Biennale München: Der Blick des Anderen

Den Auftakt der 12. Münchner Biennale als internationales Festival für neues Musiktheater macht Philipp Maintz mit seiner Oper „Maldoror“. Insgesamt warten vier Uraufführungen auf die Besucher, die auf ganz unterschiedliche Weise das Festivalmotto „Der Blick des Anderen“ umsetzen.Zusätzlich sind die neuen Opern in eine Vielzahl von Konzerten, Symposien und Komponistengespräche eingebettet.

Das besondere Anliegen der Biennale

Mit der Münchener Biennale gelang Hans Werner Henze vor zwei Jahrzehnten die Einrichtung eines weltweit einmaligen Festivals. Internationalität soll nie nur ein äußeres Kriterium sein, sondern es werden die Vielfalt der Herkunftsländer der Komponisten und ihre eigenen ästhetischen Maßstäbe präsentiert. "Kulturen lassen sich nicht im Eilverfahren verschmelzen", so Peter Ruzicka, künstlerischer Leiter des Festivals. Deshalb müsse man sich den "Blick des Anderen" aneignen, um sich in Unbekanntes hineinzudenken.

Maldoror – die Welt aus der Sicht des Bösen

Der 33-jährige Philipp Maintz aus Aachen macht den Auftakt der Biennale. In sieben Bildern geht es im Münchner Prinzregententheater um das Böse, Abgründige und Zerstörerische im Menschen. Maldoror ist eine literarische Figur des französischen Dichters Isidore Ducasse alias Comte de Lautréamont aus dessen Werk der Librettist Thomas Fiedler die Motive der Oper herausdestilliert.
Die Bühne ist ein riesiger Hamsterrad-Käfig, in dem die Protagonisten versuchen, den Blick in den Abgrund zu vergegenwärtigen. Dabei läuft der Original-Text ständig über die Szenerie und gibt der Inszenierung von Georges Delnon und Jochaim Rathke eine kühle ästhetische Note. Im blutigen Endkampf reißt Maldoror als Adler seinem Schöpfer Lautréamont das Herz aus der Brust – der Dichter wird so zum Opfer seines Geschöpfes.

Die weiße Fürstin – ein musikalischer Schwebezustand

Der 1975 in Budapest geborene Márton Illés bezieht in seine Komposition einen frühen dramatischen Entwurf von Rainer Maria Rilke ein. Die Musik zeigt die Erwartung der weißen Fürstin auf die Ankunft ihres Geliebten auf – darunter liegt ein Abgrund des Schrecklichen und Infamen. Sängern und Schauspielern werden keine festen Rollen zugeordnet. Vielmehr sind die Personen und ihre Äußerungen Ereignisse im musikalischen Raum, von dem sich durch Architektur, Licht und Bewegung Perspektiven für die Gestaltung des Bühnenraums eröffnen.

Mittelpunkt der Biennale – das dreiteiligen Musiktheaters Amazonas

In der dritten Uraufführung geht es um das Schicksal des brasilianischen Amazonasgebietes. In den drei Teilen „Tilt“, „Der Einsturz des Himmels“ und „In Erwartung der Tauglichkeit einer rationalen Methode zur Lösung des Klimaproblems“ werden die Sicht der Eroberer, die Perspektive der Ureinwohner und zukünftige Menschheitsfragen beleuchtet. Das Projekt ist über einen Zeitraum von vier Jahren in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Künstlern entstanden. Die Musik dazu stammt von Klaus Schedl und Tato Taborda, einem Schüler von Helmut Lachenmann.

Spannungsfeld zwischen chinesischer und europäischer Tradition – Die Quelle

Die letzte Uraufführung der diesjährigen Biennale ist „Die Quelle“ der 34-jährigen chinesischen Komponistin Lin Wang. Sie versteht das Leben als Aufforderung, sich auf die Suche zu begeben, Gewissheiten zu verlassen und sich einer vorbehaltlosen Selbsterkenntnis zu öffnen. Das Libretto ihrer Oper beruht auf einer Erzählung der Dichterin Can Xue. Darin wird die Quelle, ihr Versiegen und Wieder-Aufspringen zum Symbol dafür, wie Leben entsteht. Lin Wang bringt das Drama der Suche mit allen Mitteln modernen Musiktheaters, einschließlich Projektionen und Elektronik auf die Bühne.

Bild: Eröffnungsaufführung Maldoror (Copy: Regine Körner)
http://www.muenchnerbiennale.de

Expertenstimmen Archiv