Die Kunstagenten

Expertenstimme bezieht sich auf: 

von Justinus Pieper

Um eins klar zu stellen: Der Berichterstatter geht gern zu Vernissagen. An diesem Wochenende aber hatte er dafür keine Zeit, sondern im Hotel de Rome zu tun. Sein freundlicher Begleiter, der Verfassungsschutz, bekannt aus früheren Berichten, geht ebenfalls gern zu Vernissagen.

Erst recht, wenn diese im Hause von anderen Agenten, und seien es bloß Agenten der Kunst, eröffnet werden. Diesmal war aber nur der Berichterstatter  vor Ort: Am Montag, den 14.9., erhielt er von Stefanie Feldbusch eine Privatführung. Sie ist einer der beiden Kunstagenten, die eine Galerie in der Linienstraße 155 besitzen. Nomen est omen: Die Kunstagenten agieren für die Kunst, und in der Linienstraße 155 tun sie das mit Leidenschaft.
Und diese Künstler stellen sie aktuell aus:

Daniele Buetti (Schweiz)
Rajkamal Kahlon (weiblich, oder war Ihnen das von vornherein klar?) (Indien, USA)
Jon Kessler (USA)
Leila Pazooki (Iran)

Beginnen wir mit Daniele Buetti (geb. 1955):
Bei ihm sind, so Kunstagentin Feldbusch, Models nur als Projektionsfläche gedacht. Nun, das ist nicht unbedingt neu. Neu aber ist, daß Buettis Projektionsflächen-Models den Mund aufmachen und – reden. 
Ob sie damit auch etwas sagen? Das bleibt rätselhaft. Sie reden auch nicht wirklich, sie erzeugen Sprechblasen wie in einem Comic. In diesen Blasen geben sie ebenso bedeutungsschwere wie rätselhafte Sätze von sich wie:  „It´s not all a matter of taste“ Ohne Punkt. In der Tat, das mit dem „taste“ (=Geschmack)  ist nur schwer widerlegbar. Oder: „How can the Finite comprehend Infinity“ (ohne Fragezeichen, somit grammatikalisch nicht korrekt; aber philosophisch, der Berichterstatter hat nachgefragt, von einiger Stringenz).
Auf einem weiteren Werk (in Künstlerkreisen spricht man gerne von „Arbeit“, aber bringen Sie das mal einem hart arbeitenden Schichtarbeiter bei, der damit morgens um zwei anfängt, und das nicht weil ihn nach dem dritten Whisky ausgerechnet da die Muse küßt, sondern weil er muß, jeden Morgen), auf einem weiteren Werk also fragt Kate Moss, ebenfalls ohne Fragezeichen, aber dafür mit lasziv-apathisch weggetretenem Blick, dem am Ende die Kraft für besagtes Fragezeichen fehlt, nachdem sie sich einen Satz von einer solchen Bedeutung hat in den Mund legen (projizieren?) lassen: „Don`t people have the right to kill themselves if they want to“ . Das paßt doch, findet der Berichterstatter, wenigstens auf ihre Liaison mit Pete Doherty (dem harmlosen Bösen Jungen mit dem schwarzen Hütchen).
Plötzlich geht das Licht aus.
Die Models verschwinden, statt dessen glühen 1000 Punkte auf. Auf ihren Haaren, auf ihren Gesichtern, im Hintergrund. Goldregen? Sterntaler? Oder nur Body-Art?

Leila Pazooki (geb. 1977):
Pazooki stammt aus der Islamischen Republik Iran, und das ist ihr (und wahrscheinlich mit Recht) Anlaß genug, sich mit Zensur zu befassen, ja diese zum eigentlichen Thema ihres Schaffens zu machen. Zur Abrundung hat sie sogar einen Zensor interviewt.
Daß der sich das hat gefallen lassen, macht deutlich, daß es keiner von der ganz schlimmen Sorte gewesen sein kann. Dies hört man dann auch, denn das Interview wird zur Kunst gleich mitgeliefert, ist ebenfalls Kunst. Immerhin stehe der auskunftswillige Zensor in Konflikt mit weiteren Zensoren und einem ganz perfiden Oberzensor. Er befindet sich also irgendwie zwischen seinem Chef, seinen Kollegen, der zu zensierenden (und das heißt im wesentlichen, an entscheidenden Stellen zu bedeckenden) Kunst, den Künstlern und den Kunststudenten.
Was ihn allerdings nicht hindert, weiter zu zensieren, manchmal sogar in Farbe, meistens aber in Schwarz. Was dabei herausgekommen ist, hat Pazooki heimlich abfotografiert.
Beeindruckend (und wenn es so nie gewesen ist, ist es eine tolle Idee) ein gänzlich geschwärztes Bild. Der Berichterstatter kramt in seinem Hirn nach derartig perversen, also sogar für einen gänzlich milden Unterzensor, der irgendwie dazwischen steht, perverses Machwerk, daß man es so derart hat schwärzen müssen. Dem Berichterstatter ist auch noch beim Berichterstatten keines eingefallen; und also war es vielleicht doch ein guter Gag der Künstlerin, um das ganze auf den Punkt zu bringen oder den Zensor abzuschießen.  
Der hat, ob Man Ray oder Manet, munter weiter zensiert, und zwar im Besonderen Nacktheit, die, verständlich wenigstens bei Manet, zumeist an Frauen auftritt. (Frage an den Oberzensor: Lieber Herr Oberzensor, ist Ihnen und Ihrer hochwohllöblichen Behörde etwa entgangen, daß Ihr offenbar allzu liberaler Mitarbeiter zwar die auch im Westen delikaten Körperteile, nicht aber die Köpfe (und mancherorts sogar die Hälse!!) mit Filzstift übermalt hat? Und wenn doch, dann oftmals mit obszönem Rot?! Daß dadurch sogar wiederum Kunst entsteht, eine unzensierte und also solche Ihnen bislang wohl ganz entgangene Kunst des Zensors? Stimmen Sie, lieber Herr Oberzensor zu, daß ich nachträglich an allen Köpfen die Anbringung eines Tschadors fordere, und sei es nur mit Buntstift, Verzeihung, dem schwärzesten Schwarzstift, den ich finde, an den Reproduktionen? Wie wäre es, wenn Sie sich für diesen Hinweis mit ein paar satanischen Versen bei mir bedanken würden? Oder mit einer Burka aus Ihrem Versandhauskatalog?
Wo es Zensur gibt, darf das Denunziantentum nicht fehlen. Herr Oberzensor, ich weise Sie darauf hin: Diese Kunst stammt von einer unwilligen Märtyrerin (Geburtsjahr zwei Jahre vor der Revolution, das sollte Ihnen als Hinweis genügen), die Grenzen ausloten will.
Dieses Kind ist in der Islamischen Republik noch nicht angekommen. Herr Oberzensor, bitte reagieren Sie!

Rajkamal Kahlon:
Auch hier flammt Gesellschaftskritik auf, wenngleich am Großen Satan, um in einer dem Oberzensor verständlichen Diktion zu bleiben, also an der Gegenseite.
Der Große Satan ist für einen regimetreuen Oberzensor nach wie vor die USA. Auf deren exterritorialem Appendix (=Anhängsel) namens Guantanamo kommen offenbar Gefangene an unterschiedlichen Ursachen auch zu Tode, bevor sie an befreundete Staaten verschenkt werden. So etwas nennt man dann seit Homer Danaergeschenke. Doch das ist eine andere Geschichte. Das mit dem Sterben wiederum hat sich der Berichterstatter schon gedacht, wenngleich er auch zu taktvoll war, sich das vom Verfassungsschutz bestätigen zu lassen, der ja immerhin Verbindungen hat.
Frau Kahlon führt darüber ein künstlerisches Protokoll. Sie nennt dies Did you kiss a dead body? Und sie setzt dies mit abgemalten Anatomiebüchern des 16. Jahrhunderts um, welche über die Sterbeprotokolle des 21. gelegt sind.
Akribisch werden organische Todesursachen der Häftlinge seziert. Die Künstlerin verstört mit aufgeschnittenen Bauchhöhlen, herausgeschnittenen Föten, einem abgeklemmten männlichen Glied. Ja, schön drastisch muß es sein, das hilft einem sehr auf seinem Weg. Hauptsache, provozieren. Der schöne Brauch der Kunstagenten allerdings, regelmäßig auch Branchenfremde zum Dinner zu laden und so die Szene gut und sinnvoll durchzumischen, empfiehlt sich unter diesen Bildern nicht.
Was will die Künstlerin? Das ist die Standardfrage des Berichterstatters. Oft wissen das die Künstler leider selbst nicht. Die Frage scheint ihnen nachgerade absurd und man meinte, sie vernähmen sie zum ersten Mal (siehe Günter Herburger).
Frau Kahlon aber will Folgendes (sagt Herr Merali):
Den „Blick zurück auf den Menschen hinter der Nummer lenken und die Klassifizierung menschlicher Schicksale nach Todesursachen“ (welche sind natürlich, unnatürlich oder unerklärlich) „evident“ (das heißt übersetzt offenkundig, überzeugend) „in Frage zu stellen“. Kleiner Trick: Überlesen Sie beim ersten Mal die Klammern.
Das mit dem „evident“ muß mir der Kurator in dem Zusammenhang noch mal erklären. Davon abgesehen, es klingt wie immer sehr bedoitungsschwanger, für`s erste aber sei der geneigte Leser evident beeindruckt.

Jon Kessler:
Zuguterletzt wirklich ein Künstler von Rang – was sich in der Vielzahl der Museen von Rang widerspiegelt (oder gar beweist?), die seine Werke ausstellen. Immerhin sind das MoMa, also das Museum of Modern Art in New York und die Saatchi-Collection in London darunter.
Saatchi ist ein berühmter Sammler. Kessler ist ein Multi-Media-Künstler.
Das heißt, er benutzt eine Anzahl von Medien, um seiner Schaffenskraft ein Medium zu geben. Diese seiner Schaffenskraft zum Ausdruck verhelfenden Medien werden nun, beispielsweise von Herrn Saatchi, gesammelt. Diese Medien, die Herr Kessler nutzt und Herr Saatchi sammelt, sind beispielsweise Fotos, Videos, und Collagen von Fotos und Videos. Es geht Jon Kessler um Gewalt, es geht ihm um Haß und Kriegslust, und es geht ihm um die Gleichgültigkeit darüber. Und wie ihn das alles ankotzt. Auch wenn er diese Gleichgültigkeit ein bißchen hochgestochen attackiert:
Mit seinen beiden Hanging Swans. Schwäne, Sie haben richtig gehört. Sterbende Schwäne, ein Symbol der Eitelkeit? Wer weiß. Die Hanging Swans jedenfalls sind in  unregelmäßigen Rundschnitten sezierte und in allerlei Richtungen abgebogene Gesichter einstmals (in nicht-verschnittenem Zustand) schöner Models, aufgehängt auf Augenhöhe. Hinter sie kann man sich stellen; und man wird dabei gefilmt, was man selber wieder sehen kann, auf einem Monitor gegenüber. Damit soll man „vehement visuell und akustisch mit seinen (Kesslers) Horrorszenarien konfrontiert“ werden. Damit soll man aufbegehren gegen „alltäglich weitergereichte Gewalteskalationen“ (alles Merali, und zwar genauer: Meralis Interpretation. Sie dürfen denken, was Sie wollen!). So ist das. Doch das, bitteschön, muß einem erst erklärt werden.
PS: Kessler tut`s in einem schönen (und langen) Interview, das sich hier im Anhang findet.
Tut er`s wirklich? Entscheiden Sie!

Und die Aussteller? Das sind Stefanie Feldbusch, Diplom-Betriebswirtin, und Andreas Wiesner, der langjährige Chef einer renommierten Düsseldorfer Werbeagentur. Schon lange auch privat ein Paar, wurden sie zu den Kunstagenten erst vor fünf Jahren. Sie wollten damals endlich einsetzen, was sie gut können. Organisieren und Künstler gut vertreten. Jetzt sind sie eine kleine, aber feine Agentur: Zehn Künstler haben sie im festen Programm. Wer das wird, ist und bleibt, darüber sprechen sie sich beide ab. In 48 von 50 Fällen sind sie sich einig, beide. Auch einen gewachsenen, treuen Kundenstamm haben sie aus der Reinhardstraße, ihrer Ausgangsbasis, mitnehmen können.
Das Sympathische an den Kunstagenten ist, daß sie auf dem Boden geblieben sind.
Daß sie nicht schwadronieren, und daß sie alles Schwadronieren und Bramarbassieren und alle Wichtigtuerei, mit der die allermeisten Kunstinterpreten den heiligen Gegenstand ihrer Interpretationen (und damit natürlich sich selbst) in den Himmel loben, eigentlich ablehnen – das nimmt den Berichterstatter für die Kunstagenten ein. Daß sie sich nur und hoffentlich auch fürderhin nur in Ausnahmefällen auf diese zumeist unverständlichen Panegyriken ( = Loblieder) in hymnischer Tonlage und verklausuliertem ( = verschlossenem, unverständlichem) Satzbau einlassen.
Daß sie gut geerdet sind und sich für ihre Künstler einsetzen, was alle spüren.
Daß ein Künstler, den sie für einzigartig, auch in seinen einzigartig „originellen“ Zitaten und Referenzen anderer Künstler erkennen und anerkennen, bei ihnen sehr gut, nein bestens, aufgehoben ist.
Daß sie für diese Künstler dann auch brennen.
Und daß sie den Mut haben, diesen Künstlern ein ungewöhnlich breites Forum zu geben.
All das lohnt für Künstler wie Kunstinteressierte den Gang in die Linienstraße 155 in Berlin-Mitte, um bei einem Glas Birnensaft Kunst nicht nur passiv und von hoher Warte auf sich wirken zu lassen, sondern aktiv anzudiskutieren und so sich kritisch und ohne übertriebene Ehrfurcht anzueignen. Interessierte Profis wie Amateure sind ihnen herzlich willkommen. Wenn das kein Erfolgsrezept ist ---
 

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