Wieso fühlen sich Menschen zu Untoten hingezogen – versuchen wir lediglich, unsere Sterblichkeit zu transzendieren? Sollte der fesche Glitzervampir Edward seine Fähigkeit zum Gedankenlesen nach Gutdünken einsetzen – oder könnte das zu fundamentalen Ich-Zweifeln führen?
Philosophie im Zwielicht
Solche vampirisch relevanten Fragen versucht ein gerade auf Deutsch erschienener Sammelband zur „Philosophie in Twilight“ (2010) zu beantworten.
Der Titel hätten allerdings auch „Philosophie im Zwielicht“ lauten können, schließlich gelten Bücher der Sorte „Nachdenken leichtgemacht“ unter Akademikern und Berufsphilosophen als umstritten.
Das Lesepublikum stört sich daran glücklicherweise nicht – und öffnet so auch dem akademischen Diskurs neue Arbeitsfelder.

Mit Precht am Küchentisch
In Deutschland hat Richard David Precht dazu beigetragen, Philosophie – fast zwanzig Jahre nach „Sofies Welt“ – wieder küchentischtauglich zu machen.
Das Feuilleton zeigte sich unwirsch: Die Süddeutsche Zeitung verurteilte Prechts publikumsfreundlichen, betont anti-akademischen Gestus als „rücksichtslose Ranschmeiße“, die FAZ bekundete lapidar: „Precht überfordert niemanden und bestimmt nicht sich selbst.“
Auch Prechts zweiter Grübelklotz, „Liebe“, stieß in der geistigen Höhenluft auf Ablehnung.
Den Erfolgen beim Publikum taten solche Urteile jedenfalls keinen Abbruch.
Dass sich Berufsdenker und Feuilletonisten schon aus Gründen der eigenen Bestandswahrung gegen die vermeintlichen Zudringlichkeiten aus der Bestseller-Ecke wehren, verwundert wenig. Um so wichtiger, dem Phänomen Populärphilosophie einmal hinterherzuforschen, zumal in den letzten Jahren – vor allem in den USA – zahlreiche Bücher erschienen sind, die populäre Kultur mit philosophischem Nachdenken verknüpfen.
Die letzten Menschheitsfragen, so lautet hier das Versprechen, werden quasi nebenher erläutert, während sich das Buch so spannend liest wie ein Vampirroman.
Kantische Sittenlehre in Springfield
Oder so lustig daherkommt wie eine Simpsons-Folge: „Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt“, verspricht jedenfalls ein Buch, in dem Donut-Dummerchen Homer durch die aristotelische Brille betrachtet wird. Barts Moralbegriff wird mit Nietzsche traktiert und kantianische Sittenfragen am Mittagstisch der Gelbköpfe in Springfield verhandelt.
Stephenie Meyers Büchern eignen sich dagegen besser, um Endlichkeitsparadoxa („Wird das ewige Leben nicht irgendwann langweilig?“) oder Fragen des freien Willens („Kann Edward seinen Blutdurst kontrollieren?“) zu demonstrieren.
Daneben gibt es inzwischen philosophische Aufsatzsammlungen zu Fernsehserien wie Lost, 24, Dr. House, Heroes, Family Guy, Buffy, South Park und Akte X, zu Superhelden wie den X- und den Watchmen, zu Kinofilmen wie Terminator, Matrix und Harry Potter, zu Regisseuren wie Tarantino, sogar zu Sportarten (Baseball), zu Computerspielen (Final Fantasy) und – warum auch nicht? – zu Bands wie Metallica und Led Zeppelin.
Philosophie plus X
Die Buchreihe „Popular Culture and Philosophy“ des US-amerikanischen Verlags Open Court bringt es bislang auf über 50 Titel nach dem obigen Strickmuster – und die Liste wächst mit jedem Monat.
Die jeweiligen Bände werden von Fachphilosophen – darunter Szenestars wie Slavoj Žižek – mit Essays bestückt, die verschiedene Aspekte der populären Serien und Filme philosophisch kontextualisieren und sezieren.
Mit Erfolg: Der Verlag behauptet, bislang über eine Million Exemplare der Denkschnitten verkauft zu haben.

Darf man das?
Darf man das?, wird jetzt mancher fragen: Ist das nicht der Tod ernsthafter Wissenschaft? Und: Gibt der kurzfristige Erfolg diesem neuen Phänomen schon recht? Aber vor allem: Was kann man schon aus Ballerfilmen lernen?
Wer als Kulturwissenschaftler argumentiert, wird sagen: Jede Menge!
Eine halbe Stunde Terminator ist für das frühe 21. Jahrhundert relevanter als der ganze Faust. Schließlich sind inzwischen wesentlich mehr Menschen mit einen radebrechenden Arnold-Roboter sozialisiert worden als mit dem goetheschen „Habe nun, ach“.
Während an Universitäten mehr Praxisbezug gefordert wird, beweisen Bücher wie die „Philosophie plus X“-Snacks, dass das Nachdenken am besten auch da anfängt, wo es mal hinkommen soll: in der Praxis. Philosophie – und Geisteswissenschaft überhaupt –, die den Anschluss an zeitgenössische Lebenswelten sucht, muss wieder genau da hingehen, wo Alltagskultur stattfindet. Beispielsweise beim gemeinsamen Sopranos-Gucken. Oder beim Hype um Edward und Bella.
Wer kultursoziologisch etwas über unsere Zeit herausfinden will, tut gut daran zu fragen, warum Vampire gerade jetzt wieder in Mode kommen?
Der Literaturwissenschaftler Hans Richard Brittnacher jedenfalls glaubt, dass gerade „Vertreter der Bildungsbürger“ die „geschmähte Literatur ihrer Kultur“ schreiben, um „Kehrseiten ihres eigenen Triebverzichts“ auszuleben. Wer glaubt mit?
Aber bitte am Gegenstand
An Richard David Prechts Grübelprügeln wurde vor allem bemängelt, dass der Autor darin kaum eigene Positionen bezieht, sondern vor allem fremde Thesen referiert.
Das kann man den Autoren der Buchreihe „Popular Culture and Philosophy“ teilweise auch vorwerfen: Oft werden die Anregungen aus Serien oder Filmen nur als zeitgeistiger Vorwand genommen, um daran die fünfzigste Zusammenfassung von Hegels Dialektik aufzuhängen.
Diese Essays aber verfehlen das Potential, dass den Gegenständen der Popkultur innewohnt. Wer die Britcom The IT Crowd nur zu Illustrationszwecken verwendet, um ein Referat über Computerphilosophie zu halten, verfehlt die Eigenarten exakt dieser Serie.
Was sagen exakt jene zwei Nerds, die in exakt jenem Keller hocken, über die Wirklichsauffassungen im 21. Jahrhundert aus? Was kann man von ihnen über Selbstbestimmung und Vergesellschaftung in kapitalistischen Wirtschaftskreisläufen lernen?

Willkommen in der Wüste des Realen
Es geht also nicht darum, zu fragen, was Twilight für die Philosophie tun kann, sondern, was die Philosophie für Twilight tun kann: Artefakte der Popkultur wirklich ernst zu nehmen, heißt, sie nicht als Stichwortgeber für Lehrbücher zu gebrauchen, sondern sie auf ihre ästhetischen und gesellschaftspolitischen Eigenarten hin zu untersuchen.
Forscher, die diesen Auftrag annehmen und an ihren Gegenständen aufrichtig interessiert sind, können uns Bewohnern des 21. Jahrhunderts helfen, uns in der „Wüste des Realen“ (Matrix) wieder ein bisschen mehr zu Hause zu fühlen.