Gustave Courbet, Edward Hopper, Andreas Gursky oder Gerhard Richter: Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München, die mit der umfangreichen Ausstellung ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert, zeigt mit „Realismus – Das Abenteuer der Wirklichkeit“ Werke aus dem 19. Jahrhundert bis in die Postmoderne.
Wie die Dinge wirklich sind
Die Ausstellung wirkt wie ein mustergültiges Beispiel für Bertolt Brechts Definition: „Realismus ist nicht, wie die wirklichen Dinge sind, sondern wie die Dinge wirklich sind.“ Brecht markiert damit eine Abgrenzung zum Naturalismus, der nur die äußere Erscheinung kopiert, während der Realismus seinen Gegenstand interpretiert.
Gustave Courbet und sein „Réalisme“
Mit Courbet und seinem Salon wurde die Frage nach der Realität und der Wahrnehmung der Wirklichkeit bereits 1850 zum wichtigsten Thema der Moderne. Er rebellierte gegen den Akademiebetrieb der Klassizisten und die Märchenmalerei der Romantiker, indem er Gefälliges und Effekthascherei aus seinen Bildern strich und malte, was er sah: Arbeiter auf dem Feld, nackte Frauen, das Meer. Allerdings kamen nachfolgend immer auch Zweifel an der Darstellbarkeit der Realität in der Kunst auf. Das verbindende Element der aktuell in der Ausstellung gezeigten Kunstwerke ist eine objektive und detailgenaue Darstellung der sichtbaren Wirklichkeit. So stimmen Perspektive, Schatten, Anatomie, Raum, Oberfläche und Atmosphäre in hohem Maße mit den Erfahrungen der Wirklichkeit überein.
Acht Kapitel mit jeweils 20 Künstlerpositionen
Die Übersichtsausstellung soll einen Dialog über Epochen und Medien hinweg eröffnen – deshalb ist sie nicht chronologisch konzipiert, sondern nach Gattungen gegliedert. Im „Stillleben“ wird die Welt der Dinge untersucht, wohingegen das „Interieur“ Aura und Magie des Raums beleuchtet. Die „Stadt“ zeigt Lebensraum und Bühne und die „Landschaftsdarstellungen“ Raum und Zeit. Daneben vergleicht das „moderne Historienbild“ Konstrukt mit Zeugnis und das „Genrebild“ Dokument mit Inszenierung. Weitere Kapitel sind das „Porträt“ mit Grenzen des Sichtbaren und der „Akt“ in Natürlichkeit oder Pose.
Realismus ist mehr als Naturalismus
Eine der frühesten Fotomontagen ist "La grande vague" von Gustave Le Gray. Bereits 1857 setzt er das Foto einer brechenden Welle aus zwei verschiedenen Momentaufnahmen zusammen. Heutige Nachahmer arbeiten mit modernen Bildbearbeitungsprogrammen und können aus einem größeren Materialpool schöpfen. Auch die Berliner Künstlerin Beate Gütschow komponiert ihre Bilder aus Versatzstücken von 30 bis 100 Motiven wie beispielsweise das Stadtbild "S #2". So interpretiert der Realismus auch seinen Gegenstand.
Weiter Bogen von 19. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart
Vom Realismus des 19. Jahrhunderts über die Neue Sachlichkeit, Pop-Art und den Fotorealismus der 1960er Jahre bis zur Kunst der Gegenwart bildet die Ausstellung einen weiten Bereich ab. Die 180 Kunstwerke entstammen dabei allen Medien: So werden Malerei, Fotografie, Skulptur, Videokunst und Grafik einander gegenübergestellt. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit der Kunsthalle Emden und der Kunsthalle München und geht anschließend in leicht veränderter Form zur Kunsthal Rotterdam.
Die Kunsthalle als Stiftungsprojekt
Die Kunsthalle in München ist die wichtigste und bekannteste Einrichtung der Hypo-Kulturstiftung. Seit der Eröffnung 1985 des zentral in der Innenstadt gelegenen Hauses wurden hier über 80 Ausstellungen gezeigt. 2001 bezog die Kunsthalle Räume im Areal der „Fünf Höfe“. Das Spektrum der Ausstellungen reicht von der Vor- und Frühgeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart - auch Grenzgebiete der Kunst sowie interdisziplinäre Themen werden realisiert. Die Kunsthalle zählt im Durchschnitt über 300.000 Besucher im Jahr und inzwischen haben fast sieben Millionen Kunstinteressierte die Kunsthalle besucht.