Berlinale-Beitrag: Odem - Lipstikka

odem - lipstikka

Die beiden Freundinnen Inam (Natali Atiya) und Lara (Clara Khoury) kennen sich seit ihrer Kindheit in der palästinensichen Stadt Ramallah. Die frühreife und gut aussehende Inam kokettiert gerne und lässt keine Gelegenheit zum Flirten aus, während die vollschlanke Lara erste Erfahrungen mit dem Alkohol macht und heimlich in Inam verliebt ist.

Dunkle Erinnerungen

Ein Abend im Kino während der Intifada ändert auf dramatische Weise das Leben der jungen Mädchen. Nach der Sperrstunde wollen sie aus Jerusalem in die Heimatstadt zurückkehren, doch werden sie von israelischen Soldaten aufgehalten. Was dann folgt ist der Knackpunkt der Geschichte: Eine Version zeigt die Vergewaltigung Inams, eine andere die Verführung des Isreali durch sie. Eine eigenhändig mit einem Kleiderhaken durchgeführte Abtreibung und die daraus resultiernde Unfruchtbarkeit Inams sind der traurige gemeinsame Nenner jener Nacht. Der zuvor geklaute Lippenstift (Lipstikka) der Mutter wird vom Symbol der Freiheit zu dem der Unterdrückung.

Besuch aus der Vergangenheit

Fünfzehn Jahre später in einem Londoner Vorort steht auf einmal Inam mit zwei Milchflaschen vor Laras Tür und will ihr zum Geburtstag gratulieren. Lara ist verstörend kalt und verschlossen zu ihrer besten Freundin. Langsam entfaltet sich durch Rückblenden vor dem Zuschauer eine Geschichte, die durch verschwommene Erinnerungen an Brisanz gewinnt und ein überraschendes Ende findet.

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Der Film von Jonathan Sagall erzählt diese Geschichte in einem langsamen Tempo, die Wirkung des Films entfaltet sich aber erst so richtig, nachdem der Film vorüber ist. Der Zuschauer kommt ins Grübeln, spielt die Varianten noch einmal im Kopf ab, hinterfragt die vermeintliche Wahrheit, setzt die Teile neu zusammen. Letzendlich bleibt es dem Zuschauer überlassen, zu entscheiden, wer genau sich an was erinnert und ob Verdrängung oder Dramatisierung eine Rolle spielen.

Poltik vs. Einzelschicksal

Die politischen Umstände der Geschichte sind, wie die Änderung des Schauplatzes des Films zeigt, nicht die Aussage des Films. Im Vorfeld gab es Kontroversen um einen Holocaustvergleich, so dass der israelische Filmfonds seine Fördergelder zurückzog. Also wurde Palästina anstatt Jerusalem als Drehort gewählt. Der eigentliche Erzählstrang ist vielmehr das Schicksal der Frauen, ihre jeweilige (Un-)Fähigkeit mit dem Geschehenen umzugehen und die nicht heilenden Narben auf der Seele.

Auch wenn der Film beim goldenen Bären leer ausging, hinterlässt er doch bleibenden Eindruck. Die Tragik einer falschen Entscheidung im jugendlichen Leichtsinn, die das Leben zweier erwachsener Frauen so entscheidend beeinflusst, hallt im Zuschauer nach.

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