Justinus Pieper trifft ... Etta Scollo

Justinus Pieper am 10.04.2010
Etta Scollo / Il fiore splendente
Etta Scollo / Il fiore splendente

Die beliebteste italienische Künstlerin in Deutschland hatte am 9. April im Radialsystem in Berlin einen fulminanten Auftritt.

Am 10. gibt sie an der Neuköllner Oper und am 11. am Kleinen Staatsschauspiel in  Dresden eine Vorstellung.

Das war einer der seltenen magischen Momente. Am Freitag abend erweckte Etta Scollo im Radialsystem in Berlin das Sizilien der Sarazenen zum Leben. Neben Normannen, also aus Skandinavien über die Normandie bis Sizilien streifende Wikinger, byzantinischen Griechen und schwäbischen Staufern wie Kaiser Rotbart / Barbarossa bildeten die arabischen Sarazenen das vierte Bevölkerungselement der größten Mittelmeerinsel. Trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen durchdrangen und befruchteten die dort versammelten Kulturen sich gegenseitig. Etta Scollo vertont in ihrem aktuellen Album Il fiore splendente / Die strahlend blühende Blume arabische Poesie des Hochmittelalters in italienischer Übersetzung. Auf den Zuhörer wirkt das zunächst einigermaßen fremd, alsbald aber fremd und perfekt und schließlich nur noch großartig! Die Texte haben Humor, das Spiel Klasse, und der Auftritt von Etta Scollo und ihren vier Begleitmusikern ist eine Wucht.

 

Globe-M: Frau Scollo, was treibt Sie an, künstlerisch und im Leben?
Etta Scollo: Keine Ahnung, hahaha, ich weiß es nicht. Die Freude am Dasein, die Welt, das Leben zu entdecken, und aus dieser Entdeckung dann etwas zu machen. Also einfach Neugier. Ich bin sehr neugierig.

Globe-M: Neugierig worauf?
Etta Scollo: Wie ein Tisch gebaut ist, was in einem alten Buch aus dem Mittelalter steht, warum Vögel zusammen in einer Gruppe nach Süden fliegen, warum die Sardinen im Schwarm die gleichen Bewegungen machen. Was sind das für Arbeitsgänge? Was wollte der mittelalterliche Philosoph sagen? Was ist überhaupt das Leben? Das ist schon so viel. Und das ist alles für mich Musik. Egal, ob das ein Stuhl ist, oder Poesie, oder das Gehen eines Kindes auf der Straße. Es klingt alles für mich wie Musik. Es ist so, wie wenn das codiert ist in Musikformen. Wie wenn die Musik in sich Emotion für jede Farbe, für jede Geste, für jedes Zeichen hätte. Das ist das Gefühl, das ich dabei habe. Das ist auch meine Motivation, das zu zeigen.

Globe-M: Sie sind aus Catania auf Sizilien. Sie haben sich – vielleicht auch deshalb – arabische, sarazenische Sänger und Dichter ausgesucht, die zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert auf Sizilien lebten und wirkten. Das war damals auf Sizilien eine Zeit, da viele Kulturen nebeneinander lebten, die französisch-normannische, die arabisch-sarazenische, die griechisch-byzantinische, die deutsche und die autochthone Bevölkerung. Haben Sie diese Vorlagen ausgewählt, um damit für politische Toleranz zwischen den Kulturen einzutreten? Oder was fasziniert Sie an diesem Sujet aus dieser Zeit besonders?
Etta Scollo: Es ist nicht so, dass ich mir ein Konzept in den Kopf setze, das ich versuche zu realisieren, sondern ich lasse mich treiben von den Dingen, die zu mir einigermaßen zufällig kommen und versuche sie zu verstehen. Und herauszufinden, was wollen diese Dinge mir sagen, wohin wollen sie mich bringen. Und deshalb bin ich zufällig zu diesem Thema arabische Poesie zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert gekommen, einfach weil ich eine Anthologie dieser Gedichte in die Hände bekommen habe. Die waren schon ins Italienische übersetzt worden, und von da noch einmal in moderne italienische Sprache. Das war der Ausgangspunkt.

Natürlich, es passte total – mein Interesse an den verschiedenen Kulturen Siziliens. Ob das griechisch-byzantinisch war oder andere…Mein Interesse war so groß, weil ich bemerkt habe, dass diese Übersetzung ins Italienische mir sehr nahe war. Und dann habe ich von diesem Moment an angefangen zu recherchieren. Dann habe ich viele Verbindungen und Informationen gefunden – wie eben die Araber, die Normannen, die Deutschen auf Sizilien lebten. Inwiefern war Palermo die goldene Stadt? Warum hatte Palermo mehr als 300 Moscheen? Was war der Grund dafür? Weil die Palermitaner besonders gläubig waren?

Nein, die Palermitaner sind eben so stolz und sie sind Individualisten. Damals schon. Jede Familie wollte ihre eigene Moschee. Solche Geschichten. Das war faszinierend. Immer mehr bin ich zu dem Punkt gekommen, als das Projekt dastand in seiner Ganzheit und mit allen Facetten: Es hat doch ein Politikum. Das Politikum habe ich nicht gesucht, aber es ist von allein rausgekommen. Trotz der Kriege – das gab es natürlich auch damals, dass die Griechen aus Syrakus, wo die Normannen gewonnen hatten, ebenso wie die Araber alle evakuiert werden mussten; da sind viele Menschen gestorben, das war schlimm und das will ich überhaupt nicht wegdiskutieren. Aber diese Zeit war eine insgesamt eher friedliche, wo doch immer wieder Verständnis eingefordert, entgegengebracht und erhalten wurde – von allen Seiten und nach allen Seiten.
Und die Araber haben Etliches von den Normannen übernommen und umgekehrt. Da fand, neben den kriegerischen Auseinandersetzungen durchaus auch eine friedliche Durchdringung statt. Und dann wurde das für mich ein Symbol für etwas, was in der Zukunft ebenfalls so sein sollte. Gerade, was diese ganzes Gerede von dem Clash der Zivilisationen betrifft. Da muss es doch gar keinen Zusammenprall geben, sondern eine Osmose, eine friedliche Durchdringung und ein friedlicher Austausch.

Also, insgesamt ist mein jetziges Programm Il fiore splendente bei mir sehr natürlich passiert. Das war jetzt kein Konzept, wo ich jetzt unbedingt was politisch aussagen wollte, von vornherein, aber es hat sich dann eben doch herauskristallisiert.
Dann war es auf einmal da.

Globe-M: Ich entsinne mich, daß der schwäbisch-staufische Kaiser Friedrich II. in der Mitte des 13. Jahrhunderts jede Menge sarazenischer Berater an seinem Hofe hatte. Und Friedrich war der einzige, der, zumindest für eine gewisse Zeit, den Nahostkonflikt gelöst hat. Friedlich, übrigens.
Etta Scollo: Genau, hahaha!

Globe-M: Eben weil er auch arabisch sprach.
Etta Scollo: Ja, und indem er die Tochter des derzeitigen muslimischen Machthabers in Jerusalem geheiratet hat! Das war auf dem berühmten Kreuzzug der gar keiner war; der Papst machte richtig Streß, Friedrich wollte aber nicht. Er hat statt dessen mit den Gewaltigen vor Ort verhandelt. Und dann haben sie einen Friedensvertrag gemacht, und zur Bekräftigung hat er die Tochter geheiratet. Und es gab keinen einzigen Toten. Es gab keinen Krieg. Können Sie sich das vorstellen?
Und der Papst war so wütend, daß er Friedrich erst recht exkommuniziert hat. Daraufhin hat sich Friedrich selbst gekrönt. Er hat den berühmten schweren roten Krönungsmantel angezogen, an dessen Saum übrigens ein arabischer Text eingestickt war. Er hat gesagt, ich pfeife auf den Papst.

Globe-M: Was der ihm natürlich auch wieder krumm genommen hat. – Kennen Sie von sich künstlerische Krisen, wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Etta Scollo: Ich kenne künstlerische Krisen, ich bin gerade in einer. Aber ich versuche, damit mit Leichtigkeit umzugehen. Wenn man eine künstlerische Krise hat … die kommen nicht von allein. Man hat keine künstlerische Krise, weil man keine Ideen mehr hat. Das ist immer in Verbindung mit einer aktuellen persönlichen Krise oder anderen Sachen, also eine Reaktion auf die Situation in anderen Bereichen. Eine künstlerische Krise ist etwas sehr Schmerzhaftes, wo aber auch gleichzeitig etwas angestoßen und provoziert wird, wo man den Mut wieder kriegen soll, was zu machen. Und vor allem, total wichtig ist bei einer künstlerischen Krise, sich zu verbessern, nicht zu kopieren, wie vorher, vielleicht ein bißchen abgeändert aber letztenendes doch kopieren, sondern den Mut zu haben, eine Tür zuzumachen, in eine andere Richtung zu gehen. Auch wenn das sehr risikoreich ist. Aber es ist die einzige Art zu überleben!

Globe-M: Heißt das, dass Sie womöglich aus neuen Quellen für kommende Produktionen schöpfen wollen?
Etta Scollo: Ja, ich bin gerade dabei. Ich habe zwei, drei parallele Projekte, die mir alle drei sehr wichtig sind. Die sind total unterschiedlich. Und sie unterscheiden sich auch ziemlich von dem, was ich gerade mache. Jetzt ist das für mich so wunderbar. Am Anfang hatte ich allerdings ein Problem damit. Ich dachte, ein Künstler muss ein einziges Ding machen und allein dafür brennen und sich nur dafür ins Zeug legen. Das ist Quatsch. Weil Kunst so facettenreich ist, es ist so … man kann Kunst nicht in einem Credo fassen. Ich habe deshalb auch kein Credo als Künstlerin, sondern ich suche Kunst in allen ihren Formen. Ich versuche, in diesem Meer, diesem Ozean einzutauchen und mitzuschwimmen.

Und während ich Il fiore splendente genieße, wenn ich es auf der Bühne singe – sogar besser denn je auf der Bühne singe, weil alles nach so vielen Auftritten immer besser, immer perfekter wurde … man muss sich nicht mehr konzentrieren und an schwierige Stellen denken, sondern man kann sich einfach hineinfallen lassen und machen. Das ist das große Plus an der Routine. Doch parallel denke ich schon an die anderen Projekte. Man lebt auf verschiedenen Ebenen. Das ist das Tolle, ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen darf.

Globe-M: Und trotzdem empfinden Sie es als Krise?
Etta Scollo: Ja es könnte auch eine Krise sein. Eine Krise hat mit etwas Persönlichem zu tun, was aber auch in das Künstlerische hineinspiegelt. Also ich habe keine Trennung zwischen meinem privaten und meinem künstlerischem Leben. Wenn ich eine Idee für ein Lied habe, bin ich fiebrig und kann nicht schlafen. Ich kann nicht denken, jetzt muss ich schlafen, weil morgen punkt 8 Uhr muss ich ja am Schreibtisch sitzen… nein, das geht dann nicht! Ich empfinde künstlerische Krisen immer als total wichtig, weil ohne diese kann man nicht auf neue Ideen kommen. Genauso, wenn man eine Grippe hat – ohne Fieber kann sich der Körper nicht erholen, ohne Schwitzen wird man eben nicht gesund und bekommt keine neue Kraft. Und wenn man da gleich ein Antibiotikum nähme gegen die Krise oder sich impfen ließe, würde man nur stumpf. Im Gegenteil, man muss sich stets erneuern, in dem, was das Leben und die Kunst bietet. Dazu muss man natürlich mutig sein. Auch mutig genug, wahrzunehmen, was um einen herum passiert.

Globe-M: Wollen Sie der Welt irgend etwas mitgeben?
Etta Scollo: Der Welt? O Gott … in meinen Liedern? Ich bin nur dankbar, was die Welt mir gibt! Ich mag, was ich mache, das ist meine Dankbarkeit, dafür, was ich bekomme. Was ich gebe, ist nur eine Art Wort, eine Antwort . . . Aber ich denke nicht so in diesen Begriffen Geben und Nehmen. Ich bin dankbar für jede Sekunde, die ich atmen darf.
Globe-M: Vielen Dank.

Das Interview führte Justinus Pieper.

 

Etta Scollo im Internet:
 

www.ettascollo.com

Etta Scollo gestern im www.radialsystem.de

heute an der www.neukoellneroper.de

morgen am www.staatsschauspiel-dresden.de