Ob Marco Polo tatsächlich in China war oder einfach nur ein sehr guter Geschichtenerzähler, ist in der aktuellen historischen Forschung umstritten. Das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover umgeht diese Streitfrage und schickt den Besucher selbst auf die Reise.
Am Anfang ist es in Venedig ein bisschen muffig, und auch dunkel. Mit der Zeit gewöhnen sich die Augen daran. Der schreitende Löwe steht da, das Stadtsysmbol, in mehreren Ausfertigungen. Es geht los. Auf nach China. Dass Marco Polo eine wichtige historische Persönlichkeit war, daran besteht kein Zweifel. Eigentlich geht es auch gar nicht so sehr darum, ob er jetzt zwischen 1271 und 1295, oder überhaupt irgendwann seine Reise antrat. Wesentlich wichtiger ist der Einfluss, den seine Reiseerzählung auf die Weltgeschichte hatte: Das von Polo in genuesischer Kriegsgefangenschaft diktierte Werk „Il Millione“ erfuhr eine große Verbreitung, und stachelte die Menschen an, ihr Glück im Fernen Osten zu versuchen, auf der Jagd nach den Reichtümern, von denen er erzählte. Selbst Christoph Kolumbus benutzte Polos Werk, um die Entfernung zu kalkulieren, die er bis Indien zurückzulegen hätte. Aber das alles ist im Venedig von 1271, als die Polos – Marco, Niccoló und Matteo - ihre Sachen packen, noch Zukunftsmusik.
Mehr Mindmap als Personality-Show
Die Ausstellung „Marco Polo. Von Venedig nach China“ im Landesmuseum Hannover ist gar nicht so sehr eine Ausstellung über Marco Polo – es ist eine Ausstellung über seine Reise, mehr Mindmap als eine Personality-Show. Sie befasst sich mit der Frage, wie die Länder, die Marco Polo zu seiner Zeit bereiste, wohl ausgesehen haben. Die Ausstellung nimmt zwar immer wieder auf „Il Millione“ Bezug, ist aber mit aktueller historischer Forschung und mit Exponaten angereichert. Aus Polos Werk werden Fäden in alle Richtungen gezogen. Der Besucher wird selbst zu Polo und geht in den weitläufigen Räumen auf die lange Reise nach China und zurück. Damit ist die Frage, ob Polo ein Schwindler war oder nicht, geschickt umgangen – sie ist am Ende aber auch nicht wichtig. Ob „Il Millione“ jetzt ein Abenteuerroman oder eine Reiseerzählung ist, ist durch die Jahrhunderte der Geschichte unwichtig geworden. In der Ausstellung spielt diese Frage keine Rolle. Sie ist mit Liebe gestaltet, aufwändig aufgebaut und zeigt eine Vielzahl von Exponaten, die Schlaglichter auf die Kulturen und Völker zwischen Italien und China werfen.
Historische Abenteuererzählung
Es ist eine interessante Art, Geschichte zu vermitteln: Die Ausstellung hangelt sich an einer Rahmenerzählung entlang. Sie vertieft nicht ein bestimmtes Thema, sondern schneidet viele Themen an, die immer nur kurz beleuchtet werden. Über dem allem steht als Reisemaskottchen der goldglänzende Marco Polo, der sein Gesicht auch für das Plakat der Ausstellung hergibt. Man könnte diesem Konzept mangelnde Tiefe vorwerfen. Man kann sich aber auch in die historische Interpretation einer Abenteuererzählung stürzen, um am Ende der Reise zumindest ein bisschen klüger zu sein.
Weitere Informationen
Die Ausstellung "Marco Polo. Von Venedig nach China" ist noch bis zum 26.2.2012 im Landesmuseum Hannover zu sehen.