Die Passion im Blut

Ein ganzes Dorf steht Kopf – das sonst so beschauliche Oberammergau folgt einer über 375-jährigen Tradition und stellt alle 10 Jahre die weltbekannten Passionsfestspiele dar. 2010 ist dabei rund die Hälfte der gut 5000 Einwohner aktiv auf oder hinter der Bühne daran beteiligt.

Es dominiert die Farbe blau

Beim Oberammergauer Passionsspiel stellen die Dorfbewohner in sechs Stunden die letzten fünf Tage im Leben Jesu nach. Blau ist die dominierende Farbe auf der Bühne – sogar die Palmwedel der Kinder beim Einzug in Jerusalem sind blau. Nur die bunten Kostüme des Hohen Rates heben sich deutlich vom Beige der Jünger Jesu und Christus ab. Recht farbenfroh kommen dagegen die Lebenden Bilder aus dem Alten Testament daher. Regisseur Christian Stückl will Christus nicht als passiven und leidenden Menschen darstellen, sondern als aktiv handelnde Person, die ihr Leben voll auf Gott ausrichtet.

Alte Spielregeln und Neuerungen

Seit dem 17. Jahrhundert wird das Spiel ausschließlich von den Bewohnern des Dorfes getragen. Alle Mitwirkenden sind in Oberammergau geboren oder leben seit mindestens 20 Jahren dort. Wer diese Voraussetzung erfüllt, hat ein Recht darauf, bei der Passion mitzuwirken – der Intendant kann keinen Kandidaten ablehnen. 2010 haben sich 1.834 Erwachsene und 638 Kinder gemeldet. Die Namen der 21 Hauptrollen, die doppelt besetzt sind, werden vom Spielleiter vorgeschlagen, vom Gemeinderat abgesegnet und dann im Dorf auf die Tafel geschrieben.
Als Neuerung wölbt sich bei den diesjährigen Passionsspielen erstmals ein transparentes Kunststoffdach über die Freilichtbühne. Auch der Bühnenbildner Stefan Hageneier gibt dem Passionsspiel ein ganz neues Erscheinungsbild. Zudem hat Christian Stückl zusammen mit Otto Huber den Text der Spiele grundlegend überarbeitet. Im Vorfeld gab es innerhalb der Bevölkerung Oberammergaus große Spannungen, da geplant war, das Spiel der besseren Wirkung wegen teilweise in der Nacht zu spielen. Ein Volksentscheid sprach sich schließlich 2007 für dieses Konzept aus.

Der Haar- und Barterlass

Seit Februar 2009 lassen sich alle mitwirkenden Oberammergauer ihre Haare, die Männer auch ihre Bärte, wachsen. 120 Chorsängerinnen und -sänger und das siebzigköpfige Passionsorchester proben mit Markus Zwink an der Musik des Oberammergauer Komponisten Rochus Dedler. Neben den großen Figuren Jesus, Petrus, Judas, Pontius Pilatus und Maria, gibt es 120 größere und kleinere Sprechrollen. Insgesamt wirken über 2000 Personen am Passionsspiel mit, davon über 450 Kinder. Bei Massenszenen stehen rund 900 Darsteller gleichzeitig auf der Bühne. Zudem werden Schafe, Ziegen und Tauben eingesetzt.

Junge Gesichter in den Hauptrollen

Frederik Mayet und Andreas Richter heißen die beiden Jesusdarsteller, sie sind um die 30 Jahre alt - und damit so alt wie Christus zur Zeit der Kreuzigung. Auch Petrus ist kein alter Mann mit weißem Rauschebart. Er war ein Schüler Jesu und etwa neun Jahre jünger als dieser. Daher sind Jonas Konsek und Maximilian Stöger gerade einmal um die 20 Jahre alt. Genauso jung sind auch die beiden Darstellerinnen der wichtigsten Frauenfigur: Barbara Dobner und Eva-Maria Reiser. Sie spielen die Maria Magdalena. In die Rolle der Maria schlüpfen dagegen Andrea Hecht und Ursula Burkhart, beide Mitte 40.

Chronik der Spiele

Das Passionsspiel, das man nur live sehen kann, wird bereits zum 41. Mal aufgeführt. Es geht auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633 zurück, als die Pest Einzug in Oberammergau hielt und die Dorfbewohner schworen, die Passionsspiele regelmäßig aufzuführen, um die Epidemie zu überstehen. Tatsächlich starb nach der Überlieferung von da an kein Einheimischer mehr an der tödlichen Seuche. 1750 schuf der Ettaler Benediktinermönch Ferdinand Rosner eine Neufassung im Sinne des geistlichen Barocktheaters, dessen Text 1860 von Josef Alois Daisenberger erneut überarbeitet wurde. Im Jahr 1900 wurde der gesamte Zuschauerraum überdacht, es entstand das für die Spiele 2000 sanierte Passionsspielhaus.
Premiere der Passionsspiele von 2010 ist am 15. Mai. Bis zum 3. Oktober wird es 102 Vorstellungen vor je 5000 Zuschauern geben.

www.passionsspiele2010.de

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