Globe-M stellt die wichtigsten deutschsprachigen Independent-Verlage vor. Diesmal: Der Hamburger Ausnahmeverlag.
Welcher größere Verlag hat schon obskure Titel „Das 2. Buch Hempel“ oder „Terrorjesus“ im Programm? Oder skurrile Heftchen wie Leo Leowalds „Reisezahnbürste“, auf deren Seiten eine, genau, Zahnbürste sich aufmacht, den Globus zu erforschen?
Das Besondere ist das Allgemeine
Dass das Besondere das Allgemeine sei, hatte schon Goethe in seinen „Maximen“ vorhergesagt. Beim Hamburger Ausnahmeverlag ist deshalb der Name Programm: In Kleinstauflagen stellen die Verleger und Designer Betti Trummer und Nils Menrad ihre Bücher, experimentellen Hefte und Plakate her. Viele der Produkte entstehen tatsächlich als Unikate, werden einzeln ausgedruckt, zurechtgeschnitten, koloriert und beklebt.
Die beiden Jungunternehmer betreiben ihr kleines Verlagshaus vor allem mit Herzblut und Handarbeit, wirtschaftlich wird hier nicht gerechnet. „Das Projekt ist selbstausbeuterisch und idealistisch“, sagt Betti Trummer, „sonst könnten wir uns das hier gar nicht leisten.“
Design, Kunst und Literatur in Kleinstauflagen
Als sich die späteren Verleger beim Studium an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe kennenlernten, war ihr erstes Ziel, eine Plattform für Publikationen aus den Bereichen Design, Kunst und Literatur zu schaffen. Viele ambitionierte Projekte aus ihrem Bekanntenkreis – etwa Diplom- oder Studienarbeiten, die sonst nur einmal vor dem Prüfungskomitee präsentiert worden wären – endeten fern von jeder Öffentlichkeit oder Infrastruktur wieder in der Schublade, aus der sie kamen. Auch der Kontakt zu potentiellen Interessenten oder Käufern fehlte.
Mit ihrem eigenen Verlagsprojekt setzten sich Trummer und Menrad deshalb das Ziel, solche bisher wenig beachteten Arbeiten zugänglich zu machen und vorrätig zu halten. Damit war die Ausrichtung des jungen Verlags vorgegeben: „Mainstream interessiert mich nicht“, sagte Verlegerin Trummer dem Altona-Magazin. Lieber ergänzt sie ihre Verlagspublikationen mit experimentellen Veranstaltungen wie dem „Bild-Text-Battle“ bei der „altonale Kulturnacht“ 2009, bei dem Verlags-Autoren gegen Zeichner antraten.
Praxisnahe Reflexionen
Mit fünf Publikationen begann der Verlag vor drei Jahren – inzwischen sind es über vierzig. Eine der ersten Verlagsveröffentlichungen war das Büchlein „Plus Ultra. Fragen an die eigene Disziplin“ der Karlsruher Designer 2xGoldstein, in dem sich die Autoren mit den theoretischen Grundlagen des gestalterischen Handwerks auseinandersetzen. Von der Praxis kommend – 2xGoldstein haben für ihre Arbeiten bereits einige Preise gewonnen – analysieren die Autoren verschiedene kulturtheoretische Schriften und wenden sie auf ihre eigenen Plakate und Entwürfe an.
Das Programm des Ausnahmeverlags umfasst inzwischen neben Heften und Magazinen zu Design, Comic und Illustration auch einige Lyrikbände, einen Roman und eine 80-minütige DVD, die von Begegnungen mit Menschen in Afghanistan erzählt.
Außerirdische Kinderbücher, Schwarz- gegen Braunwald
Zu den zwanzig Verlagsautoren zählen auch die Comiczeichner Leo Leowald und Haimo Kinzler, deren Kinderbuchreihe um „Gustav und Albo vom Aldebaran“ von FAZ-Feuilletonist Andreas Platthaus bescheinigt wurde, sie könne eine „ganz große Serie“ werden.
Der Literaturwissenschaftler und Hochschuldozent Stephan Krass dagegen führt in seinem Aufsatz „Warum ist der Schwarzwald schwarz und nicht vielmehr weiß?“ nach einer selbsterfundenen „Wortgewichtungs-Methode“ aus, unter welchen Gesichtpunkten sich der Schwarzwald gegen den Grün-, Weiß-, oder sogar Braunwald durchzusetzen vermag.
Suhrkamp-Autoren und SZ-Cartoonisten
Die renommierte Lyrikerin und Essayistin Ann Cotten, deren viertes Buch „Florida-Räume“ im Juni 2010 bei Suhrkamp erscheint, hat vor zwei Jahren zusammen mit dem Ausnahmeverlag ein besonderes Projekt entwickelt: die „Glossarattrappen“. Aus dem virtuellen Karteikasten www.glossarattrappen.de, der mit 500 Text-, 600 Bildeinträgen und 80 Zeichnungen gefüllt ist, kann sich jeder Benutzer und potentielle Buchkäufer sein eigenes Buch aus bis zu 25 Bild-Text-Kombinationen zusammenklicken, das ihm als Unikat nach Hause geliefert wird. Wer sich die Stöberarbeit im Verweisdschungel sparen will, kann auch einfach eine Zufallsmischung bestellen.

Zu den Bestsellern des aktuellen Verlags-Programms gehört das „ZOO-ABC“ des Illustrators Lomp. Der Zeichner des renommierten Comic-Kollektivs „Herrensahne“ hat das bewährte ABC-Buch für Kinder mit vielen attraktiven Illustrationen neubelebt: Die Buchstaben X und Q werden dabei übrigens mit „Xenopus“ und „Quetzal“ gelöst – auf die dazugehörtige grafische Umsetzung darf man gespannt sein.
Die Cartoonisten Rattelschneck – bekannt durch ihren wöchentliche Zeichnung in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung – dagegen haben dem kleinen Hamburger Verlag ein Projekt beschert, das so geschmacklos ist, dass schon nach kurzer Zeit einhundert Exemplare verkauft waren: Für den Verlag ein Überraschungserfolg. Im vergangenen Jahr lobten die Profi-Spaßmacher Rattelschneck nämlich den „1. Kasseler F*ckwitzwettbewerb“ aus, dessen „grenzwertigste Ergebnisse“ – wie die Werbung verspricht – in einem Heftchen zusammengefasst wurden. Auf 60 Seiten bleibt keine Frage offen, und das alles „ohne Kondom“.
Wer jetzt neugierig geworden ist, sich aber um seinen Ruf in der Nachbarschaft fürchtet, kann beruhigt sein: Aufgrund „freiwilliger Selbstkontrolle“ wird das Heft nur in einer eigens angefertigten, unaufgeregt grauen Zensurtüte ausgeliefert.
Der Ausnahmeverlag
Bahrenfelder Straße 7
22765 Hamburg
kontakt@ausnahmeverlag.de
www.ausnahmeverlag.de