Das gesprochene Wort

Tobias Hoffmann fühlt sich im Literaturhaus ebenso wohl wie in Bars oder Clubs. Der Lyriker und Musiker gehört seit einigen Jahren zu den spannendsten Spoken Word-Künstlern des Landes. Ob als Sänger der Band Ira, als Schriftsteller oder mit seinem lyrischen Programm, dieser junge Mann lässt seiner Kreativität freien Lauf.

Beim Sprechstation-Verlag veröffentlicht Hoffmann mit "Hunger" seine erste Soloplatte. Im Gespräch mit globe-M gewährt der Künstler einen tiefen Einblick in seinen Sprachkosmos.

Globe-M: Du bedienst dich einer Sprache, die einerseits fest in der Alltäglichkeit der Gegenwart verhaftet ist, ohne roh oder unreflektiert zu wirken. Wie findest du die richtigen Worte?

Tobias Hoffmann:
Teilweise arbeite ich über Monate immer wieder an meinen Texten. Die Rohfassungen schreibe ich oft in einem Zug herunter. Die Bearbeitungs- und Korrekturphase kann sich dann ewig hinziehen. Fertige Endfassungen gibt es teils erst kurz vor einer Aufnahme oder einer Drucklegung. Die richtigen Worte zu finden ist manchmal ein Scheissjob, weil ich einerseits verständlich bleiben will, auch für jemanden, der kein Poesie-Freak ist, andererseits soll aber auch ein versierter Lyrik-Leser und -Hörer etwas damit anfangen können, kurz: Es soll im Literaturhaus oder in einem Theater funktionieren, aber auch in einer Bar, in einem Club oder auf der Straße.

Globe-M: In Stücken wie "Telefon" oder "Ich Werfe Keine Steine" verbindest Du Lyrik mit einer Songstruktur und Chorusgesang. Was entsteht zuerst, die Worte oder die dazugehörigen Klänge?

Tobias Hoffmann:
Auf “Hunger” waren immer zuerst die Texte da. Teils sind sie ja auch schon in gedruckter Form erschienen. Bei den genannten Stücken habe ich jeweils eine kleine Akkordfolge auf der Gitarre gefunden, die ich dann mit Jan Harder und mit Hilfe von befreundeten Musikern wie Björn Schade und Andy Rosczyk zu den fertigen Stücken arrangiert habe. Die gesungenen Refrains
entstanden spontan im Studio, einfach weil ich dachte, dass das Ganze mehr Melodie vertragen könnte. Dadurch, dass die Refrains auf Englisch gesungen sind, ergibt sich auch nochmal ein anderer sprachlicher Aspekt, eine Erweiterung der Perspektive.

Globe-M: Mit "Dope & Wine" ist sogar ein richtiges Lied auf der neuen CD enthalten. Siehst Du Dich eher als singender Dichter oder dichtender Musiker?

Tobias Hoffmann: Genau zwischendrin, würde ich sagen. Einmal überwiegt das eine, manchmal das andere. Bei “Dope & Wine” überwiegt wohl eher das Musikalische. Meine eigentliche Wurzel ist auch definitiv die Musik, nicht die Literatur. Ich habe zuerst in Bands gesungen und bin dann vor gut zwölf Jahren eher aus der Not heraus dazu gekommen, Texte unabhängig von Musik zu schreiben, einfach, weil die meisten Bands sich irgendwann auflösen.

Globe-M: Hat deine Band Ira einen Einfluss auf die Soloarbeiten?

Tobias Hoffmann:
Ja, natürlich. Alles beeinflusst sich immer gegenseitig. Teils fließen Gedichte in die Songtexte, oder ich übersetze sie kreuz und quer, und komme darüber wieder auf neue Sachen. Klanglich gibt es auf “Hunger” auf jeden Fall Parallelen zu “Ira”, vor allem bei den gitarrenlastigen Passagen, von denen viele Andy Rosczyk eingespielt hat. Wenn man Ira kennt, kann man es hören.

Globe-M:
Ist es schwer, sich als Spoken Word-Künstler ein Publikum zu erspielen?

Tobias Hoffmann:
Es kommt darauf an, was man will. Man kann im gesamten deutschsprachigen Raum regelmässig bei Poetry Slams auftreten, was ich jahrelang gemacht habe und noch immer tue. Die Frage ist nur, ob es einen auf Dauer befriedigt und weiterbringt, in einem Wettbewerb Kurzauftritte zu machen. Ich persönlich finde das auf weite Sicht eine ziemlich fade Vorstellung und versuche deshalb, eher Solo-Auftritte zu bekommen oder wenigstens bei Slams das Rahmenprogramm machen zu können. Das Etikett “Spoken Word” hat sich hierzulande auch nie durchgesetzt. Es gibt in Deutschland, natürlich mit schönen Ausnahmen, keine Spoken Word-Tradition wie beispielsweise in den USA. Und beim Begriff  “Poetry Slam” assoziiert man, teilweise leider zurecht, mehr Klamauk und Kalauer für besoffene Studenten als Poesie oder Lyrik. Um die Frage zu beantworten: Ja, es ist schwer.

Globe-M: Neben Auftritten im deutschsprachigen Raum hast Du auch in Kroatien, Serbien-Montenegro, Tschechien, Estland und Italien gespielt. Wie reagieren die Menschen im Ausland auf Deine Texte?

Tobias Hoffmann: Bisher immer sehr positiv. Meist wurde dass dann mit Übersetzungen gemacht die zum Beispiel auf Leinwänden mitliefen. Vor ein paar Jahren habe ich in Estland an einer Art AutorInnen-Austausch-Projekt teilgenommen, bei dem wir unsere Texte gegenseitig in Originalsprache und Übersetzung vorgetragen haben. Das war eine großartige Erfahrung. Nicht nur dort habe ich erlebt, dass es tatsächlich, auch wenn das kitschig klingt, so etwas wie eine “Weltsprache der Poesie” gibt. Es gab auch die Erkenntnis, dass ein mit Begeisterung und Leidenschaft vorgetragener Text berühren kann, dass man ihn “verstehen” kann, auch wenn man nicht alle oder kaum Wörter versteht. Das hat viel, jetzt werde ich fast ein wenig esoterisch, mit dem “Spirit” und der Haltung des Dichters zu tun.

Globe-M: Viele Geschichten auf "Hunger" reflektieren den Alltag. Was inspiriert Dich zu deinen Stücken?

Tobias Hoffmann: Vor allem der Umgang mit Menschen, ihren Haltungen, Ideen, Aktionen und Ausdrucksformen. Hinter fast allen Texten steckt jedenfalls etwas Erlebtes. Der Alltag und wie ich ihn wahrnehme ist das Material, aber natürlich genauso die Bücher, die ich lese, die Musik, die ich höre oder die Filme, die ich sehe, also die Auseinandersetzung mit den Werken, Ideen, Haltungen, Konzepten anderer Musiker oder Dichter.

Globe-M: Das bedrohliche Stück "Mia" ist als persönliche Ansprache an die Titel gebende Person gestaltet. Was steckt hinter der Geschichte?

Tobias Hoffmann: Der Auslöser für den Text war der Amoklauf in dem schwäbischen Städtchen Winnenden im Jahr 2009 und die darauf folgende mediale Aufbereitung mit den übliche Theorien und Mutmaßungen. Es sind Assoziationen zu den Themenfeldern Jugend, Gewalt, Medien, Idylle und wie das alles zusammenhängen könnte. In der praktische Ausführung habe ich mich sehr von dem Stück “Mila” von den Goldenen Zitronen beeinflussen lassen, es ist quasi daran angelehnt. Der Sprech-Rhythmus und der Titel bezieht sich außerdem direkt auf ein Gedicht von Nora Gomringer: ”Mia, bring mia etwas mit, wenn du wiederkommst, falls du wiederkommst... Natürlich hat es auch einen persönlichen Bezug. Winnenden ist von hier gar nicht weit entfernt und das Schulgebäude sieht auf Fotos genauso aus wie meine ehemalige Schule. Das fand ich irgendwie interessant.

Globe-M: "Geschichte Wird Gemacht" erinnert in seiner Art, sich sarkastisch politischen und gesellschaftlichen Aussagen zu widmen an die Liedermacher der Folk- und Krautrock-Szene wie etwa Hannes Wader, Witthüser & Westrupp oder Lokomotive Kreuzberg. Sind solche Künstler ein Einfluss für Deine Arbeit?

Tobias Hoffmann: Die genannten jedenfalls nicht. Ich habe mich aber über einige Jahre sehr mit Liedermachern beschäftigt. Zu nennen wären Konstantin Wecker, Franz-Josef Degenhardt oder auch Rio Reiser. Ich habe mich auch früher quasi als Liedermacher versucht, habe Straßenmusik gemacht, viele Lieder nachgesungen und Auftrittserfahrungen dadurch gesammelt. Der Einfluss ist auf jeden Fall irgendwo drin, wenn auch heute, wie ich das sehe, recht marginal. Mit dieser moralisierenden, hochpolitischen und weltverbesserischen Art der Old-School-Liedermacher kann ich heute nicht mehr viel anfangen, auch wenn ich noch einige Texte von Wecker, Degenhardt, Reiser oder, oh Gott, Reinhard Mey, auswendig kann. Dann lieber die aktuellen: Jan Koch, Gisbert zu Knyphausen, Christiane Rösinger oder Lydia Daher. 

Globe-M:
"Du triffst dich mit deinen Freunden und redest über Musik und Filme", ist eine Zeile, die wie ein zentrales Motiv Deiner neuen CD erscheint. Ist Dir der Themenkreis Popkultur wichtig?

Tobias Hoffmann: Ja, sehr, und natürlich zwangsläufig. Das, was man Popkultur nennt, umgibt mich/uns ja ständig. Man geht auf Konzerte, gibt selber welche, macht sich kundig, welche Bands und Platten gerade interessant sind, man unterhält sich über die neuesten bescheuerten Moden und Frisuren, man ist bei Facebook, man wird im Supermarkt von Lady Gaga berieselt, redet wie alle über Thilo Sarrazin, man zitiert Morrissey, Bob Dylan oder Guttenberg und sieht sich den neuen Film von Jim Jarmusch oder Roland Emmerich an.Wenn man heutzutage Texte schreiben und Musik machen will, wäre es schwierig und auch irgendwie realitätsfern, das alles auszublenden. Gedichte über Bäume und Blätter gibt es schon genug.

Erschienen bei Golden Antenna / Sprechstation Verlag

weitere Informationen:

Offizielle Homepage von Tobias Hoffmann

Offizielle Homepage vom Sprechstation-Verlag

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