Heute vor 350 Jahren starb Diego Velázquez: Der Spanier gilt als der beste Porträtmaler des Barock und als atemberaubender Farbkünstler. Zu seinem Todestag widmet globe-M einen seiner weniger bekannten, aber wohl gruseligsten Gemälde einen Essay.
Rätselhafte Handarbeitsstunde
Las Hilanderas, die Spinnerinnen, gelten als Velázquez’ rätselhaftestes Bild: Er malte es nur zwei Jahre vor seinem Tod. Zusammen mit den weltberühmten Meninas sind die Spinnerinnen das letzte große Gemälde, das der Künstler vollendete. Nicht nur die Herkunft der Hilanderas liegt im Dunkel der Geschichte, auch ein Auftraggeber wurde nie bezeugt. Im 18. Jahrhundert versuchte ein Feuer, das Bild zu vernichten – doch es überlebte schwer beschädigt.
Neben unheimlichen Hofzwergen und düsteren Päpsten sind die Spinnerinnen das wohl gruseligste Bild, das Velázquez hinterlassen hat. Durch die Zeiten reicht sein Einfluss bis zu Francisco de Goyas schwarzer Monstermalerei aus dem frühen 19. Jahrhundert. Bis heute entziehen sich die Hilanderas einer glaubhaften Deutung, obwohl Generationen von Kunsthistorikern auf ihre dunkle Leinwand starrten.

Was aber gibt es genau zu sehen? Im Vordergrund sind einige Frauen mit Spinnarbeiten beschäftigt: Sie tuscheln untereinander, sind ganz auf sich und ihr Handwerk konzentriert. Für den Bildbetrachter bringen sie kein Interesse auf: Ohnehin wenden fast alle Figuren des Gemäldes der Leinwand auffällig den Rücken zu – als wollten sie nicht gestört werden. Was gibt es da zu verbergen?
Die Spinnerin, die links vorne am Rad sitzt, ist älter als die anderen, als Einzige ist sie schlicht gekleidet, während die Mädchen um sie herum farbige, ärmellose Gewänder auftragen. Aber warum lässt die Alten ihr Bein so auffällig unter dem Rock hervorlugen – und vor allem: warum ist ihr Bein so marmorn und glatt? Der Katze, die neben ihrem Schenkel schnurrt, scheint sich daran jedenfalls nicht zu stören.
Traumtheater im Alkoven
Weiter hinten im Raum wird offenbar Theater gespielt. Wie edel und geziert dort auf einmal alles wirkt: Unnatürlich grelles Licht erhellt die kleine Bühne, auf der fünf Gestalten in merkwürdigen, kaum zusammenpassenden Kostümen vor einem Wandbehang eine Art Kammerspiel zur Aufführung bringen.
Eine Theateraufführung – mitten in der Webstube? Die zudem von keiner der Spinnerinnen beachtet wird?
Während vier der Bühnengestalten in das Spiel vertieft sind, blickt das junge Mädchen, das ganz rechts in dem Alkoven steht, dem Betrachter direkt an, quer durch die ganze Tiefe des Bildraums hindurch. Sie ist ist die Einzige, die die fremde Gegenwart bemerkt hat. Will sie uns warnen?
Ist der ganze Theaterspuk nur ein Traum? Hängt er selbst als Gemälde an einer imaginären Wand, als Augentäuschung, als Bild im Bild?
Und alle Fragen offen
Kann es also sein, dass auf Velázquez’ mysteriösem Gemälde nur eine „Teppichfabrik mit mehreren spinnenden und webenden Frauen“ zu sehen ist, wie man noch im 18. Jahrhundert glaubte?
In den Jahrhunderten darauf überschlugen sich die Deutungen: Einmal wurden die Figuren auf der traumhaften Theaterbühne als Darstellungen der Bildhauerei, Malerei, Architektur und Musik gesehen und das ganze Bild als Allegorie der Künste. Was aber haben dann die Spinnerinnen zu bedeuten, die dem Gemälde seinen Namen gaben?
Handelt es sich bei der fleißigen Dame mit dem hellen Haarband vielleicht um die römische Patrizierin Lucretia, die mit ihren Mägden bei der Handarbeit gezeigt wird? Die gleiche Lucretia, die später vergewaltigt wird und sich daraufhin ein Messer ins Herz stößt?
Oder ist die junge Schönheit, die dem Betrachter den Rücken zuwendet, Penelope, die Gattin des Odysseus, Tag für Tag damit beschäftigt, ein Brautkleid für ihre Freier zu weben? Um es nachts heimlich wieder aufzutrennen?
Oder sind in den Spinnerinnen die grausamen Parzen abgebildet, äonenalte Schicksalsgöttinnen, die hier in jugendlicher Gestalt ihr dämonisches Spiel treiben? Links Klotho, die den Lebensfaden spinnt, rechts Lachesis, die ihn verwebt, während Atropos im roten Rock sich gerade nach einer Schere bückt, den kostbaren Schicksalsfaden einfach, schnipp-schnapp, abzukappen?
Noch mysteriöser wird das Ganze, wenn man weiß, dass der Bildteppich, der den Theaterspielern als Bühnenbild dient, eine gewebte Kopie von Tizians Raub der Europa ist.
Die Rache einer Göttin
Vieles spricht allerdings dafür, dass es sich bei der junge Dame, die rechts im Bild zu sehen ist, um die schöne Arachne handelt, von der Ovid im sechsten Buch seiner Metamorphosen berichtet: Die Göttin Athene fordert die talentierte, aber auch anmaßende Arachne zu einem Wettstreit im Weben heraus. Athene erscheint als alte Jungfer verkleidet, nur ihr Bein, das wie zufällig unter dem Umhang hevorschaut, verrät die ewige Jugend der Olympierin.
Der Raub der Europa, der im Hintergrund hängt, könnte das Meisterstück sein, das Arachne abliefert. Aber umsonst. Die Göttin siegt.
Und ihre Strafe ist grausam.
Das Haar fließt vom Kopf
Arachne „floß herunter das Haar, und die Nase zugleich und die Ohren“, so heißt es bei Ovid (in der Voßschen Übersetzung), „winzig verschrumpft ihr Haupt, am kleinlichen Körper das Kleinste;
Schmächtige Fingerchen haften wie Bein' an jeglicher Seit' ihr.
Übrigens waltet der Bauch. Aus ihm auch sendet Arachne
Faden, und fleißiger noch als Spinn’ ihr altes Gewebe.“
Arachne muss als menschliche Spinne weiterleben. Doré hat ihr schreckliches Schicksal 1861 in einen Kupferstich geschnitten, von dem die Vignette zu Beginn unseres Artikels einen Eindruck vermittelt.
Ist damit also alles gesagt? Velázquez’ Spinnerinnen jedenfalls, so beredt sie untereinander auch sein mögen, werden sich noch weitere 350 Jahren in Schweigen hüllen.
Das Bild
Diego Velázquez: Die Spinnerinnen (1644-48). Öl auf Leinwand, 220 cm × 289 cm, Museo del Prado
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