Das Objektiv ist nicht objektiv

Fotografie ruft. Das Plakat. / Foto: Jan Fischer

Die Ausstellung „Photography Calling“ im Sprengel-Museum Hannover versammelt große Namen der Fotografie. Und räumt mit dem immer noch weit verbreiteten Irrglauben auf, ein Foto sei die objektivste Form der Abbildung.

Man neigt ja immer zu der Vorstellung, nicht der Künstler mache das Foto, sondern die Maschine. Der Künstler ist nur das ausführende Organ, derjenige, dessen Kunst darin besteht, dass er die Maschine meistert. Aber genauso gut könnte man sagen: Es ist nicht der Mensch, der tötet, es ist die Waffe, die er in den Händen hält: Die tatsächliche Beziehung zwischen Realität, Maschine und Mensch ist um einiges komplizierter, und variiert – das zeigt schon ein oberflächlicher Blick auf die Ausstellung – je nach Künstler.

Bildbearbeitungsprogrammbastelei

Das ist beispielsweise Thomas Ruffs Fotoserie „m.a.r.s.“: NASA-Bilder der Marsoberfläche, die Ruffs so lange am Computer bearbeitet hat, bis die Konturen in der unnatürlich glatten Planetenoberfläche dreidimensional hervorzutreten scheinen. Da sind Wolfgang Tillman'sche Farborgien. Da ist die großformatige Schnittblumenrealitätsflucht von Hans-Peter Feldmann: Die meisten der Fotografien, die in „Photography Calling“ gezeigt werden, haben weder den Anspruch etwas zu dokumentieren, noch tun sie es. Und die, die aussehen, als würden sie dokumentieren, sind auch wieder nur inszeniert, bearbeitet, gestellt. Und das teilweise mit gigantischem Aufwand: Andres Gurskys nicht nur großes, sondern riesenformatiges Bild „Cocoon II“ ist eine Bildbearbeitungsprogrammbastelei, für die der Künstler jede einzelne Person einer Menschenmenge auf eine Disko-Tanzfläche gesetzt hat.

Essay über die Möglichkeiten der Fotografie

Photography Calling“ ist eine Austellung, ein Essay, fast schon, über die Möglichkeiten der Fotografie als Kunstform. Und da ist die Dokumentation tatsächlich nur die eine, die erste Möglichkeit: Von da aus arbeiten die ausgestellten Künstler und Künstlerinnen weiter, stellen dem Besucher ihre Fallen, zeigen, was sie oder die Maschine gesehen haben, oder was sie daraus gemacht haben. Dabei hat die Fotografie gegenüber der Malerei einen entscheidenden Vorteil: Sie ist sofort in den Köpfen der Besucher. Weil nicht jeder malen, aber fotografieren kann. Am Ende der Austellung, am Ende des Rundgangs, gibt es eigentlich nur eines, das gesagt werden muss: Die Möglichkeiten der Fotografie sind unendlich. Das ist es, was „Photography Calling“ zeigt. Das, und eine Menge ziemlich guter Fotos natürlich. 

Weitere Informationen:

Offizielle Website des Sprengel-Museums
Der Blog zur Austellung

 
 

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