Avatar

Das Jahr 2154: Wie zu erwarten war, hat der Mensch seiner „Mutter Erde“ schließlich doch noch den letzten Stoß versetzt. Wie es nun auf ihr aussieht, möchte sicherlich niemand wirklich wissen – wir bekommen es in AVATAR, dem neuesten Film des Terminator-Regisseurs James Cameron, auch nicht zu sehen.

Stattdessen wird eine Gegenwelt konstruiert – im wahrsten, digitalen Sinne des Wortes -, in der ein technisch primitives, geistig aber weit entwickeltes Volk in Einklang und physischer Vernetzung mit der Natur eines fernen Planeten lebt. Dieser Garten Eden birgt einen wertvollen Rohstoff, der auf der Erde 20 Millionen Dollar pro Kilogramm bringt (Inflation bis 2154 eingerechnet). Was macht nun eine von moralischen Überlegungen weitgehend freie, namenlose Megacorporation, nachdem sie auf diese Welt gestoßen ist? Natürlich: Es wird schweres Gerät zur Ausbeutung des Rohstoffs sowie eine halbe Söldnerarmee zu dessen Verteidigung auf den schönen Planeten geschickt, aus Gründen der Kapitalerzeugung, versteht sich. Da es für alle Beteiligten jedoch günstiger kommt, wenn das Image der Corporation gewahrt wird und sie mit jenem Eingeborenenvolk namens Na’vi friedlich koexistiert, das zufälligerweise in einem „Heiligen Baum“ lebt, der gleichzeitig unmittelbar auf dem größten Vorkommen der gefragten Ressource steht, soll eine nicht-militärische Lösung her. Doch es bleibt dabei: Der Baum muss weg, die Na’vi umgesiedelt werden. Konflikt!

Die Virtualisierung eines Bewusstseins

Die Menschen züchten Na'vi-Körper und steuern sie virtuell. Um ihre Kultur besser verstehen zu können, schlüpfen die Wissenschaftler also in fremde, blaue Körper und laufen, ganz wie die Originale, erhobenen Hauptes durch die charmanten, mit wilden Tieren vollgestopften Wälder und versuchen Kontakt mit diesen unbekannten Wesen aufzunehmen. Selbst eine Schule zum Wissensaustausch wird errichtet, doch auch dieser diplomatische Ansatz einer zivilisatorischen Mission schlägt fehl. Unter den Auserwählten, die diese Chance zum Kontakt haben, befindet sich Jake, ein ehemaliger Marinesoldat, der seinen kurz zuvor ermordeten Zwillingsbruder, einen renommierten Wissenschaftler, aufgrund genetischer Gleichheit ersetzt: Jeder Wirtskörper ist nämlich auf eine bestimmte DNA ausgerichtet und nur mit ihr lauffähig.

Ein teures Wissen

Die win-win-Situation aus den Augen der Corporation sähe nun ja dermaßen aus, dass die geballte Bildung des Menschen sowie einige andere, handfestere Errungenschaften umgetauscht werden gegen einen reibungslosen Ablauf der Ausbeutung. Wissen gegen Rohstoff. Welches Ende solche win-win-Situationen meist nehmen, ist auch hier auf der Erde ja nicht ganz unbekannt. Zu allem Überdruß entdecken die mit der Kontaktaufnahme zu den Na’vi betrauten Wissenschaftler nun auch noch eine Verbindung biologischer Natur zwischen der eingeborenen Rasse und dem Planeten, auf dem sie leben: feingliedrige Nervenfasern durchziehen die Bäume des Planeten, und den Bewohnern ist es sogar möglich, physischen Kontakt zu diesem gehirnartigen Netzwerk zu erlangen. Ein humanoider USB-Stick. Schnell wird klar, dass die Eingeborenen freiwillig nicht von ihrer Stelle weichen werden. Da Jake ein Ex-Marine ist, wird er vom militärischen Kommandanten der Basis mit einer Spionagemission betraut: Er soll ihm alles über die Na’vi und ihre Eigenarten berichten und, falls möglich, sie zu einem Abzug zu ihrem Besten bewegen. Je länger Jake sich jedoch unter den Eingeborenen aufhält, je stärker er in die Gemeinschaft miteinbezogen und schließlich endgültig aufgenommen wird, desto mehr wandelt sich seine Loyalität zugunsten der Ureinwohner. Er fängt an, ernsthaft mit ihnen zu sympathisieren und kann sich schließlich mit ihnen identifizieren. Das Loch, das sein Leben ist, gekettet an einen Rollstuhl, ohne Familie, wird gefüllt von der starken, ursprünglichen Kultur, die sich in dieser Gesellschaft entwickelt hat.

Gefangenschaft in Technik

Wenn die Kamera, kurz nachdem sie Jakes Wirt in der atemberaubenden Vielfalt der Natur des Planeten gezeigt hat, in die enge, von Stahl umschlossene Kammer in der Basis der Menschen zurückschwenkt, spätestens dann dürfte dem letzten Zuschauer die sehr klar zwischen gut und böse differenzierende Botschaft des Filmes klar geworden sein: back to the basics. Dass ausgerechnet die neueste, rasant innerhalb von fünfzehn, zwanzig Jahren entwickelte digitale Animationstechnik den Planeten und seine Einwohner darstellt, dürfte wohl zu den prägnantesten Gegensätzen des Filmes zählen. Die Mehrheit der Szenen wurde in Computern entwickelt; von der photorealistischen Authentizität, die manche hier ausfindig gemacht haben möchten, ist aber nichts zu spüren. Nur dadurch, dass die visuelle Ästhetik der realen Aufnahmen so stark verfälscht wurde, dass sie künstlich wirkt, erliegt man vorübergehend der Illusion, dass auch die animierten Szenen echt aussehen. Hier schlägt der Star-Wars-Episode-3-Effekt zu: Im Kontrast zu vorhergehendem digitalen Material wirkt AVATAR sicherlich wie das Nonplusultra und der Endpunkt digitaler Visualentwicklung. Dass alles weiterhin künstlich aussieht, wird aber ignoriert, schließlich macht das Detail, im Einklang mit der Umgebung, die Echtheit eines Bildes aus. Dies digital nachzubilden würde bei der jetzigen Technik wohl Jahrzehnte dauern. Wer die raue Materialität von analogem Film kennt, oder wenigstens einmal aufmerksam durch einen Wald spaziert ist, wird sich auch von solch exzellenter Technikkontrolle, wie James Cameron sie hier vorführt, nicht blenden lassen.

Gone With The Wind

Doch der Film hat Pathos. Der Film hat einen Spannungsbogen. Auch eine Liebesgeschichte gibt es. Was braucht man mehr, um eine mitreißende Geschichte zu erzählen? Man kann sich gegen epischen Pathos wehren, so lange man will; die Nase rümpfen ob der oft recht unausgereiften Charaktere und sich beschweren über das kitschig anmutende Ritornell der romantischen Schlüsselszenen auf der einen und der explosiven Actionfeuerwerke auf der anderen Seite; doch wäre die Wirkung des Filmes nicht eine solche, wenn es ihm nicht gelänge, auch eine entsprechende mythische Urkraft zu entfesseln, die jenseits jeglicher intellektueller Hochnäsigkeit bestehen kann. Verachtung ist hier fehl am Platze! Klar, der Film ist im Grunde Hollywood, und es ist von Anfang an ersichtlich, dass Jake, der Mensch „reinen Herzens“, sich für die Rettung der Na’vi und für die Häuptlingstochter entscheiden wird. Doch stellt der Film dadurch nicht auch in Frage, was überhaupt als „menschlich“ angesehen werden darf? Nicht zum ersten Mal wird diese Frage wohl gestellt, doch enthält die Versetzung der Pocahontas-Story ins zweiundzwanzigste Jahrhundert auf einen fremden Planeten doch gewiss einiges an Originalität. Einige Einstellungen verändert, anderes weggeschnitten, ein nüchternere, zurückhaltendere Art, eine grundlegende Überarbeitung des visuellen Stils, und man hätte ein Meisterwerk der Science Fiction, das diesem Namen auch würdig wäre. Doch, AVATAR geht tatsächlich über ein pures Märchen hinaus: wer die Stahlhöhlen und andere tödliche zivilisatorische Errungenschaften so gezielt inszeniert, trifft auch eine Aussage über die Befindlichkeit des modernen Menschen in der postindustriellen Gesellschaft. Von der Frage, was dies für unsere Identität bedeutet, ganz zu schweigen. Fazit: AVATAR ist also ein durchaus sehenswerter Science-Fiction-Film; nichts alles Maß sprengendes, kein fein ziselierter Arthouse-Film, sondern ein durchaus solider, interessierender Film, der den Zuschauer im Grunde nicht zu betrügen versucht und ihn hoffentlich mit sich selbst und seiner menschlichen Umgebung aufs neue konfrontieren lässt. Dafür ins Kino zu gehen, ist kein verschwendetes Geld. Nur Popcorn muss nicht sein.

Expertenstimmen Archiv