Patagonien wurde von den ersten Entdeckern oft beschrieben als ein „karges Land ohne Bäume, nur mit Brackwasserlöchern und kärglicher Buschvegetation“. Aber versteckt im Herzen dieser zunächst etwas unzugänglichen Region verbirgt sich wohl eine der schönsten und aufregendsten Gegenden der Welt.
Die Autorin Maria Bamberg kam in den 20er-Jahren als Achtjährige mit ihren Eltern in dieses unwirtliche Patagonien und verbrachte ihre komplette Jugend in der Kargheit und berauschenden Monotonie der Landschaft. "Ella und der Gringo mit den großen Füßen", ursprünglich bereits 1998 veröffentlicht und 2008 in einer Neuauflage erschienen, beschreibt die Situation der deutschen Auswanderer. Bambergs Sohn Pedro, selbst in Argentinien geboren, fügte später noch Ergänzungen hinzu.
Damals wie heute – das Leben als Herausforderung
Wer in Patagonien unterwegs ist, weiß, wie schlecht selbst heute noch dieser lang hingestreckte letzte Zipfel Südamerikas erschlossen ist. Wie viel beschwerlicher muss eine Reise zu damaligen Zeiten gewesen sein. Endlose Schotterwege in unbequemen Autos, monatelange Abgeschiedenheit, eisige Winter und glühendheiße Sommer, weit ab von jeglicher Zivilisation. Maria wächst unter einfachsten Umständen auf. Schulen sind Tagesreisen entfernt, als Spielkameraden gibt es nur die Geschwister. Daher schicken die Eltern sie für ihr Abitur zu Verwandten nach Deutschland zurück. Doch sie reist danach sofort wieder ab, um nicht von den Nazis vereinnahmt zu werden.
Lebendige Familienchronik
Der Leser des Buches erhält eine spannende Erzählung aus verschiedenen Perspektiven, so dass er sich das Leben dort bildlich vorstellen kann. Maria Bamberg schreibt beispielsweise aus der Sicht ihrer Mutter Ella Brunswig, die ihrem Mann nach Südamerika folgte. Hermann Brunswig hatte zuvor aus wirtschaftlichen Gründen Deutschland verlassen und als Verwalter auf einer Schaffarm angeheuert. Da er Schuhgröße 46 trug, bekam er den Spitznamen "Der Gringo mit den großen Füßen".
Später heiratete Maria den deutschen Auswanderer und Arzt Adolf Bamberg. Da dessen Großeltern Juden waren, hatte er Berlin 1938 verlassen müssen. Ihr gemeinsamer Sohn Pedro verbrachte seine Jugend in Mendoza und in Buenos Aires auf einem deutschen Internat.
Zeit- und Milieugeschichte deutscher Auswanderer
Auch über den unmittelbaren familiären Zusammenhang hinaus, zeichnet das Buch ein exemplarisches Auswander-Bild. Besonders bei den nach Argentinien immigrierten Deutschen bestand die Einstellung, nur vorübergehend im Land zu bleiben. Sie gewöhnten sich an das Leben in dem neuen Land, aber kümmerten sich kaum um dessen Einwohner und deren Lebensverhältnisse. Eine Identifizierung mit dem Gastland begann erst mit der zweiten Generation.
Maria Bambergs Buch ist nicht zuletzt so interessant, weil es eine ganz heterogene Mischung von Auswanderern zeigt: solche, die aus wirtschaftlichen Gründen gekommen waren, dann die jüdischen Emigranten der 30er-Jahre und später zahlreiche NS-Anhänger, die nach 1945 in Argentinien mehr oder weniger unbehelligt leben konnten. Eine Vielzahl wie nebenbei erzählter Details beleuchten die allgemeine Situation, wie Schwierigkeiten mit der spanischen Sprache, aus Deutschland herein getragene Konflikte oder die Spannung, die sich aus dem Rückbesinnen auf die Herkunft und dem gleichzeitigen Wunsch, in der neuen Gesellschaft anzukommen ergibt.
Maria Bamberg: Ella und der Gringo mit den großen Füßen. Eine deutsche Familiengeschichte in Patagonien
Edition Tranvia / Berlin 2008