Christian Stückl ist ein Neuerer und ein Macher. Er führt als Leiter der Oberammergauer Passionsspiele eine jahrhundertealte Tradition fort und ist gleichzeitig als Intendant des Münchner Volkstheaters für junges und provokant auftretendes Theater bekannt.
Vor Kurzem wurde ihm für seine Arbeit der Bayerische Verdienstorden und der Kulturpreis des Bezirks Oberbayern verliehen. Wir wollten von Christian Stückl wissen, wie der Drang zur Erneuerung die Tradition erhalten kann.
globe-M: Sie vollziehen einen Spagat zwischen alt und neu, zwischen Tradition und Provokation. Wie geht das zusammen?
Christian Stückl: Für mich ist es kein Spagat. Seit ich denken kann, weiß ich, dass ich mit meiner Arbeit eingebettet bin in eine gewisse Tradition. Aus der komme ich, aus der bin ich 'raus, und schon als Bub und als ich Regisseur werden wollte, habe ich entdeckt, dass ich etwas neu machen, anders machen, verändern wollte. Deswegen ist das kein Spagat, sondern das eine verbindet sich mit dem anderen.
globe-M: Wenn man Ihre Arbeit mit einem Gebäude vergleicht: Wären Sie ein Denkmalpfleger oder einer, der die Substanz des Hauses für seine Vorstellungen vom Wohnen verändert?
Christian Stückl: Ich selber habe ein Haus bezogen, das ist von 1742, und ich war in dem Fall bis zum Lichtschalter fürs Bewahren. Ich hab das Haus richtig alt wieder hergerichtet. Und trotzdem habe ich mir eine Heizung eingebaut, trotzdem habe ich die Technik, die es gebraucht hat, eingebaut. Ich bin auf der einen Seite total fürs Bewahren. Andererseits geht es mir wahnsinnig auf den Nerv, dass wenn man was Neues baut, sie keinen neuen Stil entwickeln. Es kann das Neue neben dem Alten stehen, und beides ist schützenswert. Wichtig ist, dass auch was Neues entsteht, da ist ganz viel möglich. Man muss manchmal die Moderne auch in einem harten Schnitt daneben stellen.
globe-M: Welches Publikum soll bei Ihren Inszenierungen angesprochen werden? Sie haben gesagt, Ihnen sind vor allen Dingen die jungen Leute wichtig.
Christian Stückl: Ich bin 49 und mache schon seit ich 15 bin Theater. Man ist mit dem Theatermachen auch selber älter geworden, und ich kann das relativ gut aushalten, junge Regisseure, junge Schauspieler neben mir zu haben. Trotzdem habe ich mein Alter, und ich glaube, am Theater braucht man auch ein altes Publikum, und trotzdem ist es wichtig, dass wir die Jungen auch immer mitnehmen. In Oberammergau war das wahnsinnig wichtig. Wie ich so 18 oder 19 war, hat sich bei uns im Dorf eine konservative Gruppe durchgesetzt, und da wäre das Passionsspiel, wenn die noch ein Jahrzehnt länger geblieben wären, drunten gewesen, weil die Jugend die Lust verloren hat. Den Älteren, so wie ich selber jetzt einer bin, muss es immer wieder gelingen, die Jungen mitzunehmen und auch zu kapieren, dass manche Jungen halt etwas ganz anders machen, mit dem Du vielleicht im ersten Augenblick nichts anfangen kannst. Man hört ja oft, dass die Jungen keine neuen Ideen haben, und das finde ich alles einen Schmarrn. Ich krieg soviel junge Leute mit, da denke ich, da sind gute Ideen, und die muss man nur kommen lassen.
globe-M: Hat ihre Haltung zum Passionsspiel den Ort Oberammergau gespalten oder hat der Erfolg letztlich alle auf Ihre Seite gebracht?
Christian Stückl: Es ist bis heute so, dass nicht alle auf meiner Seite sind. Das ist auch nicht mein Ziel. Wie ich 1970 ein Kind war, da wurde wahnsinnig diskutiert über den Antijudaismus im Passionsspiel. Da war's sogar so, dass uns der Münchner Erzbischof, man höre und staune, der Kardinal Döpfner den kirchlichen Segen entzogen hat und gesagt hat, wenn ihr nicht endlich etwas ändert, kann die Kirche nicht mehr dahinter stehen. Die Konservativen haben eine totale Wut gehabt auf den Bischof, die Reformer haben sich gedacht, Gott sei Dank ist jemand von der kirchlichen Seite hinter uns. Ich habe das als Bub immer mitbekommen, und ich hab damals gar nicht verstanden, warum die so Schwierigkeiten gehabt haben. 1990 war mein erstes Anliegen, den Antijudaismus 'rauszubringen. Du wirst mit solchen Sachen nie alle auf deine Seite bringen. Ich habe viele Sachen gemacht in diesen zwanzig Jahren wo es immer noch Gegner gibt. Aber man muss nicht alle auf seiner Seite haben.
globe-M: Was machen Sie am liebsten?
Christian Stückl: Wenn ich als Intendant am Münchner Volkstheater arbeite und Personalentscheidungen und solche Sachen machen muss, das geht mir wahnsinnig auf den Nerv. Da bin ich nicht spontan, da bin ich ein Verzögerer, dass der Rauch aufgeht. Wenn ich auf der Bühne stehe, geht's mir gut, da kann ich arbeiten, und da sehe ich auch nichts mehr links und rechts von mir, da wird das so gemacht, wie ich meine, dass es richtig ist.
globe-M: Was machen Sie, wenn Sie nichts machen?
Christian Stückl: Ich kann furchtbar faul sein, ich schlafe wahnsinnig gern. Ich freue mich schon auf drei Wochen in Indien, mach' vielleicht einen kleinen Workshop drunten, aber ansonsten mache ich Urlaub.
globe-M: Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Roland Opschondek
Foto: oro
Zur Person
Christian Stückl (geboren 1961 in Oberammergau) hat sich mit den Oberammergauer Passionsspielen, den Salzburger Festspielen und seiner Gestaltung der Eröffnungsfeier für die Fußball-WM 2006 auch über Oberbayern hinaus einen Namen gemacht. Stückl wurde zunächst Holzbildhauer, bis er seine Theaterlaufbahn 1981 mit dem Aufbau einer eigenen Theatergruppe in seinem Heimatort begann. 1987 war er erstmalig Spielleiter der alle zehn Jahre stattfindenden Oberammergauer Passionsspiele, die er im Jahr 2000 grundlegend reformierte und im vergangenen Jahr erneut mit großem Erfolg aufführte. Derzeit läuft auf der Passionsbühne Stückls Inszenierung von Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder". 1987 und 1988 war Stückl Assistent bei Dieter Dorn und Volker Schlöndorff an den Münchner Kammerspielen, wo er bis 1996 als Regisseur arbeitete. Für seine erste eigene Arbeit an dem renommierten Haus – die Uraufführung von Werner Schwabs "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos" – kürte ihn die Zeitschrift "Theater heute" 1991 zum Nachwuchsregisseur des Jahres. Für die Salzburger Festspiele 2002 inszenierte Stückl Hugo von Hofmannsthals "Jedermann", der bis heute in dieser modernisierten Fassung gezeigt wird. Seit 2002 ist Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters, wo er bisher für Inszenierungen wie Büchners Woyzeck, Shakespeares Sommernachtstraum und Hamlet und zuletzt für die Dreigroschenoper verantwortlich war. Im Sommer 2004 realisierte er in Köln mit Beethovens Fidelio seine erste Opernregie. 2008 folgte Hans Pfitzners Palestrina an der Münchener Staatsoper. Ebenfalls in dieser Woche wurde Christian Stückl mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt.
(Text: Bezirk Oberbayern zur Preisverleihung im Rahmen der 18. Oberbayerischen Kulturtage und Jugendkulturtage)