Der mairisch Verlag ehrt mit der LP "Bookends" einige der poetischsten deutschsprachigen SongtexterInnen und zeigt, wie viel Literatur und Popmusik manchmal gemeinsam haben.
"Der Text ist meine Party"
Kolossale Jugend, 1989
Möchte man etwas über das Selbstverständnis deutschsprachiger Songtexter sagen, begibt man sich auf ein weites Feld. Eigentlich müsste man schon damit anfangen, wann ein Song ein Song ist und kein Lied; allein darüber haben sich etliche Literatur-, Musik- und Sprachwissenschaftler den eigenen Kopf zerbrochen und hinterher die Köpfe gegenseitig rhetorisch eingeschlagen.
Kein Beat, kein Song?
Einige wenig gewissenhafte Germanisten dachten schon, es auf die Formel "Wenn kein Beat, dann kein Song" vereinfachen zu können. Nur einerseits bräuchte man dann die genaue Definition von Beat - und müsste sich fragen, ob manch eine gesprochene Lyrik nicht so einen starken Beat (im weitesten Sinne übersetzt: rhythmische Beschaffenheit) hat, dass sie als Song durchgehen könnte, ganz abgesehen von vertonter Lyrik. Und andererseits: Definiert man Songs nur über den Beat, wären einige der schwermütigen Jungs mit Gitarre keine Singersongwriter, sondern Liedermacher. Diesen Begriff eins-zu-eins zu übersetzen und damit gleichzustellen wird der stilistischen und inhaltlichen Tradition nicht gerecht und vereinfacht unzulässig.
Denn: Gerade die Musiker der Gegenwart haben wesentlich mehr mit den amerikanischen Singersongwritern gemein als mit den "alten politischen" Liedermachern.
Singersongwriter, keine Liedermacher
Die deutschsprachigen Songwriter befassen sich eher mit der Weltbeschreibung im Spiegel ihrer Selbst als mit dem Wachsingen der möglichen Revolution, wie es die Hannes-Wader-Generation gemacht hat. Und selbst da fällt die Verallgemeinerung schwer, denn selbst Hausbesetzer Rio Reiser hat nicht nur politisch getextet.
Was die Musiker von damals und von heute gemein haben, wenn man sie unter dem Begriff "Singersongwriter" fasst, ist schon im Wort enthalten: Sie schreiben ihre Texte selbst und komponieren und spielen ihre Musik eigenhändig. Sie sind Interpret, Sänger und Musiker gleichzeitig. Manchmal sind sie auch Produzent, ab und an sogar ihr eigener Vertrieb.
Eine Trennung des künstlerischen Prozesses ist in der Literatur gar nicht denkbar: Der Autor als Interpret, der einen Ghostwriter im Hintergrund hat? Was für eine Aufgabe hat dann der Autor noch?
Und auch der kollektive künstlerische Prozess, wie er bei Bands häufig der Fall ist, kommt in der Literatur kaum vor.
Historisch betrachtet ist das Lied eine der ältesten, wenn nicht gar die älteste Form der Lyrik. Durch das Weitertragen nach dem Stille-Post-Prinzip gab es zu einem Liedtext oftmals viele Varianten einer Melodie und auch Vertonungen von Gedichten waren üblich.
Seit Lieder aber Songs sind und der Interpret im Vordergrund steht, werden die Texte selten ohne die Musik rezipiert, Songs sind Gesamtkunstwerke und entfalten sich meist auch nur als diese.
Songtexte als Literatur?
Als Literaturverlag dennoch zum Jubiläum eine Schallplatte anstatt eines Buches herauszubringen, erscheint im ersten Moment widersinnig. Die 25. Veröffentlichung des ambitionierten jungen mairisch Verlags ist dennoch eine LP - mit dem überhaupt nicht ironisch gemeintem Namen "Bookends", übersetzt: Buchstützen.
Die fehlende Ironie ist angebracht, betrachtet man die Auswahl der zehn MusikerInnen und Bands, die auf dem Vinyl vertreten sind: Nicht nur, dass zum Beispiel Jan Böttcher, Wolfgang Müller und Tilman Rammstedt, Texter der Band "Fön", auch als Buchautoren Furore machen.
Auch sind einige der Texte der Songs so eigenständige Poesie, dass sie auch gedruckt "funktionieren". Betrachtet man allein den Songtext von "Schnee", dem Beitrag des Wahlhamburgers Hannes Wittmer alias "Spaceman Spiff" zu "Bookends", entwickelt man sofort das Bedürfnis, mitzuschreiben und diese Sätze vor sich hin zu sprechen wie ein Schulkind den "Zauberlehrling".
Hol die Leichen aus dem Keller/Mal sehen, ob sie noch schreien. ...
Du und ich und eine Schneeballschlacht/wir bewerfen uns mit Schnee von gestern.
Du wirfst wie ein Mädchen/aber triffst, wo es weh tut.
Um den Reiz, den Wittmers Text ausmacht, auf dem Punkt zu bringen, bedient man sich am besten in der Literaturwissenschaft, die für solche Texte den Begriff Poetizität benutzt. In Kombination mit Wittmers Stimme, in der eine gewaltige inhaltliche Empathie mitschwingt, und die gleichzeitig so betont singt, dass zwischen den Zeilen noch etliche andere Bedeutungen auftauchen, versteht man den Mehrwert, den ein Song gegenüber einem Gedicht haben kann.
Der Song, ein Drama
Das Songs auch kleine dramatische Monologe sein können, zeigen wiederum die Songs von "Rosalie und Jakob", Julian Gerhard, Jan Böttcher und "Fön", die auch als Kurzhörspiele durchgehen könnten. Songs sind eben auch oft Textinszenierungen, ohne das sie gleich Teil eines Musicals sein müssen.
Auch einer der großen Gewinner der Singersongwritersaison ist auf "Bookends" vertreten, allerdings singt Gisbert zu Knyphausen auf der LP eine Coverversion. Dennoch lohnt es sich, ist der Song doch, wie drei andere Songs auch, bisher unveröffentlicht.
Allein das wird "Bookends", das in limitierter Auflage erscheint, zum begehrten Sammlerstück unter den Popmusikjunkies machen. Und durch die auffallende Poetizität der ausgewählten Songs wird die Schallplatte auch seiner gewichtigen Aufgabe als Jubiläumsprojekt eines Verlags mehr als gerecht.
"Bookends" erscheint am 20.08.2010 im mairisch Verlag in limitierter Auflage mit exklusivem Material.
Zur LP gibt es einen Downloadcode für alle Songs.
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