Heiliger Hase!

Roland Opschondek am 04.04.2010

Wer derzeit, besonders nach Einbruch der Dunkelheit, die Jesuitenkirche in der Wiener Altstadt betritt, wird mit einer eigenartigen Gestalt konfrontiert:

In dem spärlich ausgleuchteten Barockbau hängt statt dem üblichen Altarbild die hell beleuchtete Fotographie eines Hasenkopfs, der aus einer Art Mumienschlafsack herauslugt. Nun sind freigestellte Objekte vor weißem Hintergrund heute aus jedem Kinderlexikon bekannt, und auch großformatige Digitaldrucke sind als Baugerüstvorhang keine Sensation mehr. Die Fotoarbeit Fatsche I der Künstlerin Gabriele Rothemann irritiert dennoch. Das Fehlen der Buntheit, das Unheimliche des toten Wildtiers, stehen in hartem Kontrast zur überbordenden Farb- und Formenfülle der lebensfreudigen Jesuitenarchitektur. Ist es ein Mahnmal für den Osterhasen, der ständig mit dem Kaninchen als Fruchtbarkeitssymbol verwechselt wird: Ein Oster-Gag? – Ein heidnisches Bild, das Gott in Form eines Tieres darstellt: Der Herr als Hase – eine blasphemische Provokation?  Man fühlt Mitleid mit der dargestellten Kreatur und ihrer rätselhaften Erscheinungsform. Man spürt die Provokation und sucht eine Erklärung. – Der Titel bezieht sich auf das im süddeutschen und österreichischen Raum früher geläufige Andachtsmotiv des "Fatschenkinds", entstanden aus der Beschreibung des "in Windeln gewickelten" Jesuskinds im Lukasevangelium (Lk 2,7). Fatsche I ist ein Zwitterwesen, ein fellumwickelter Torso mit Hasenkopf, der den Betrachter in seinen Bann zieht.
Gabriele Rothemann hatte vor einigen Jahren eine Serie Tote Tiere ausgestellt, die eine ähnliche Wirkung haben. Würdevolle Darstellungen, die an die Totems der Jäger- und Sammlerkulturen erinnern.

Gabriele Rothemann, Fatsche I, 2010, Digitaldruck auf Knittcanvas, 900x450 cm
bis 23.Mai 2010 während der Öffnungszeiten der Kirche an Wochentagen von 7 bis 19 Uhr,
an Sonn- und Feiertagen von 8 bis 20 Uhr Jesuitenkirche – Universitätskirche Wien, Jesuiten Wien 1, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 1, 1010 Wien
Die Arbeit geht zurück auf eine 2001 entstandene Fotografie auf Barytpapier, 205,5 x 120,5cm: Fatsche I (Hase). Sie wird gezeigt in der Kunstreihe Position: Gegenwart die seit 1999 in der Jesuitenkirche stattfindet.
Gabriele Rothemann, geboren 1960 in Offenbach am Main, studierte Fotographie in Kassel und Düsseldorf und hat seit 2001 eine Professur für Fotographie an der Universität für angewandte Kunst, Wien