von Justinus Pieper
Da ist er wieder. Und da ist „die Band, in der Sven Regener mitspielen darf“. Und da ist die Bühne. Und da ist das Publikum.
Zwischen „Anna Blume“ und dem „Sowohl-als-auch“, Frühstückscafés mit Anspruch und Gärtnereibetrieb, beinah schon süddeutsch in der Qualität, und drum rum all die Schwaben, die partout nicht raus wollen, sondern „nei“. „Nei“ nach Berlin, wo noch mehr Schwaben sind, und in den Prenzlauerberg, wo fast nur noch Schwaben sind, und etwas erhöht, auf der Bühne, stehen die letzten Nichtschwaben, zumindest in der Sredtzkystraße, und werden angestaunt.
Sven Regener ist zurück. Für 35 Minuten und 10 Songs. Und es ist ein gutes Gefühl, sagt er, und fast hat er sich schon warm gespielt, nach 14 Jahren Pause. Aber gleich in die vollen mit zwei Stunden oder mehr, das geht noch nicht, das will er nicht. Wie gesagt, noch nicht. Das ist schade, aber trotzdem, 35 Minuten wieder jung, das ist doch auch was, denkt der Graue Wolf im Publikum, weil:
Fête de la Musique, Bierflasche, Zitronenschnitz, Sommersonne, viel nackte Haut. Viele junge, viele sehr junge Menschen, so scheint es ihm. Im Mauerpark vor allem, wo der Graue Wolf seine Familie verloren hat an einem Getränkestand, wo auch wieder nur sehr junge Menschen gewesen sind, mit Bierflasche, und wo er sich, obwohl ebenfalls mit Bierflasche, es ist nicht zu leugnen, etwas deplatziert gefühlt hat. Vielleicht sollte man sich doch ein bißchen die Haare färben, denkt er. Und dann ruft seine Frau an, er versteht sie kaum, und sie sind alle noch im Mauerpark, sie und die Kinder, und er schon beinah nicht mehr…
Deplatziert. Das hat er gedacht, das denkt er noch auf der Danziger und an der Kulturbrauerei, aber wie er um kurz nach 6 in die Kollwitzstraße einbiegt, denkt er es nicht mehr. Denn weiter hinten wird Sven Regener auftreten mit seiner Band Element of Crime, und deshalb ist die Straße voll, und die Menschen, graue Wölfe nun wie er, haben wieder ein Ziel, „wahr und gut und schön“ Ecke Sredzkystraße, wo auch er endlich angekommen ist.
Jetzt ist er glücklich. Alle sind wieder da. Die andern Wölfe und Sven Regener und Element of Crime und die Erinnerung, als alle drei schon einmal beisammen waren.
Ein Revival, das an Göttinger Zeiten erinnert (auch Herr Trittin hat es in den Prenzlberg geschafft, wie zum Beweis steht er höchstselbst auf seinem Logen-Balkon und schaut sogar auf Sven Regener und auch den Grauen Wolf herab). Selige Zeiten, als man Student war und Illusionen hatte und den Weltschmerz sich noch leisten konnte. Und Element of Crime nehmen einen mit in diese seligen Zeiten. Es sind neue Songs, die den alten ähneln, und das ist gut so, bei Element of Crime, und bei den grauen Wölfen. Und man träumt und wenn es aus ist, viel zu früh, dann ist der Abend oder wenigstens die nächsten zwei Stunden gerettet. Dann ist man wieder, wer man war, oder zumindest ist es einem für ein ganz kleines Bißchen wieder eingefallen.
Es gibt eine Zugabe, nur eine, vielleicht liegt`s am Publikum, das heim muß, Kinder wickeln. Aber vielleicht hat Regener es auch so in Trance gebrummt, in Verzückung gescannt, ins Nirvana gebeamt, daß es einfach nicht mitgekriegt hat, daß es noch eine zweite Zugabe fordern (und kriegen) kann, wenn es nur will. Vielleicht liegt es aber auch am Alter, oder an der Ehefrau.
Der graue Wolf hat seine Familie wiedergefunden, und jetzt alle nix wie heim in die sanierte Altbauwohnung, zu den anderen Grauhaarigen, und zu den Schwaben, und gleich „Damals hinterm Mond“ rausgekramt, und aufgelegt, wider die Hausordnung, Tausend Watt dagegen: Wir sind jung, noch immer jung!