Schwiegermutters Liebling aus dem Leistungskurs Deutsch

Lino Wirag am 19.08.2010
Buchcover. (c) Rowohlt Verlag
Buchcover. (c) Rowohlt Verlag
Quel mann!, denkt sich manche Französin bei diesem Anblick. Quelle: Wikipedia
Quel mann!, denkt sich manche Französin bei diesem Anblick. Quelle: Wikipedia

Nein, für die Kritik der Kritik sind wir bei globe-M uns zu schade –: Völlig ausreichend, dass diese Woche schon die ZEIT ungelogen ihre halbe Kehlmann-Rezension damit verbrachte, ..

.. statt mit Kehlmanns neuen Essayband „Lob. Über Literatur“ mit den Feuilleton-Kollegen aus den anderen Zeitungen abzurechnen, die schlecht über den lieben Daniel geschrieben hatte.
(Dazu hilft es natürlich, zu wissen, dass Literaturkritiker Maar, der Kehlmann in der ZEIT so beherzt verteidigt hatte, gut mit dem Schriftsteller bekannt ist. Zitat Kehlmann: „Ich verehre Michael Maar seit langem.“)
Schweigen wir von solchen Gefälligsdiensten in Deutschlands zuverlässigstem Elitenblatt.

Bücher zusammengoogeln

Drum ganz prosaisch: Der neue Kehlmann lohnt sich, wenn er lobt.
Der Leser delektiert, wovon dieser Autor doziert. 

Zwar wurden die fünfzehn Kritiken und Preisreden, die in „Lob“ versammelt sind, in den letzten vier Jahren bereits anderswo gedruckt – in den gleichen Zeitungen übrigens, die sich jetzt so kleinlich bekriegen –, und man könnte sich den Inhalt wahrscheinlich an einem Vormittag zusammengoogeln (beispielsweise hier, hier und hier. Und hier und da. Und da); aber allein die weich rollende Typographie mit ihrer putzigen ß-Ligatur macht der Rowohlt-Grafikabteilung Ehre und dem Leser intellektuellen Hunger. 

Und was der Kehlmann erst aus den vielen Buchstaben zusammenbaut! Schon 2005 hatte der österreichische Literatur-Musterknabe in „Wo ist Carlos Montúfar?“ über liebste und fernste Schriftsteller  räsoniert, und schon damals war es ihm kenntnisreich gelungen, den Autoren in die Hosentasche zu schauen, ohne ihre Intimsphäre zu verletzten. 

German Streber

Georg Diez prägte vor vier Jahren in listiger Vorahnung den Ausdruck „American Streber“: Er bezeichnete damit eine neue Generation US-amerikanischer Autoren, sämtlich 70er-Jahrgänge, deren „IQ sicher deutlich über der gesundheitlich vertretbaren Höchstgrenze liegt“, darunter Herrschaften wie Jonathan Safran Foer, Benjamin Kunkel und Marisha Pessl, die sämtlich dicke Romane schreiben und sich gelegentlich auch theoretisch darüber äußern.
Streber, das ist hier ein Lob. 

Und so ein Musterschüler, das ist auch unser Kehlmann, einer von den wenigen, vielleicht der einzige German Streber, den die deutschsprachige Literatur zurzeit hat.

„Schriftsteller wachsen auf als lesende Kinder“, wird Kehlmann als Erwachsener in seinen Poetikvorlesungen schreiben. Das Schriftstellerkind Klein-Daniel jedenfalls las mit 13 die „Buddenbrooks“, dann den „Zauberberg“, der Vater war berühmter Regisseur, Mama Schauspielerin, der Opa expressionistischer Dichter, Privatschule undsoweiter. 

Streber genießen unsere Bewunderung, denn insgeheim wissen wir, dass sie hart dafür arbeiten müssen, um den Raum zwischen zwei Buchdeckeln unterhaltsam und belehrend zu füllen. Dass Kehlmann das kann, weiß das deutsche Bürgertums spätestens seit „Ich und Kaminski“, allerspätestens seit der „Vermessung der Welt“.

Schöne, saubere Seminararbeiten

In „Lob“ strebt, Unsinn: schreibt Kehlmann über Thomas Bernhard, Capote, Coetzee, Stephen King, Max Goldt, Kleist, Hamsun, Thomas Mann und Beckett, also trüge er ihre gesammelten Werke immer unter seinen sittsam schwarzen Rollkragenpullovern mit sich herum.
Am stärksten sind wohl die Analysen von Bernhards „Holzfällen“, den uns Kehlmann als das schmutzige alte Satzbau-Genie vorführt, das er wohl wirklich war, und seine Beckett-Lektüren, die dessen Romane als „stringente und immer wieder sehr komische Bücher“ zeigen.

Schöne, saubere Seminararbeiten hat der literarische Lieblingsschwiegersohn da angerichtet; keine ist so lang, als dass die Gefahr der Abschweifung bestünde; keine so kompliziert, dass man sie nur mit Fremdwörterbuch verstünde; keine so kontrovers, dass Kehlmann eine grelle These bemühen müsste; keine so originell, dass man sich nach einem Jahr noch daran erinnern würde.

Man möchte ihm immerzu über den Kopf streicheln, in den lieben Dackelblick seiner beerholmfarbenen Augen sehen und in beruhigendem Tonfall sagen: Hast du gut gemacht, Daniel.

Selbst die „Lichtprobe“, Kehlmanns umstrittene Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele 2009 – in der das enfant sensible der deutschen Literatur dem Regietheater „hochsubventionierte Absurditäten“ vorwarf –, wirkt immer noch merkwürdig handzahm, fast weinerlich, weil sie in die persönliche Geschichte von Kehlmanns Vater eingebettet ist, der als Regisseur an den Intrigen des ach so bösen progressiven Theaterbetriebs zerbrach.

Kulturkonservative Kulturkonversation

Streber sind, was Bildung und Geschmack betrifft, kulturkonservativ, selbst wenn sie Künstler sind. Dazu passt auch Kehlmanns Vorliebe für die späte Moderne; dazu passt, dass er der alten Rechtschreibung den Vorzug gibt; dazu passt sogar, wie er schreibt und sich poetologisch verortet.
„Ich fand die Literatur immer am faszinierendsten, wenn sie nicht die Regeln der Syntax bricht, sondern die der Wirklichkeit“, heißt es in Kehlmanns Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2007, diesen „sehr ernsten Scherzen“ (natürlich ein Goethewort), die in „Lob“ zweitabgedruckt wurden.

Manchmal würde man sich wünschen, Kehlmann wäre nicht genialer, aber genialischer; nicht melodiöser, aber maliziöser; nicht feinsinniger, sondern feindseliger. Man würde sich wünschen, es würde ein bisschen mehr Brink- im Kehlmann stecken.
„Je traumhafter die Bilder, desto besser“, behauptet er in seinen Poetikvorlesungen, um sich gleich darauf zu widerlegen: „Die Fiktion ist gezwungen, glaubhaft zu bleiben.“
Ach, Daniel.

„Auf der einen Seite finde ich“, schrieb ein bekannter Kulturjournalist dem Rezensenten, „dass Kehlmann schon die richtigen Feinde ausgemacht hat – ‚Lautpoesie und soziales Engagement: die zwei bedrückenden Eckpfeiler des radikalen Realismus’ –, auf der anderen Seite kommt es mir immer wieder vor, als habe er nur das eine bürgerliche Kulturphilister-Literaturverständnis gegen ein anderes getauscht, das irgendwie von dieser Magischer-Realismus-Postmoderne-Spielerei-Südamerika-Verehrung herrührt.“

Kehlmann liest Goldt

Dass Kehlmann, diesem wohlerzogenen, diesem teuflisch begabten Gegenwartsautor, trotz gegenteiliger Beteuerungen seinerseits die Befähigung abgeht, sich wirklich aus dem Korsett der literarischen Bürgerlichkeit zu lösen, zeigt deutlich wie kein anderer der "Lob"-Texte seine Laudatio auf Max Goldt.
Kehlmann schätzt Goldt, ohne Frage, er hat ihn gelesen, kein Zweifel, er hat ihm zum Kleist-Preis verholfen, verdient; und doch hat er ihn nicht verstanden.

Schon der Vergleich zwischen Goldt und P. G. Wodehouse.
Beide haben angeblich gemeinsam, dass „es bei ihnen keine oberflächlichen Scherze gibt.“
Um eine Stichprobe nachzureichen: Vom Romanautor Wodehouse sind humoristische Vergleiche genau solcher Qualität (und Quantität!) überliefert – „Routine is the death to heroism“ –, über die sich Goldt in seinen Schriften nicht anders als verächtlich geäußert hat: „Ich sollte eine private Zuckerstückchenedition herausbringen mit aphoristischen Definitionen, wie ‚Aufräumen ist, was man macht, bevor Besuch kommt’.“

Sieht so Geistesverwandtschaft aus?
Während beispielsweise Flann O'Brien bedenkenlos hätte herhalten können.

Wirag liest Korrektur

An einer einzigen kleinen Stelle seiner Goldt-Laudatio erwähnt Kehlmann, welcher „Mut zum Irrsinn und zur Absurdität sich hinter der Ruhe seiner Prosa verbirgt“: Und das, obwohl weite Strecken von Goldts Frühwerk – und all seine Comics – aus radikal postdadaistischen Experimentalhumorismen bestehen.
So liest man beispielsweise in "Schließ einfach die Augen und stell Dir vor, ich wäre Heinz Kluncker":

Das Röntgen-Rönsch ist eine Frau, die auf einem Geparden durch die Wüste reitet, um schwangere Frauen zu röntgen. Den Röntgenapparat trägt sie wie eine Polaroidkamera um den Hals. Der Gepard trägt übrigens hochhackige Schnürstiefeletten, und da er Schuhfetischist ist, leckt er immer daran herum. Das gibt es.

Das gibt es, Herr Kehlmann, das ist weder „emphatisch nicht-narrativ“, weder ist darin das „kurze Aufflackern echter Erkenntnis“ aufzufinden, das vermutlich jede Regionalzeitung mit dem Begriff ‚Satiriker’ in Verbindung bringt, noch die „heroische Arbeit der Sprachkritik“ (Florian Illies), die Max Goldt verrichtet.
Schließlich gilt doch immer noch – und ich zitiere hier D. K. –: „Details sind alles.“
Vor allem, wenn sie so auffällig sind wie Weingläser in einer Streichholzschachtel.

Liest noch einer mit?
Fein.

Lesen Sie den Kehlmann. Und den Goldt, den lesen Sie auch.
Und wenn sie sonst nichts zu tun haben, lernen Sie Gälisch. Dann können Sie auch Flann O'Brien lesen.