Der Berichterstatter musste sich entscheiden: Von den möglichen musikalischen Highlights des Samstagabend in Berlin wählte er nicht den bestimmt fulminanten Dvorák-Abend im Großen Saal der Philharmonie, sondern die vermeintliche Außenseiter-Veranstaltung im Kammermusiksaal.
Der Grund: Das im kleineren Saal der Philharmonie auftretende Quartetto di Roma gehört seit bald 15 Jahren zu den renommiertesten Streichquartetten Italiens.
Marco Fiorini und Biancamaria Rapaccini, beide Violine, Davide Toso (Viola) und Alessandra Montani (Cello) haben alle schon für wichtige Klangkörper gespielt: Für das Orchester des La Fenice in Venedig, das der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom und das Orchester der Mailänder Pomeriggi Musicali. Und seit Jahren stehen Teilnahmen an großen europäischen Festivals, beispielsweise in Barcelona, Bratislava, Florenz, Kerkrade oder London auf dem Programm. Das Quartett wurde oftmals ausgezeichnet, so mit dem Verdienstdiplom der Sieneser Accademia Chigiana.
Marco Fiorini, der Chef des Quartetts, ist ein Ausnahmetalent. 1990 wurde er mit dem Preis des besten Schülers der Meisterklassen von Portogruaro (immerhin unter Zinaida Gilels und Pavel Vernikov, seinerseits Schüler von David Oistrakh) ausgezeichnet.
Überraschendes Programm
Das Ensemble begann mit dem Kaiserquartett von Joesph Haydn. Es enthält Variationen der kurz zuvor von ihm komponierten
Kaiserhymne: „Gott erhalte Franz, den Kaiser“, just den, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kaiserkrone des Deutschen Reichs für die Kaiserkrone Österreichs eintauschte. Die Melodie wurde später dem „Deutschlandlied“ unterlegt, das zur deutschen Nationalhymne avancierte. Den Text dichtete Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 auf dem damals englischen Helgoland. Hoffmann von Fallersleben musste übrigens auch wegen dieser Strophen in der Emigration bleiben. Nicht zuletzt darum und wegen seiner „unpolitischen Lieder“ bekam er sogar die preußische Staatsbürgerschaft entzogen. Die Einheit der Nation stand damals bei den Regenten der vielen deutschen Klein- und Mittelstaaten nicht besonders hoch im Kurs, da sie einen Großteil ihrer Macht verloren hätten.
Reaktionen
Man ist doch etwas überrascht, dieses Werk serviert zu bekommen. In Italien hätte das Publikum wahrscheinlich mitgesungen. Das ist in Deutschland, selbst nach der Fußball-WM 2006, so nicht möglich. Doch seine Aufnahme ins Repertoire des Abends ist vielleicht als ein Akt der Höflichkeit, als "Gastgeschenk" und nett gemeinte Hommage zu verstehen, zumal gleich zu Beginn geboten.
Das Publikum reagierte zunächst verhalten. Dies änderte sich auch nicht wesentlich bei den „Crysanthemen“ Giacomo Puccinis (1858-1924), und auch nicht bei Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ (Nr. 14 d-Moll D 810). Das Sujet dieses Werks ist seit Anfang des 16. Jahrhunderts bekannt und wurde immer wieder aufgenommenen. Schubert komponierte sein Quartett zu einem Gedicht von Matthias Claudius.
Beschlossen wurde der Abend mit dem „Streichquartett e-moll“ in vier Sätzen von Giuseppe Verdi (1814-1901).
Verdienter Applaus
Nun, nach sicherem Abstand zum Kaiserquartett, erhielt das Quartetto di Roma derart begeisterten Applaus, dass es um eine erste und sogar eine zweite Zugabe nicht herumkommt. Das hatte seinen Grund: Das Quartetto di Roma pflegt einen Stil in bester Tradition der großen italienischen Streichquartette: besonders dynamisch phrasiert, in konsequent klaren, mitunter fast harten Klangfarben. Diese lassen gewisse tragische Momente in den Stücken nicht von überlanger Dauer sein. So dass sich nicht zuletzt dank dieser Chromatik sogar im zweiten Satz von Verdis Streichquartett eine den Zuhörer angenehm erfrischende Nachwirkung einstellt und ihn, nach zwei zurecht eingeforderten Zugaben, in den weiteren Abend entlässt.
Quartetto di Roma: www.quartettodiroma.it
Berliner Philharmonie : www.berliner-philharmoniker.de
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Tel.: 030 254 880