Bayerisches Brauchtum und Volksmusik sind schwer im Kommen. Nicht zuletzt durch die Well-Buam und viele andere Musikgruppen und Tanzkreise wird die Tradition aufrecht erhalten und weiterentwickelt.
globe-M sprach mit Hans Well über Berührungsängste beim Volkstanz.
globe-M: Hat sich die Volksmusik und auch die Tanzmusik verändert, seit Sie mit den Well-Buam und der Biermösl-Blosn unterwegs sind?
Hans Well: Vielleicht ist es etwas weniger trachtlerisch geworden und vielleicht ist’s auch weg von diesen Stereotypen: Du musst eine Tracht anhaben, damit du Volkstanzen darfst, du musst eine bestimmte Zugehörigkeit haben. Wenn der Ausdruck Volkstanz stimmen sollte, dann darf eigentlich jeder mitmachen, vom Siemensler bis zum Bauernbuam, vom Punk bis zum Trachtler.
globe-M: Die Well-Buam haben den Volkstanz vor 25 Jahren auch für Leute zugänglich gemacht, die eher Berührungsängste mit Brauchtum hatten. In München ist mittlerweile – befördert durch das Kulturreferat – ein stärkeres Interesse am Volkstanz zu bemerken. Woher kommt das?
Hans Well: Ich glaube, weil man das, was Volkskultur, Volksmusik oder Volkstanz bedeutet, unverkrampfter sieht. Man erreicht allmählich den Status wie in Irland. Was ich dort immer bewundert habe, wie unverkrampft die mit Tradition umgehen. Das hat natürlich bei uns lange Zeit ein „G’schmäckle“ gehabt durch die Nazizeit, in der man sowas durch die Blut-und-Boden-Ideologie diskreditiert hat und wo man befangen war, eine bestimmte Zeit lang. Liest man bestimmte Vorworte von Liederbuchausgaben aus dieser Zeit und auch aus den 1950er Jahren, dann merkt man, wie stark Volksmusik verwurzelt war in dieser Ideologie.
globe-M: Ideologen geben sich gern volksnah.
Hans Well: Sie haben die Tradition ausgenutzt, aber die gab es natürlich schon viel länger. Tradition ist etwas, das immer lebendig sein muss und wo man immer wieder abwägen muss. Ich bin froh, dass es den "Brauch" oder die "Tradition" der Hexenverbrennungen nicht mehr gibt. Dafür gibt es andere, die positiver sind.
globe-M: Veränderung ist notwendig, aber auch das Vertrauen in Tragfähigkeit der eigenen überlieferten Musik.
Hans Well: Was mich betrifft, ich brauche eine Zugehörigkeit, ich brauche eine Identität, und ohne diese Basis tu’ ich mich schwer, anderes einzuordnen, anderes zuzuordnen.
globe-M: Es gibt neue Volksmusik-Richtungen, die man unter dem Begriff Tradi-Mix zusammenfassen kann. Viele Musiker glauben, sie müssen die Stücke aufpeppen. Wie weit darf sich die Volksmusik öffnen?
Hans Well: Das kann man nie vorschreiben, ich würde da nie jemandem sagen, mach es so oder so. Ich glaube, solange man bei sich selber ist, und solang es kein Klischee ist, das ist das Wichtigste. Wenn man ein bestimmtes Klischee nachspielt, dann Vorsicht! Aber wenn man unverkrampft und frei Sachen miteinander verknüpft, die einem Spaß machen, ohne dass man es als Klischee missbraucht, ist jede Freiheit erlaubt. Wir haben inzwischen Radio, wir haben Fernsehen, wir leben nicht mehr in einer Welt, die abgekapselt für sich selber steht, sondern es gibt einfach die Einflüsse von überall her, und alles ist legitim. – Man muss das machen, was einem selber gefällt. Es muss dir Spass machen, dass du das spielst, das musst du selber mögen. Ich liebe Stücke von Django Reinhardt. Ich kann's nicht spielen, weil es mir einfach zu schwer ist, und zu ungewohnt. Aber wenn ich es spielen könnte, würde ich es sofort machen. Das wäre dann nicht aufgesetzt, weil das mein Traum ist, sowas zu spielen. Das ist die richtige Ausgangslage. Es gibt Leute, die machen es anders. Die orientieren sich am Markt und schauen, was ankommt. Das würde mir nicht gefallen, das ist nicht das meinige.
globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Roland Opschondek
Foto: Christian Kaufmann/Biermösl-Blosn
Zur Person
Hans Well ist Mitglied der seit 1976 bestehenden Musik-Kabarettgruppe Biermösl-Blosn und war in der alten Besetzung der Well-Buam der Tanzmeister.
http://www.biermoesl-blosn.de