Paul Marioni und Benjamin Moore bei Nadania Idriss

Justinus Pieper am 01.11.2009
Paul Marioni und Benjamin Moore in Berlin-Mitte
An einem eiskalten Freitag Abend betritt der Berichterstatter eine Galerie in Berlin-Mitte. Es ist die von Nadania Idriss in der Linienstraße 154.

Ms Idriss hat sich auf die Ausstellung von Glas-Objekten spezialisiert. Und zeigt Künstler und Könner, die die Grenzen sprengen, ohne daß es Scherben gibt. Das sind nicht nur (aber auch) etablierte Größen sondern auch Newcomer und solche, die zwischen Take-Off-Phase und Durchbruch stehen. Auch das ist sympathisch an dieser Galerie.

Ihr Motto: Die Kunst verbessere und bereichere, ja hieve das Leben sogar auf eine höhere Stufe und bringe Menschen aller Kulturen zusammen, sofern sie einen Sinn für ästhetische und künstlerischen Werte teilten, ist nicht nur hehr und gleichzeitig handfest (eine seltene Verbindung), sondern malt dem ansonsten äußerst strengen Berichterstatter auch ein versonnenes Lächeln auf sein eingefrorenes Gesicht. Weiter: „The philosophy of the gallery is to honor the spirit of art in all of us.”

Diesen Satz kann man nicht übersetzen. Den kann man nur unterschreiben.
Und sich für alle Galerien dieses Planeten wünschen.
 
Jetzt schaut sich der Berichterstatter um:
Als gebürtiger Schwarzwälder wird er bei einer Glas-Ausstellung immer an das Märchen von Wilhelm Hauff „Das Kalte Herz“ erinnert. Darin steht der arme – und darum leider ungebildete und generell etwas kurzsichtige – Köhlerbub Peter Munk zwischen zwei Mentoren. Der eine ist der böse Holländer-Michl, der ihm schließlich ein Herz aus Stein einpflanzt und seine Habgier und seinen Geiz ins Unmenschlichste steigert. Der andere ist das Glasmännlein, das ihm drei Wünsche schenkt, denn Peter ist ein Sonntagskind. Allerdings hält das Glasmännlein den dritten zurück, als es sieht, wie Peter ziemlich unüberlegt drauflos wünscht. So wünscht er sich zwar einen noblen Glasbläserbetrieb, vergißt aber, sich gleichzeitig den Verstand zu dessen Leitung mit dazu zu wünschen. Denn diesen hat er leider nicht. Und im Wirtshaus will er immer so viel Geld in der Tasche haben wie der dicke Ezechiel, mit dem er um Geld spielt. Und obwohl Peter später dabei pausenlos gewinnt, ist er hinterher genauso pleite wie sein Gegner. Dieses Nullsummenspiel hat den Berichterstatter als Junge immer fasziniert. Später hat er einen anderen Ausdruck dafür gelernt: Am Ende gewinnt immer die Bank. Im Märchen ist es der unheimliche Holländer-Michl, der allerdings im letzten Moment mit Hilfe des Glasmännleins und Peters liebreizender Frau ausgetrickst werden kann – eben weil es ein Märchen ist.
Märchenhaft (und ein bißchen unheimlich) sind auch die Bilder und Figuren von Paul Marioni. Marioni selbst: „I work with glass for its distinct ability to capture and manipulate light, to create an illusion of motion or three dimensionality in the two dimensional plane, and to create moving light in kinetic glass sculptures. While my techniques are often inventive, they are only in service of the image.” Was dem Berichterstatter an Morioni sympathisch ist, ist dessen hintergründiger Humor. So wird ein schon berufsmäßig grimmig dreinblickender mexikanischer Revoluzzer mit einem Heiligenschein abgebildet, ein durch eine grüne Hügellandschaft verloren dahinklapperndes Skelett darf sich in Sprechblasen entsprechend äußern.
 
Benjamin Moore hingegen scheint der „Schule der Neuen Sachlichkeit“ der Glasbläser anzugehören. Ausgebildet bei Dan Chihuly (wer über den mehr wissen will, www.chihuly.com), genügen ihm der Zwang der Traditionen und die Nachahmung der Meisterwerke seiner Lehrer bald nicht mehr. Auf dem Weg zu neuen Ufern erreicht Moore Venedig (Murano-Glas!), lernt bei der berühmten Bläserei Venini und dem dortigen Großmeister Checco Ongaro und darf endlich eigene Designs entwerfen: Reine Farben, wenig Dekor. Sein Purismus feiert bald Erfolge, 1985 eröffnet er ein eigenes Glasbläserstudio.
Die Museen reißen sich um seine Kunst (Museum of Arts and Design in New York, Corning Museum of Glass ebd., Glasmuseet Ebeltoft, etc.) Doch seine Stücke haben ihren Preis:
10 000 Dollar für ein Vasen- / Schalenensemble, 3-5000 für den Vasendiskus, je nach Ausführung. So jedenfalls in der Foster/White Gallery in Seattle. Wer es nicht um die halbe Welt schafft, kann in der Linienstraße 154 fündig werden.
 
Nadania Idriss MA DipRSA
Owner and Director
New Glass Art & Photography
Linienstraße 154
10115 Berlin
 
Tel.: 030 / 278 793 86