Der Titel des Dokumentarfilms BÖDÄLÄ könnte auch auf Finnland verweisen – doch dahinter verbirgt sich das Schweizer Wort Bödele, was in diesem Fall soviel bedeutet wie Tanzboden. Beim Bödelen, einer Tanzform aus der Innerschweiz, wird der Tanzboden zum Instrument, indem man darauf eine Art Stepptanz aufführt. Wir sprachen mit der Regisseurin Gitta Gsell über Stepptanz, Irish Dance, Flamenco und die Suche nach der Tradition.
BODENSTÄNDIGES AUS DER SCHWEIZ
Neun Fragen an Gitta Gsell
Globe-M: Der Titel BÖDÄLÄ bezieht sich auf eine sonderbare Tanzform, die außer in der Innerschweiz kaum bekannt war. Was war der Anlass für diesen Film?
Gitta Gsell: Ich muss ein bisschen ausholen. Ich habe eine Kollegin mit der Kamera begleitet, denn sie ging in einen Kurs Steppen ab 60. Ich habe da Leute gesehen zwischen 60 und 90, die Stepptanz lernen, und die waren da recht gut. Da hab ich gedacht: Das muss ja was wahnsinnig Urtümliches sein, dass man als Kind stampft und dann wieder im hohen Alter mit Steppen beginnt zu stampfen. Es gibt ja fast in jedem Land diese Stampftänze, und ich wollte wissen, ob es die in der Schweiz nicht auch gibt, und die hab ich dann gesucht. Damals, vor vier Jahren, waren die noch nicht auf dem Internet, denn das ist ja aus der Bauerngemeinde gekommen. Ich musste mich durchtelefonieren und hab viele ältere Bauern gesprochen, bis ich dann endlich diesen Prisbödälä (Preis-Bödelen), diesen Bödälä-Wettbewerb und auch die anderen Dinge gefunden habe.
Die Bauern sind grundsätzlich nicht sehr interessiert an der medialen Wirkung. In der Zentralschweiz, auf dem Land braucht es ein bisschen Zeit, bis sie einer Städterin vertrauen. Aber nachher, als sie mich dann langsam gekannt haben und ich mit der Kamera immer wieder gekommen bin, ging das eigentlich sehr gut, dann hatten sie auch Freude daran, dass man sie ernst nimmt. Wovor sie sehr Angst haben ist, dass sie falsch portraitiert werden, weil sie sagen, wenn das Fernsehen kommt, dann zeigen die gewisse kleine Ausschnitte, und das stimmt nicht mit dem überein, wie sie sich verstehen.
Globe-M: Stimmt doch auch, oder?
Gitta Gsell: Ja, stimmt. (lacht)
Globe-M: War das vor einigen Jahren eine absterbende Tradition? Wie viele Leute haben das gemacht?
Gitta Gsell: Es hat sich verlagert. Es ist eigentlich jetzt wieder am Kommen. Es war völlig in der Innerschweiz verwurzelt und dort war es eine Zeitlang am Absterben, weil es wirklich nicht mehr genug Leute gab. Die ganzen Anlässe werden nie gefördert, die haben keine Kulturgelder, die müssen sich also selbst tragen. Jetzt hat aber eine ganz neue junge Generation in Toggenburg, das ist ein bisschen mehr gegen Osten in der Schweiz, hat das aufgegriffen, und das läuft wahnsinnig gut. An solchen Anlässen sind es bis zu 1000 Leute. Als wir das erste Mal beim allerersten Prisbödälä im Toggenburg waren, hatten sie eine Halle, wo etwa 500 Leute Platz hatten, und das hat nicht gereicht. Das nächste Mal mussten sie schon eine ganz große Mehrzweckhalle mieten.
Globe-M: Kann man von einem neuen Trend sprechen?
Gitta Gsell: Ja, schon ein bisschen, aber natürlich sehr lokal.
Globe-M: Nicht ausgelöst durch den Film, aber zufällig gleichzeitig?
Gitta Gsell: Gleichzeitig. Wir hoffen natürlich schon, dass durch den Film noch ein bisschen mehr passiert – bisher war das sehr lokal. Das war nicht bekannt in der Schweiz generell. Der Film ist in der ganzen Schweiz sehr gut gelaufen, das hat schon Anklang gefunden.
Globe-M: Wie sehen Sie die Möglichkeiten, Traditionen zu bewahren?
Gitta Gsell: Es gibt für mich zwei Themen. Mich hat natürlich interessiert, wie gehen die modernen Menschen eigentlich mit Tradition um heutzutage. Wie weit kann man das noch mitnehmen, mitmachen und wie weit verändert es sich. Wie weit muss es sich verändern, dass es lebendig bleibt? Das ist etwas sehr Interessantes, denn einerseits gibt es die ganz ursprünglichen Bödälä-Geschichten auch bei jungen Leuten, die wirklich am Samstagabend ausgehen und das tanzen, das ist lebendig, das verändert sich, das machen jetzt auch Frauen.
Bei den Fundamentalisten, die immer sagen, die Tradition muss so beibehalten werden, wie sie immer war, dort stirbt es aus, denn dort können die Jungen sich nicht einklinken.
Was mich interessiert hat, ist auch das Spannungsfeld von dem ganz Ursprünglichen und wohin führt es. Was immer wieder kam bei all den Traditionen ist, dass sie letztendlich sagen, der Wettkampf hält die Tradition am Leben, auch wenn alle sagen, sie mögen den Wettkampf eigentlich nicht.
Globe-M: Der Wettkampf ist typisch für eine Industriegesellschaft. Kann Tradition nur noch als Sport, also Wettkampf weiterleben?
Gitta Gsell: Ja, eigentlich schon. Das ist das Zwiespältige daran, weil die eigentlich den Wettkampf nicht mögen, weil er auch so einengt. Da muss man Normen setzen, das muss man natürlich sagen, das wird nach dem und dem bewertet, das heißt, die Leute müssen so und so tanzen. Die ganzen Organisationen möchten das ja gar nicht, sie möchten den Tanz lebendig halten, aber sie sagen gleichzeitig, wir kriegen die Jungen nur hin, wenn wir sagen, an diesem Tag ist der Wettkampf. Dann üben sie, dann bereiten sie sich vor, und dann machen sie es.
Globe-M: Im Film werden viele Varianten des Bodentanzes gezeigt, auch eine Schweizer Teilnehmerin an einem Irish Dance Wettbewerb in Dublin. Wäre da nicht das Bödelen naheliegender gewesen?
Gitta Gsell: Die hat gar nicht gewusst, dass es Bödälä gibt. Stepptanzen und Irish Dance wie auch Flamenco, das ist einfach wahnsinnig populär. Ganz viele Leute lernen das, und nicht volkstümliche Tänze. Unter anderem auch – das muss man ganz klar sagen - weil halt die eher rechte Politik das sehr lange für sich vereinnahmt hat und sehr lange – immer eigentlich – war man gleichzeitig rechtsgerichtet, wenn man traditionell mitgemacht hat. Und das hat sich geändert in den letzten Jahren und deshalb ist es plötzlich möglich, dass eigentlich alle Jungen Leute da mitmachen können.
Globe-M: Glauben sie dann, dass aus dem Volkstanz ein Bevölkerungstanz wird?
Gitta Gsell: Ich denke schon, ich denke natürlich, dass in unserer Zeit mit der ganzen Globalisierung mit dem, dass ja jede Stadt gleich aussieht wie die nächste, dass man auch wieder sucht, was ist denn eigentlich noch unser Urtümliches, Eigenes – obwohl es ist ja nicht eigen –, das sieht man auch im Film, es war schon immer mit anderen Ländern mit anderen Tänzen verknüpft, aber dass man einfach wieder ein bisschen mehr schaut, was haben wir eigentlich, wo ist eigentlich unsere Kultur?
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
Globe-M sprach mit Gitta Gsell auf dem Münchner Filmfest 2010, Filmstart in Deutschland im November.
Interview: Roland Opschondek
Zur Person
Gitta Gsell
besuchte die F+F-Schule für Experimentelle Gestaltung, Zürich, die School of Visual Arts, New York und machte dort ihren Bachelor of Fine Arts, sowie am Hunter College, New York den Master of Fine Arts in Combined Media
Von 1979-1989 lebte sie in New York, seit 1990 wieder in Zürich.
Zahlreiche Dokumentarfilme für das Schweizer Fernsehen und Kino.
Bödälä - Dance the Rhythm
Regie: Gitta Gsell
Mit Claudia Lüthi, Elias Roth, Lukas Weiss, Anja Losinger, Sabrina Wüst,
Anne-Marie Rojahn, und weiteren Tänzerinnen und Tänzern aus der Innerschweiz und dem
Toggenburg
Schweiz 2010 - 78 Min / Farbe / 1:1.66 / Dolby Digital
Original Version Schweizerdeutsch, Englisch mit dt. UT
Produktion:
Reck Filmproduktion
Franziska Reck
Dienerstr. 7
CH-8004 Zürich
Tel. ++41 (0)44 241 37 63
Fax ++41 (0)44 241 37 64
info@reckfilm.ch
Eine Produktion der RECK Filmproduktion Zürich
in Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen
und SRG idée suisse