Gentrifizierung, die Aufwertung eines Stadtteils oder eines Stadtgebietes, kommt ganz von selbst - und ist nicht immer erwünscht. Gerade in Hamburg treibt die "Don´t gentrify me!" wilde Blüten.
Und das nicht ohne Grund: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Kunsthistoriker Alfred Lichtwark den Begriff der "freien und Abrissstadt Hamburg" geprägt, weil schon damals im Zuge wirtschaftlicher Interessen denkmalschutzwürdige Gebäude dem Erdboden gleich gemacht wurden, um finanziell interessante an deren Stelle zu bauen.
Vorläufiger Höhepunkt dieser Hamburger "Stadtplanung" war der Abriss eines historischen Kontorgebäudes an der Alster zugunsten des Megaeinkaufszentrums Europa-Passage vor ein paar Jahren.
In Wohngebieten setzen sich die Hamburger gegen diese Yuppisierung inzwischen gern mal zur Wehr - zu tief sitzen die Erfahrungen, die in St. Georg, dem Schanzenviertel und Ottensen gemacht wurden. Die ehemaligen Arbeiterwohngebiete wurden in weiten Teilen luxussaniert, viele der ehemaligen Mieter konnten sich den Stadtteil nicht mehr leisten und mussten umziehen.
Momentane "Baustelle" ist das Bernhard-Nocht-Quartier auf St. Pauli - ein Investor will die Häuser dort aufkaufen und sanieren, doch die Bewohner halten zusammen und wehren sich. Der Ausgang ist noch ungewiss.
Dieses Lieblingsthema der Stadtplaner und Sozialgeografen ist auch ein Augenmerk der Politik, die sich immer wieder fragt, wie man Gentrifizierung staatlich steuern kann - auch so, dass sie im besten Fall im Sinne der Bewohner ist.
An manchen Ecken in Hamburg gelingt dies recht gut. Mit dem sogenannten "Sprung über die Elbe", der Teil des Leitbildes "Metropole Hamburg - Wachsende Stadt" ist, sollen die Inselviertel südlich der Elbe gegenüber der Hafencity - beispielsweise Wilhelmsburg, Veddel und der Kleine Grasbrook - lebenswerter werden. Weg vom Industriestadtteil, hin zum Lebens- und Wohnraum.
In dem Stadtteil Wilhelmsburg, der gleichzeitig Europas größte Flussinsel ist, passiert wohl am meisten. "Schuld" ist die Internationale Bauausstellung, kurz IBA, die 2013 ihren Höhepunkt findet und jetzt schon viele Projekte auf den Weg gebracht hat.
Eines dieser von der IBA unterstützten Projekte ist das Musik- und Kunstfestival Dockville, welches 2007 zum ersten Mal auf der Elbinsel Wilhelmsburg stattfand und von Jahr zu Jahr gewachsen ist. Das Besondere am Dockville: Neben großen Musik-Acts wie Jan Delay und Wir sind Helden finden hier auch über 30 Künstler aus den verschiedensten Sparten ihr Publikum.
Schon bevor das eigentliche Festival beginnt, ruft das Dockville zur "Recreation" und eröffnet vom 8. bis zum 29. Juli einen Kunstcampus, dessen Ergebnisse vom 29. Juli bis zum 8. August in Form von Ausstellungen, Performances und Musik auf dem Dockvillegelände gezeigt werden.
Das eigentliche Festival, das vom 13. bis zum 15. August stattfindet, bietet dieses Jahr neben Kunst und Musik auch noch die sogenannten "Beiboote", wozu zum Beispiel der berüchtigte Poetry Slam "Kampf der Künste" zählt.
Durch das Dockville wird Wilhelmsburg nicht gentrifiziert, sondern kulturinfiziert. Eine geplante Stadtteilaufwertung, wie sie schöner kaum denkbar ist.
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