Der Mann ist wahrlich ein Multitalent – Schauspieler, Regisseur, Autor, Unternehmer und seit Neuestem auch Verlagsgründer. globe-M traf den vielseitigen Künstler und Geschäftsführer Tilo Esche in München, um in einem lockeren Gespräch vergangene und zukünftige Pläne und Projekte zu durchforsten.
globe-M: Sie sind Autor, Regisseur, Unternehmer und seit Neuestem auch Verlagsgründer – wo steckt ihr Herzblut drin?
Tilo Esche: Da würde ich die drei Bereiche Regie, Theater und Verlag nennen, wobei das jüngste Projekt, der Zuckerhut Theaterverlag, besonders viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt.
globe-M: Wie kam es zu dieser Idee eines eigenen Verlages?
Tilo Esche: In meiner langjährigen Tätigkeit als Regisseur habe ich mich immer wieder mit dem Gedanken beschäftigt, einen eigenen Verlag zu gründen... zum einen durch meine persönlichen Erfahrungen mit Stückentwicklung, die oft spannende Spielvorlagen darstellen, aber nur allzu oft nach erfolgreicher Spielsaison in der Schublade verschwinden, und zum anderen, weil ich immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Theatertexten war und bin, auch und gerade abseits vom Mainstream. Die Begegnung mit der Übersetzerin Angela Meermann, die nicht zuletzt wegen ihres engen, auch persönlichen Bezugs zu Brasilien, brasilianisches Theater als eines ihrer übersetzerischen Schwerpunkte hat und hervorragende Kontakte zur Theaterszene im regen und aufregenden Kulturzentrum São Paulo unterhält, führte dann zur Umsetzung einer langgehegten Idee – der Gründung eines Theaterverlags.
globe-M: Wie kam der Kontakt mit Angela Meermann zustande?
Tilo Esche: Vor zwei Jahren inszenierte ich mit Nina Föhr den Monolog für eine Schauspielerin, `Geliebtes Biest`, von Leilah Assumpção, in der Übersetzung von Angela Meermann. Das Stück war gut, funktionierte aber für mich nicht optimal. Ich wollte es vom Aufbau her umstellen, was der Verlag ablehnte. Angela nahm direkten Kontakt mit der Autorin auf und besprach die vorgeschlagene Änderung mit ihr, von der wir sie schließlich überzeugen konnten. Ein Jahr später fand auf Initiative von Angela Meermann hin ein vierzehntägiges Gastspiel im theater...und so fort von Heiko Dietz statt, das von Brasilien gesponsert wurde. Während der Produktionsvorbereitungen und der Spielzeit in München entstanden die ersten Ideen zur Gründung des Verlags ... und es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
globe-M: Was ist für die Verlagszukunft geplant?
Tilo Esche: Wir wollen vor allem das Personal für das Lektorat ausbauen und haben in Ulrike Kretschmer aus Rostock, die über einschlägige Erfahrungen verfügt, eine Hauptstütze für Angela Meermann gefunden. Zur Zeit beschäftigen wir uns vor allem mit dem Marketing; also Kontakte zu den verschiedenen deutschsprachigen Bühnen aufnehmen, Pressekontakte herstellen, Herstellung eines Katalogs, Planung von Veranstaltungen, beispielsweise einer Lesung aus unseren Stücken, wie wir es schon mit gutem Erfolg bei der Verlagseröffnung dargeboten haben. Was das Programm betrifft, fänden wir es interessant, weitere türkische Stücke aufzunehmen; bis jetzt haben wir ein schräges und radikales türkisches Stück, „Die Müllhalde“, von Turgay Nar, im Programm, das uns überzeugt hat. Die türkische Theaterszene ist offenbar sehr lebendig, und wir haben unseren Übersetzer aus dem Türkischen, Ferdi Degirmencioglu, der sich darin ausgezeichnet auskennt, sozusagen auf Suche geschickt. Nicht zuletzt haben wir für die Zukunft den Ausbau der Sparte Kinder- und Jugendstücke mit interessanten Angeboten geplant.
globe-M: Kommen wir zum Bereich Regie und Theater, hier liegt Ihnen vor allem das Kinder- und Jugendtheater am Herzen.
Tilo Esche: Es ist unheimlich spannend und vielfältig, aber auch mühsam. Es braucht die besten Regisseure und Schauspieler und sollte nicht, wie heute oftmals üblich als eine Art Abstellgleis gesehen werden.
globe-M: Was genau macht es mühsam?
Tilo Esche: Es ist ein Kampf gegen die Zeit – gegen Fernsehen, Geschwindigkeit oder veränderte Sehgewohnheiten. Kinder sollen nicht noch mehr Berieselung erfahren, sondern Stoffe entdecken, die mit ihrem Lebensumfeld zu tun haben, so dass soziale Kompetenz entwickelt wird – dann ist Kindertheater gelungen.
globe-M: Auch im Fremdsprachentheater ist ein Schwerpunkt ihrer Arbeit zu erkennen.
Tilo Esche: Ausgangspunkt waren Theaterworkshops in der Slowakei, Ungarn und Rumänien. Hier sind die Kontakte zu Rumänien besondern intensiv. 2000 kam dann eine sechswöchige Tour mit Schauspielern als Entdeckungsreise durch Osteuropa zustande. Die Stücke funktionieren aber auch hier auf Englisch - gerne würde ich das Theater wirklich in Fremdsprachen ausbauen.
globe-M: Was verbindet Sie mit München und was sind dort die nächsten anstehenden Projekte?
Tilo Esche: Mit München verbindet mich natürlich der Zuckerhut Theaterverlag, der hier seinen Hauptsitz hat. Dann ist da der Autor und Theatermacher Heiko Dietz vom `theater.... und so fort`, mit dem mich eine ähnliche Sicht auf Theater und Stückentwicklung und einen ähnlich gepolten Humor teile. Im Herbst 2012 werden wir das preisgekrönte brasilianische Stück „Neue Verordnungen für die Zeiten nach dem Krieg“ von Bosco Brasil auf die Bühne bringen, das 1945 vor Kriegsende spielt. Der Protagonist, Clausewitz, ein Jude, der aus Polen vor den Nazis geflüchtet ist, bittet auf der Zollbehörde in Rio de Janeiro um einen Passierschein. Dabei stellt der Zollbeamte, ein ehemaliger Verhörspezialist unter der Vargas-Diktatur, eine Bedingung: Wenn er es schafft den Beamten innerhalb von 15 Minuten zu Tränen zu rühren, erhält er den Passierschein. Unsere Idee ist am gleichen Abend zwei Fassungen zu präsentieren, eine auf Deutsch, die andere auf Rumänisch, die zwei verschiedene Sichtweisen dieses sehr aktuellen und aufregenden Stoffes zeigen.
globe-M: Das klingt ja spannend, da werden wir gerne zu gegebener Zeit berichten. Herr Esche, globe-M dankt für das kurzweilige Gespräch und wünscht Ihnen alles Gute für die Zukunft!
Weitere Informationen
Tilo Esche war nach seiner Ausbildung zum Schauspieler an verschiedenen Bühnen tätig. 1996 gründete er in Leipzig ein Kinder- und Jugendtheater, später wurde er als Intendant an das Theater der Jungen Welt Leipzig berufen. Zusammen mit der Übersetzerin Angela Meermann hat er gerade in München einen Theaterverlag ins Leben gerufen.