten Absatz versucht – mit halbgebildeter Theorie beizuspringen, hieße, Stützräder an einen Felsen zu montieren. Auch wenn Waechter sicher ein besseres (meint: komischeres) Bild gefunden hätte.

Viefalt der Form

Dass Diogenes den Inhalt des Bändchens „Alle klar?“ als „Cartoons“ bezeichnet, ist eine unzulässige Vereinfachung, vom Wunsch getragen, im Humorregal des Großbuchhandels mehr Käufer zu finden als zwischen den Bildbänden. Dabei vereint das schmale Buch, das aus dem (in beiderlei Wortsinn) gewichtigeren Sammelband „Waechter“ herauskompiliert wurde, eine bewundernswerte Vielfalt der Form: Zeichnung, Gemälde, Bildgeschichte, Skizze und Scribble, Comic und Comic-Strip, Illustration und grafische Erzählung. Alles ist da. Und das auch noch als Pinsel-, Buntstift-, Kohle- oder Federzeichnung (wahlweise laviert): Waechter führt den Zuseher und Mitleser durch eine veritable „Hochschule des Sehens“ (Oliver Maria Schmitt).

Und durch ein Museum der Komik; denn die einzelnen Blätter werden durch die Zielsetzung zusammengehalten, lachen zu machen. Und was gibt es da nicht alles zu bestaunen: rucksackreisende Katzen, lobspendende Spanner, Brustbehaarung wie Afrika, fiebernde Hühner, Schnecken im Prostitutionsgewerbe, den König der Eichhörnchen, Eulenschinder und Rammler von Welt. Dem Leser begegnet eine Vielgestaltigkeit der Komik, die man bei einem Cartoonisten wie Uli Stein lange suchen kann: visualisierter Wortwitz („Ein Riss ging durchs Zimmer und rettete den Abend.“), politische Tendenz („Und hier aus dem Angebot: Unsere Dritte-Welt-Puppe, die ‚Hunger’ sagen kann.“), erotische Komponente („Adele zeigt ihren Brüsten die Männer.“), Antihumor („Wenn ich heimkomme, ist immer, immer der Hund im Putzwasser. Mich nervt das!“), Groteske (Bootsreisender zu Charon: „Is egal wohin, Hauptsache is was los.“), Wortspiel (Arzt ins Wartezimmer: „Der reichste, bitte.“), Nonsens („He Bauer, dein Huhn hat Fieber.“), schwarzer Humor und Witz ohne Worte. Hier lacht der Betrachter.

Humor ist komplex

Aber vielleicht nicht jeder. Max Goldt warnt rechtens: „Das Thema Humor ist komplex und unübersichtlich. Es ist nicht für jeden!“ Das trifft auch auf Waechter zu, denn seine Komik ist eine avancierte: Hochkomik nämlich. Der Begriff stammt aus dem Umfeld der „Neuen Frankfurter Schule“ und soll das bezeichnen, was nicht direkt, verflacht und massenkompatibel zum Lachen animiert (nach Klaus Cäsar Zehrer nämlich das „Scherzgewerbe der Comedy“), sondern Intellektualität, Selbstreflexivität, Anspielungsreichtum und Sinnverweigerung signalisiert: Der Verzicht auf den offensichtlichen Lachimpuls zugunsten einer doppelbödigen oder gar unentwirrbaren komischen Gemengelage.
Sucht man von hier aus noch weiter, nach dem genuin Waechterschen Witz, stößt man auf Epitheta wie „anarchisch“ und „subversiv“; die jedoch auch nicht ganz zutreffen: Waechters Zeichnungen greifen keine bestehende Ordnung an, sondern bieten andere Lesarten von Realität. Mit sicherem Gespür für komische Situationen führt er uns vor, wie wir sind – und wie wir scheitern. Das Missverständnis, das jeder Kommunikationsakt in sich trägt, hier wird es Ereignis: Der titelgebende Cartoon zeigt es in Form zweier Herren, die an der Straßenecke stehen: „Alles klar?“ – „Ne, wieso?“.

So erzieht F. K. Waechter uns postum (er verstarb 2005) heimlich, schrill und weise zu etwas, das vielleicht wertvoller als jeder gute Witz: zur Tugend des Humors. Kein Wunder also, dass ich auf der vorletzten Seite von „Alles klar?“ statt des Hinweises „Bitte betrachten Sie auch die folgenden Seiten“ folgendes las: „Bitte belachen Sie auch die folgenden Seiten“.

Literatur:
Friedrich Karl Waechter: Alles klar? Die besten Cartoons.
Diogenes, Zürich 2006. ISBN 9783257021035

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