"Die Geschichte lehrt uns, wer wir sind"

Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, überlebte den Holocaust nur knapp. Ihr Vater versteckte sie 1942 bei Kreszentia Hummel, der ehemaligen Hausangestellten von Charlottes Onkel. Die gläubige Katholikin hatte den Mut, das Mädchen als ihre uneheliche Tochter auszugeben. Sie und ihr Schützling mussten dafür die Häme der Dorfgemeinschaft ertragen.

Nach dem Krieg entschloss sich Knobloch in Deutschland zu bleiben. Sie engagiert sich seit den achtziger Jahren in verschiedenen jüdischen Organisationen – mit Hartnäckigkeit, Glaubwürdigkeit, Charme und deutlichen Worten. „Wo andere Probleme sehen, sehe ich Chancen“, ist ihr Motto. Globe-M sprach mit der Grande Dame der israelitischen Kultusgemeinde über Erinnern und jüdische Kultur.

Globe-M: Der französische Historiker Jacques Le Goff hat die Juden das Gedächtnisvolk par excellence genannt. Elie Wiesel stellte fest „To be a Jew is to remember”. Ist Erinnern ein Charakteristikum der jüdischen Kultur? 

Charlotte Knobloch: Ich bin nicht sicher, ob Juden tendenziell geschichtsbewusster sind als andere Religionen. Fest steht, dass die Bewahrung und Pflege der Tradition und das Bewusstsein über die eigene Herkunft schon deswegen im Judentum sehr wichtig sind, weil sie gewährleisten, dass die Religion von Generation zu Generation weitergegeben und so das Überleben der Religionsgemeinschaft gesichert wird. Grundsätzlich gilt für jeden Menschen: Die Geschichte lehrt uns, wer wir sind. Gegenwart ist letztlich nichts anderes als vergegenwärtigte Vergangenheit. Die Erinnerung mahnt uns, uns intensiv mit dem Sinn des Lebens und des Leidens auseinanderzusetzen. Das ist natürlich ein fester Bestandteil der jüdischen theologischen Reflexion.

 

Globe-M: Wie hat sich die „Erinnerungskultur“ in Deutschland Ihrer Meinung nach verändert?

Charlotte Knobloch: Wenn Sie die Erinnerungskultur hinsichtlich der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust meinen, fürchte ich, dass sich zu wenig verändert hat. So wichtig und überfällig es Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre war, das Schweigen auf nichtjüdischer wie jüdischer Seite endlich zu brechen, so wichtig wäre es jetzt, die seither festgefahrenen Methoden und Kanäle der Erinnerungskultur zu modifizieren. Wir stehen jetzt an einer entscheidenden Schwelle. In absehbarer Zeit werden keine Zeitzeugen, keine Täter und keine Opfer mehr leben und wahrhaft Erlebtes berichten können. Jetzt liegt es an uns, ob wir den jungen Generationen in diesem Land den Wert und Profit vermitteln können, den sie selbst aus der Erinnerung ziehen können, oder ob wir Sie mit Geschichte langweilen, oder noch schlimmer, mit moralischen Keulen abschrecken. Viel zu lange standen Schuld und Scham im Mittelpunkt des Gedenkens, wo es doch längst um nichts anderes als Verantwortung geht.

 

Globe-M: Vor welchen Herausforderungen steht Erinnern heute, 70 Jahre nach der Shoah?

Charlotte Knobloch: Ermüdung, Desinteresse, innere Distanz. Die entscheidende Herausforderung liegt darin, vor allem den jungen Menschen das Erinnern schmackhaft zu machen. Das gelingt nur, wenn sie Gedenken nicht als Selbstzweck empfinden, sondern als produktiven Prozess, an dessen Ende sie einen echten Nutzen für ihr Leben ziehen können. Wir sind gefordert, die Frage „was geht mich das noch an?“, die Kinder und Jugendlich völlig zu Recht stellen, nicht rhetorisch zu verstehen, sondern ernsthaft zu beantworten. Nach unzähligen Begegnungen mit Schülern in der ganzen Republik bin ich der festen Überzeugung, dass die jungen Menschen in Deutschland ein genuines Interesse an der Geschichte haben. Und es liegt an uns, ob wir ihre Neugier befriedigen oder abtöten.

 

Globe-M: Wie lässt sich das Interesse an der Verfolgung und Vernichtung der Juden gerade bei Jugendlichen wach halten? 

Charlotte Knobloch: Immer wieder erlebe ich, wie verkrampft durchaus gut gemeinte Aktionen ablaufen. Verordnetes Gedenken aus Sorge, der Holocaust könnte in Vergessenheit geraten, funktioniert nicht. Jugendliche haben feine Sensoren für Peinlichkeiten, für falsche Töne und dafür, wie authentisch man ihnen begegnet. Sie können nicht auf Befehl Betroffenheit zeigen. Um in ihre Köpfe und Herzen durchzudringen, müssen wir ihnen einen eigenen Anteil an der Geschichte geben. Keinen Anteil an Schuld, keinen Anteil an Scham, sondern einen Anteil an dem besonderen Bewusstsein und der besonderen Verantwortung, als Resultate unserer besonderen Geschichte. Wir alle tragen Verantwortung für die Gesellschaft in der wir leben, für ein friedliches Miteinander aller Menschen und für die im Grundgesetz verankerten Werte.

 

Globe-M: Das Jüdische Museum in Berlin verzeichnet Besucherrekorde. Gibt es in der breiten Öffentlichkeit allgemein ein verstärktes Interesse an der jüdischen Kultur?

Charlotte Knobloch: Ja. In dem Maße, in dem sich die jüdischen Gemeinden in den letzten zwanzig Jahren gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung geöffnet haben, in dem Maße haben glücklicherweise die Hemmungen und Berührungsängste nachgelassen. Das Nebeneinander hat sich in ein Miteinander verwandelt. Selbstverständlichkeit und Normalität sind noch in weiter Ferne, aber gegenseitiger Respekt und darauf aufbauen, gegenseitiges Interesse und Neugier bringen uns immer mehr zusammen.

 

Globe-M: Wo steht die jüdische Kultur in Deutschland und wie sehen Juden im Ausland Deutschland heute?

Charlotte Knobloch: In den letzten zwanzig Jahren ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland durch den Zuzug vieler Tausend Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion rasant gewachsen. Insgesamt ist Deutschland heute für Juden aus aller Welt eine sehr attraktive Destination – als Reise- aber auch als Auswanderungsziel. Deutschland ist die sich am schnellsten verändernde Diaspora in Europa. Die Bundesrepublik hat in den vergangenen 65 Jahren unglaublich viel erreicht. Sie ist heute ein internationaler Vorreiter, ein Paradebeispiel für freiheitliche Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Sozialstaat. Unsere Repräsentanten treten weltweit gegen Armut und Ungerechtigkeit ein und tragen eine Botschaft des Friedens in die Welt.

 

Globe-M: In der Migrationsdebatte wurden gerade in letzter Zeit die jüdisch-christlichen Wurzeln beschworen. Welchen Eindruck hinterlässt das bei Ihnen?

Charlotte Knobloch: Die Gemeinsamen Wurzeln sind ja eine unzweifelhafte Tatsache. Grundsätzlich plädiere ich ja immer dafür, die Gemeinsamkeiten zu betonen, die ja gegenüber den Unterschieden bei Weitem überwiegen. Problematisch wird es dann, wenn die Gemeinsamkeiten zweier Gruppen instrumentalisiert werden, um sich gegenüber einer dritten Gruppe abzugrenzen. Ob das bewusst oder unbewusst geschieht, spielt keine Rolle. In keinem Fall ist es zielführend. Entscheidend ist, dass wir in der dringend notwendigen und längst überfälligen Integrationsdebatte nur vorankommen, wenn wir weder ab- noch ausgrenzen und uns nicht über- sondern miteinander unterhalten.

     

Globe-M: Was war während Ihrer Amtszeit für Sie die schönste Erfahrung, beziehungsweise die Erfahrung, die Sie persönlich am meisten bewegt hat? Und welche die negativste?

Charlotte Knobloch: Das wichtigste war für mich der ständige Dialog mit den jungen Menschen. Ich habe überall in der Bundesrepublik Schulen besucht und viele, viele Gespräche geführt. Die Jugendlichen sind sehr interessiert und stellen zum Teil auch provokante Fragen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Dialog das einzige Werkzeug ist, mit dem wir nach wie vor bestehende Wissenslücken schließen und Ressentiments und Missverständnisse überwinden können. Traurig macht mich, dass es während meiner Amtszeit nicht gelungen ist, die NPD zu verbieten, eine offen antisemitische und rechtsextremistische Gruppierung, die als Partei organisiert Steuergelder in beachtlicher Höhe kassiert.

 

Globe-M: Sie gelten als sehr kulturinteressiert. Bleibt dafür jetzt mehr Zeit?

Charlotte Knobloch: Mein Terminkalender ist nach wie vor recht voll. Als Präsidentin der zweitgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland und Vizepräsidentin des World Jewish Congress bin ich immer noch sehr viel unterwegs. Aber es war und ist mir wichtig, am Puls der Zeit zu sein, auch was die kulturelle Entwicklung angeht. Daher interessiert mich, egal wo ich bin, am Rande meiner Termine immer auch das kulturelle Angebot vor Ort.

     

Globe-M: Frau Knobloch, vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Michael Haas

 

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