Den italienischen Neorealismus verbindet man vor allem mit Filmen von Vittorio de Sica, Roberto Rossellini und Luchino Visconti. Ihren Grundgedanken, die ungeschminkte Wirklichkeit zu zeigen, griffen aber auch die Fotografen dieser Generation auf.
Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges formulierte der Drehbuchautor und Filmkritiker Cesare Zavattini die künstlerischen Prinzipien des Neorealismus. In diesen für Italien schwierigen Zeiten forderte er die Filmemacher auf, sich nicht mit romantischen Sujets und Happyends abzugeben, sondern das Augenmerk auf das reale Leben einfacher Menschen zu richten und sich mit ihren täglichen Sorgen auseinanderzusetzen. Zum wichtigsten Merkmal der Filme wurde ihr dokumentarischer, alltagsnaher Charakter, der sich z.B. im Verzicht auf Dekorationen und Studioaufnahmen äußerte. Neorealisten traten als Chronisten auf, die nach dem Zusammenbruch der faschistischen Diktatur und der Kriegsniederlage die Tragödie ihres Volkes festhielten.
„Bewegungsloser Film auf einer Druckseite“
Genau an diesem Punkt setzten auch die italienischen Fotografen an. 1946 veröffentlichte Luigi Crocenzi seine ersten Fotoserien „Italia senza tempo“ (Italien ohne Zeit) und „Occhio su Milano“ (Ein Blick auf Milan). Seine Bilder erzählten immer eine Story, fügten sich zu abgeschlossenen Fotonovellen zusammen – zu „einem bewegungslosen Film auf einer Druckseite“. Einige Jahre später näherte Crocenzi auch der Literatur. Seine Fotoerzählung „Nei vicoli del mio quartiere” (Straßen in meinem Viertel) schuf er gemeinsam mit dem Dichter Nanni Selva.
Literarische Dimension der Fotokunst
„Kommt in die Straßen in meinem Viertel. In diesen dunklen Arterien, die mit Schmerz gefüllt sind, sammelt sich täglich das Elend an. Was wollt ihr über uns wissen? Wir schütteln einander die Hände, in Lumpen gekleidet, sie sehen wie Fahnen aus, und sagen einander alles ohne Angst. Wenn jemand geboren wird, wird er zum Sohn des Viertels, wenn jemand geht, halten wir unseren Herzschlag und den Laut der Stimme an.“
Italienische Fotografen, die den Prinzipien des Neorealismus folgten, wurden über Jahrzehnte zu Zeitzeugen, die die Wirklichkeit auf eine poetische Art und Weise dokumentierten. In den früheren 1960er Jahren wurde diese Haltung radikal verschärft, indem eine neue Traumpoetik ihren Einzug in die Bilder fand. Es entstanden Fotografien, die eine äußerst komprimierte Sprache sprechen und eine Ähnlichkeit mit dem frühen Frederico Fellini aufweisen.
127 großartige Aufnahmen
Fotonovellen von Luigi Crocenzi, aber auch Arbeiten der Friaul-Gruppe, die durch ihre poetische Schärfe bestechen, und Bilder von Mario Giacomelli, die der Fantasie des Künstlers entsprungen ist, gehören zu den wichtigsten Exponaten der Ausstellung „Fotografie und Neorealismus in Italien, 1945–1965“, die gestern im Moskauer Lumiere Zentrum eröffnete. Noch bis Ende Februar bietet sie eine seltene Möglichkeit, diese durchdringenden und präzisen Zeitzeugnisse zu bewundern.