Am Zentrum für Medientechnologie in Karlsruhe gibt es seit zwei Monaten das weltweit erste Institut, das sich mit der Recherche und Erzeugung von Inhalten für 3D-Kinofilme, 3D-Fernsehformate und 3D-Kunst in jeder Form beschäftigt.
Man geht der Frage nach, "warum oder was können wir denn in der dritten Dimension anders erzählen, mehr erzählen. Worin besteht der Mehrwert einer dritten Dimension für die Narration, für emotionale Geschichtserzählungen oder Formate?". Globe-M sprach mit dem Leiter des Expanded 3Digital Cinema Laboratory.
3D – EINE DUFTMARKE IN DIE ZUKUNFT
Fünf Fragen an Ludger Pfanz
Globe-M: Welches Land ist derzeit führend im Umsetzen der 3D-Techniken?
Ludger Pfanz: Im Kino ist es ganz klar eine sehr von Hollywood dominierte Geschichte. Wobei ein Film wie Avatar ein visuell wunderschönes 3D-Kino ist, aber von der Story her ist es ganz banal. Experimenteller ist tatsächlich der pazifisch-asiatische Markt, die haben eine Welt zu erobern! Die sind in vielen Sachen um Jahre voraus und setzen konsequent Fernsehprogramme in 3D um. Da sind wir in Deutschland noch weit davon weg. Die Fernsehmacher hier haben ja noch nicht einmal Full-HD umgesetzt und sind mit 3D komplett überfordert. Momentan setzen sich 90 Prozent der internationalen Partner in meinem Institut zusammen aus: Singapur, Shanghai, Hong Kong, New South Wales Australien, Neuseeland, Vancouver in Canada und noch ein paar europäischen Partnern. Der asiatische Raum wird versuchen von der Technologie her – also über die 3D-Monitore der Firmen Panasonic und Sony aus Japan, Hyundai, Samsung und LG aus Korea – den Markt zu dominieren. Vergleichbares ist in ganz Europa noch gar nicht da. Man rechnet allein in Europa mit dem Absatz von 14 Millionen 3D-Fernsehern in den nächsten drei Jahren und mit dem großen Durchbruch dann 2014 zur Fußball-Weltmeisterschaft. Weltweit ist es ein unglaublicher Markt, den fast alle hier wieder verschlafen.
Globe-M: Was glauben Sie, welche Inhalte führend sein werden? Erotik, Sex und Pornographie haben die Verbreitung des VHS-Formats begünstigt. Wird es bei 3D genauso sein?
Ludger Pfanz: Nein. Witzigerweise wurde ich einmal eingeladen, um den ersten 3D-Porno-Trailer anzusehen – die haben Riesenprobleme mit ihren Schauspielern. Man sieht zuviel bei 3D! Die Schauspieler sind nicht mehr wirklich schön, man sieht jede Pore. Die Illusion von stundenlangem Sex geht völlig schief, also die sind eher am zurückrudern. Jeder macht gerade 3D-Horror, weil dieses Bedrohen nach Außen, das Bedrohen des Publikums offensichtlich ist. Große Kriegsgewinner werden alle sein, die Fantasy anbieten, die werden relativ schnell abräumen, weil du kannst einfach viel schönere Fantasiewelten in die dritte Dimension erzählen. Aber es gibt zum Beispiel noch keine Romantic Comedy in 3D, ein ganz erfolgreiches Genre. Ich glaube, irgendwann einmal werden die psychologischen Autorenfilme, die "in den Raum denken", für uns Europäer wichtig, also auch künstlerisch spannend. Ich komme ja von der Kunsthochschule, und da beschäftigen wir uns auch mit dem Markt, aber wir arbeiten weniger auf die Blockbuster zu, sondern auf große 3D-Kunstwerke.
Globe-M: Wird der Inhalt Live-Action sein, oder Computeranimation?
Ludger Pfanz: Computeranimation – das ist durch. Keiner, der halbwegs klug ist, macht noch 2D-Animationen, denn da musst du ja in der Animation nur eine zweite Kamera haben und ein bisschen mehr rendern, dann hast du auch eine 3D-Fassung. Es wäre ja ziemlich dusselig, es nicht zu tun, man macht sich nur einen Zukunftsmarkt kaputt. Die nächste große Baustelle wird Live-Sport sein, das wird der große Durchbruch beim Fernsehen. Es gibt zwei Gruppen, die sozusagen das 3D-Fernsehen pushen werden: Das sind einmal die Game-Kids, die jetzt mit den neuen 3D-Laptops anfangen 3D zu spielen, für die wird 3D selbstverständlich sein. Ich glaube, in Europa und in Deutschland auf jeden Fall wird 2014 der große Durchbruch sein, wenn die Fußball Weltmeisterschaft 3D kommt. Da kann man sich nicht erlauben seine Kumpels noch zu einem Bier einzuladen, wenn man einen 2D-Fernseher hat. Und dann kommen die konservativeren, normalerweise klügeren Gruppierungen der Gesellschaft, die dann langsam umsteigen. Schon in den nächsten zwei Jahren wird ein 3D-Fernseher das gleiche kosten wie ein 2D-Fernseher, er kann aber auch 2D, und damit ist die Kaufentscheidung gefallen.
Globe-M: Was sind die Schwierigkeiten in der Neugestaltung, wenn man die dritte Dimension zu berücksichtigen hat, wie müssen sich die Macher umstellen, was müssen sie beachten?
Ludger Pfanz: Einen großen Teil davon wissen wir ja noch gar nicht. Das ist so ein bisschen wie die Umstellung vom Stummfilm zum Tonfilm, zum Sound. Allein eine Tonspur unter einen Stummfilm zu kleben macht noch keinen Tonfilm. Da hat sich eine völlig andere Form von Dialog, völlig andere Form von Schauspielern, von Inszenierung entwickelt. Bei 3D wird es nicht ganz so radikal sein, aber wir fangen jetzt an, überhaupt erst zu begreifen, was es bedeuten könnte, in den Raum hinein zu erzählen, mit dem Raum wirklich zu argumentieren. Die Umstellungen, die jetzt schon offensichtlich sind: die Kameraleute müssen mit zwei Kameras arbeiten, sie müssen wissen, welche Tiefen-Wirkungen sie erzeugen, damit man in der Postproduktion nicht verrückt wird. Dafür gibt es noch viel zu wenig Erfahrung. Sie müssen versuchen zu wissen, was liegt denn auf dem Bildschirm, was kommt raus, was geht rein und müssen das möglichst in der Aufnahme einplanen. Regisseure müssen lernen, wieder den Raum zu inszenieren. Alte Theaterregisseure haben zum Beispiel immer darauf geachtet, wer kommt von wo, wer verdeckt wen, wer tritt von der Seite auf, wer wirft auf jemanden einen Schatten, um Bedeutung zu erzeugen. Seit den 1960er Jahren bewegen Filmregisseure einfach die Kamera möglichst schnell auf dem Dolly oder dem Kran und schneiden. Aber beim 3D-Bild ist jeder einzelne Frame wie eine kleine Bühne, weil man plötzlich in der Bewegung wieder den Raum drin hat, und den müssen die Regisseure inszenieren. Das geht dann weiter zu den Cuttern, die plötzlich mit Jump-Cuts in der Tiefe kämpfen müssen, die plötzlich neue Rhythmen entwickeln müssen, weil man in einem 3D-Bild sehr viel länger verweilen kann. Das geht weiter zu den Produzenten, die überlegen müssen, wie kalkuliere ich denn die ganze Geschichte und, das ist eben meine Theorie, es geht zu den Drehbuchautoren, denn wenn ich nicht im Drehbuch schon Hintergründiges, Untergründiges anlege, wenn ich da nicht schon die Metaphern für Bedeutung lege, wenn das nicht alles schon in der Idee in der Synopsis angelegt ist, dann können die späteren Regisseure und die Schauspieler nicht rausholen, was nicht drin ist.
Globe-M: Was sehen Sie positiv an dieser Entwicklung, was kann es bringen, und was sehen Sie problematisch?
Ludger Pfanz: Es gibt Leute, die meinen, es könnte gesundheitschädlich werden. Ich würde sagen, wir brauchen uns gar nicht sonderlich die Frage stellen, denn 3D ist so eine Geldmaschine für die Industrie, dass es so oder so kommt. Die Frage, die ich mir stelle ist, was können wir Künstler oder Content-Provider wirklich damit machen. Ich arbeite mit meinen Studenten gerade daran, wirklich Geschichten zu erzählen, die bisher unerzählbar waren, und ich behaupte, sobald den Künstlern eine neue Technologie zur Verfügung steht, dann dauert es relativ kurze Zeit, dann werden die großen Kunstwerke erzeugt, und danach gibt es nur noch Kopien. Die großen Meisterwerke von Dürer waren keine zwei Jahre nach der Erfindung des Kupferstichs gemacht, und es ist nie wieder was besseres gemacht worden. Bisher versuchen alle nur, 2D in 3D zu überführen. Aber die Leute, die jetzt andenken, den Raum abzutasten, die anfangen, eine originäre 3D-Geschichte zu erzählen, die auf 2D gar nicht erzählbar ist, die werden Kunstgeschichte schreiben. Nam June Paik hat als erster Künstler die Videokamera verwendet. Für jeden anderen war das sozusagen Junk, man dreht auf 35mm- , oder 16mm-Film! Es kommt nicht mehr viel Neues, das wird bei 3D ähnlich sein. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit. Wenn heute jemand eine Duftmarke in die Zukunft setzen will, muss er es bald machen.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Ludger Pfanz ist Leiter der Video-, Film- , Sound-, 3D-, Multimedia- und Bühnenstudios
Er studierte Theater und Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Sein Filmstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg schloss er mit Auszeichnung ab. 1997 wird er Leiter des Videostudios und ab 2002 Vorsitzender der Fachgruppe Medienkunst. Seit 2010 leitet er das zwischen HfG und ZKM angesiedelte Institut Expanded 3Digital Cinema Laboratory und ist Head of Studies beim Symposium Future Cinema-Future TV: 3D and Beyond. Ludger Pfanz arbeitet als Produzent, Regisseur und Autor mit seiner Produktionsfirma Planet Film.
Globe-M traf Ludger Pfanz beim Prix Jeunesse International in München.
Interview: Roland Opschondek, Foto © oro