Christoph Biemann ist beruflich unterwegs, aber er trägt heute nicht seine Berufskleidung, den grünen Pulli, denn er ist nicht auf Sendung mit der Maus. Globe-M sprach mit ihm in München während des Prix Jeunesse International.
DIE MAUS BRAUCHT EBEN VERRÜCKTE
Fünf Fragen an Christoph Biemann
Globe-M: Brauchen Kinder Fernsehen?
Christoph Biemann: Nein, Kinder brauchen kein Fernsehen. Fernsehen ist für Kinder wie so ein Fenster zur Welt, und in diesem Sinn ist es nützlich für Kinder und macht ihnen Spaß. Wenn Sie in einen Raum kommen, in dem ein Fernseher läuft und Kinder sind drin, geht der Blick zum Fernseher. Das heißt, Kinder und Fernsehen ist was, was in unserer Gesellschaft zusammen gehört, aber es ist kein Muss. Kinder brauchen kein Fernsehen, das ist ganz klar.
Globe-M: Ab welchem Alter sollte man Kinder fernsehen lassen?
Christoph Biemann: Ich würde sagen, ab drei kann man anfangen, aber maximal eine halbe Stunde am Tag. Prinzipiell ist es besser, Kinder von allen Bildschirmen, egal ob es Fernseher sind oder Computer, eher fernzuhalten. Man kann bestimmte Sachen gucken, und man sollte Kinder auch nicht vom Fernsehen ganz ausschließen. Das Fernsehen gehört in unserer Welt dazu, und Kinder sollen die Welt ja auch kennen lernen, aber man sollte das schon begrenzen.
Globe-M: Wie oft sind sie schon hier gewesen beim Prix Jeunesse und was bedeutet er für sie?
Christoph Biemann: Das ist das dritte Mal, dass ich beim Prix Jeunesse bin, das erste Mal war 1972, vor zwei Jahren war ich nochmal da und jetzt. Es hat sich sehr viel geändert, es hat sich sehr viel getan, ist sehr viel lockerer geworden und sehr viel weniger formell. Es kommt auch – scheint mir, ich kann mich da irren – nicht so sehr auf den Wettbewerb an, sondern es geht eigentlich mehr darum, Anregungen zu bekommen, sich mit Leuten auszutauschen, die man sonst nicht trifft, Kollegen aus dem Ausland kennen zu lernen und auch deren Sichtweisen. Was ganz wichtig ist: nicht nur Filme anzusehen, sondern eben auch darüber zu diskutieren und auch zu verstehen, warum die Programme so aussehen, wie sie aussehen.
Globe-M: Stichwort MAUS: Haben sie damals, 1972, als sie als Regisseur bei der Sendung mit der Maus angefangen haben, damit gerechnet, dass die Maus so erfolgreich wird und dass es sie bis heute noch gibt?
Christoph Biemann: Nein, damit war nicht zu rechnen. Das war ein ganz normales Kinderprogramm. Es gab zu der Zeit viele andere. Vom Feuerroten Spielmobil bis zu Plumpaquatsch, so sieben oder acht Vorschulprogramme. Dass die Maus als einzige überleben würde, war nicht abzusehen. Rückblickend kann man‘s natürlich erklären, weil bei der Maus sehr viele Leute gearbeitet haben, und auch immer noch arbeiten, die da sehr viel Herzblut reinstecken – ja, Verrückte eigentlich, wenn man‘s ernst nimmt und genauer hinguckt. Aber die Maus braucht eben Verrückte, und die hat sie, und deswegen hat sie so lange überlebt.
Globe-M: Wie sehen sie die Vermarktung der Maus? Sie ist ja erst relativ spät als Plüschtier und auf Marketingartikeln vorgekommen. Ist es eine Maus mit Sendung?
Christoph Biemann: Es geht darum, wer als Figur im Kinderzimmer vertreten ist, und ich finde es richtig, dass die Maus da jetzt auch vertreten ist. Ich bin da ein bisschen gespalten. Ich finde die Sendung mit der Maus als nicht kommerzielle Sendung ist nicht unbedingt darauf aus, Geld zu verdienen, irgendetwas zu promoten oder als Sendung selber etwas zu propagieren oder als Verhaltensmuster vorzuschreiben, sondern es ist eine Sendung, die Dinge einfach nur darstellt und sagt: bildet euch eure eigene Meinung. Das gehört alles zusammen, und da passt eigentlich dieses Merchandising nicht rein. Aber ich halte es auch für eine richtige Entscheidung, es zu machen.
Wir hatten ja die Rechte an der Maus-Figur gar nicht, und es gab Merchandising, ohne dass wir es kontrollieren konnten. Erst mussten die Rechte gekauft werden, und dann musste das Geld, das man dafür ausgegeben hat –bei einem öffentlich rechtlichen Sender, der ja auch bestimmten Zwängen unterworfen ist – auch wieder reinkommen. Die Entscheidung war richtig, aber ich muss nicht glücklich damit sein.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person
Christoph Biemann ist Autor, Regisseur und Darsteller bei der Sendung mit der Maus. Zusammen mit Armin Maiwald spricht er die An- und Abmoderation der Maus-Ansagen. Er hat an der HFF in München und Cambridge/Massachusetts Film studiert und wurde 1972 einer der Maus-Mitarbeiter. Zunächst tätig als Regisseur dann seit 1983 auch in den Lach- und Sachgeschichten zu sehen (erstmals zum Thema Ketchup). Christoph Biemann produziert mit seiner Firma Delta TV seit 1989 für die Sendung mit der Maus und ist als Sprecher und Buchautor tätig.
Interview: Roland Opschondek, Foto: © oro