Romy, Contergan, Das Wunder von Lengede, – drei erfolgreiche Fernsehproduktionen ein Drehbuchautor: Benedikt Röskau. Globe-M sprach mit dem Autor über grundlegende Themen seiner Arbeit, sein Verhältnis zu Schauspielern und warum Dieter Bohlen Erfolg hat. Fazit: Das ist einfach etwas, das nicht so einfach ist.
DIE STORY IST WICHTIGER ALS DAS EGO
Acht Fragen an den Drehbuchautor Benedikt Röskau
Globe-M: Ist das Drehbuch-Schreiben die einzige schreibende Tätigkeit, mit der man etwas verdienen kann?
Benedikt Röskau: Man kann als Drehbuchautor gut davon leben, wenn man etabliert ist und wenn man es schafft, es in der Branche auszuhalten, da es ein recht hartes Umfeld ist. Man muss einiges einstecken können und damit leben können, dass das Werk von einem Regisseur mehr oder weniger erfolgreich bearbeitet wird. Wenn man das nicht aushält, dann ist man falsch in der Branche. Wenn man mit dem Schreiben wirklich viel Geld verdienen will, dann gibt es einen absoluten Tipp: man sucht sich ein schmuckes Pseudonym, schreibt historische, sehr unterhaltsame Romane, gerne auch 700 Seiten dick, die angereichert sind mit einem Haufen sehr expliziter Szenen und einigermaßen brauchbar recherchierten Verhältnissen von damals, dann eine Frau in den Mittelpunkt stellt, die eine Emanzipationsgeschichte durchleidet – dann kann man auf Auflagen von einer halben Million oder einer Million kommen. Dann kann man davon sehr sehr gut leben, und zwar wesentlich besser als als Drehbuchautor.
Globe-M: Ein Drehbuchautor muss echte Nehmerqualtiäten haben?
Benedikt Röskau: Es gibt eine Egoposition in diesem Business, die sehr empfindlich reagiert, wenn sie mal einstecken müsste, das sind die Regisseure. Leider ist es oft so, dass Regisseure viel zu sehr an ihre eigene Perspektive denken, anstatt sich von der Geschichte leiten zu lassen. Jeder gute Autor versucht ab einem bestimmten Zeitpunkt, die Geschichte aus ihrer eigenen Dynamik weiter zu entwickeln, also zu tun und zu schreiben, was die Story verlangt, was die Story braucht, was die Figuren brauchen, was die Charaktere brauchen und nicht so sehr, was man selber will. Die Story ist immer wichtiger als das eigene Ego. Das große Problem: als Regisseur müssen Sie ein großes Ego haben, sie müssen ein Alpha-Tier sein, sonst können sie keine Gruppe von zum Teil sehr kapriziösen Menschen anführen. Sie müssen diese Führungsqualität natürlich am Set beweisen, und das dann wiederum bei der Bearbeitung des Drehbuches hinten an zu stellen, fällt vielen extrem schwer. Es gibt leider eine Tendenz, dass die Leute – anstatt zu versuchen zu verstehen was das Drehbuch ihnen erzählen will – es so lange ändern, bis sie's verstehen. Das ist aber oft nicht das, was gut ist, und oft nicht das, was wirklich zu der Geschichte passt. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal den Beweis dieser These erlebe. Das war bei der Inszenierung von meinem Film über den Contergan-Skandal. Adolph Winkelmann hat das so brillant gemacht. Er hat wirklich inszeniert, er hat auch seine Perspektive, seine Version, seine Handschrift deutlich zum Ausdruck gebracht, aber trotzdem hat er in jeder Sekunde des Films im Sinne der Geschichte gearbeitet, des Drehbuches. Es ist die perfekteste Umsetzung eines Drehbuches die ich bisher erlebt habe, und es ist ein sehr guter und ein sehr erfolgreicher Film geworden.
Globe-M: Schreibt man für das Fernsehen anders als für das Kino?
Benedikt Röskau: Also Kino ist schon eine ganz andere Schreiberei. Das Kino ist für Drehbuchautoren in Deutschland praktisch kein Markt, also man kann davon nicht leben. Es ist auch eine sehr undankbare Arbeit, weil der Regisseur beim Kino in Deutschland sehr viel mehr im Vordergrund steht. Das deutsche Fernsehen legt einen viel größeren Fokus auf den Autor. Praktisch jeder Stoff fängt mit dem Autor an. Es vergehen oft, zwei oder drei Jahre, bis ein Regisseur überhaupt auch nur in die Nähe des Stoffs kommt. Es wird auch gemeinsam überlegt: wer könnte das inszenieren? Dann erst wird der Regisseur gecastet und darf das machen. Es ist nicht so, dass der Regisseur derjenige ist, der den Stoff sich anzieht, und dann holt er einen Autor dazu und sagt, schreib Du mir das mal auf. Das ist in Deutschland überhaupt nicht der Fall. Wenn ich in der Kritik lese der Regisseur erzählt, dann ist das falsch. Der Regisseur erzählt im deutschen Fernsehen gar nichts, sondern er inszeniert und das ist schwer genug. Es ist bewundernswert wenn das gut gelingt, aber erzählen tut in Deutschland der Autor.
Das große Problem ist, da man als Drehbuchautor vom Kinoschreiben nicht leben kann, gehen die guten Autoren alle zum Fernsehen. Da habe ich als Autor viel mehr erzählerische Möglichkeiten als beim Kino. Man kann Riesenstoffe bearbeiten. Ein Film wie der über den Contergan-Skandal, wie Romy oder Das Wunder von Lengede wäre im Kino in Deutschland undenkbar gewesen.
Globe-M: Haben sie Ambitionen, ausserhalb des deutschsprachigen Raums ein Drehbuch zu schreiben?
Benedikt Röskau: Über den deutschsprachigen Raum hinaus werde ich wohl nie wirklich arbeiten können und auch nicht wirklich wollen, weil ich die deutsche Sprache einfach zu sehr liebe, als den deutschen Sprachraum verlassen zu wollen. Das ist einfach etwas, das nicht so einfach ist. Man stellt sich das so einfach vor, nur weil man Englisch spricht, dass man auch auf Englisch schreiben kann. Da liegen Welten dazwischen. Die meisten Deutschen können auch Deutsch, aber deutsch schreiben ist etwas anderes als deutsch leben, deutsch arbeiten, deutsch telefonieren. Das ist eine enorme Herausforderung. Ich glaube es gibt neben der Schauspielerei kein schwierigeres Fach, als das des Drehbuchautors, in einer anderen Sprachwelt in einem anderen Land zu reüssieren. Deswegen werde ich Deutschland auch in diesem Bereich, nicht verlassen, wozu auch. Es ist ein so schöner Sprachraum, tolle Sprache, sehr, sehr schwierige Sprache – sie ist sehr explizit, Deutsch neigt sehr schnell zur Peinlichkeit. Es ist sehr viel schwerer in Deutsch gute Dialoge zu machen als in Englisch zum Beispiel. Aber es ist auch eine Herausforderung. Ich mach das sehr gerne.
Globe-M: Was ist für Sie als Drehbuchautor die liebste Voraussetzung, die Schauspieler mitbringen sollten? Stellen Sie sich beim Schreiben einen bestimmten Typ vor?
Benedikt Röskau: Die liebste Voraussetzung ist erstmal Respekt. Respekt vor der Arbeit, die bereits geleistet wurde. Respekt davor, dass eine Rolle erschaffen wurde, die ihnen die Möglichkeit gibt wirklich eine großartige schauspielerische Leistung darzubieten. Der Punkt ist: die Rollen kriegen die Schauspieler von den Autoren, von den Regisseuren kriegen sie 'nen Job. Das Problem ist, dass wir Autoren mit den Schauspielern praktisch nie wirklich zu tun haben. Also einmal werden wir bewusst abgeschottet durch die Regisseure. Zum anderen ist es natürlich für einen Autor schwierig zu erleben, wie eine Rolle umgesetzt wird – möglicherweise durch eine Besetzung mit der er nicht einverstanden ist. Da ist es als Autor besser und auch in Ordnung, dass man sich von diesem Prozess fern hält. Um mehr in den Dialog mit Schauspielern zu kommen – die ja immer wieder über Drehbücher schimpfen – macht TOP: Talente, unser Autoren-Fortbildungs-Verein im Juni eine Veranstaltung im Literaturhaus in München, zu genau diesem Thema*). Autoren und Schauspieler, wie geht das zusammen? Man redet immer viel übereinander, man schimpft übereinander, aber man redet nicht miteinander. Was kann man herausholen, wie kann man profitieren, wenn wir mehr in Kontakt kommen? Zu der anderen Frage: ich vermeide es grundsätzlich, mir einen konkreten Schauspieler für eine Rolle vorzustellen. Selbst für den Romy-Film, bei dem ich sehr sehr früh wusste, dass Jessica Schwarz das spielt, habe ich mir nie Jessica Schwarz vorgestellt. Auch nie Romy Schneider, sondern immer meine Vorstellung, meine Phantasie von der Romy-Figur, die ich in meinem Drehbuch erfunden habe, die natürlich eine Interpretation der echten Romy Schneider ist. Eine Interpretation und eben nicht ein Abbild, ganz definitiv nicht. Für mich ist eine Figur immer wie ein echter Mensch. Ich mache da keine Unterschiede zwischen Leuten, die ich auf der Straße sehe, und Figuren, die ich erfinde. Die haben genauso ihr Eigenleben, sind genauso gefährlich, genauso nett, genauso lustig, genauso depressiv, wie halt die Figur sein soll, die ich erfunden habe – und die stelle ich mir vor.
Globe-M: Wie ist das bei Ihrem Contergan-Film: Wo hört die Dokumentation auf, wo beginnt die Fiktion?
Benedikt Röskau: Das wichtige ist: ich schreibe Fiktion. Und auch wenn es über reale Ereignisse geht, reale Personen, also auch bei dem Contergan-Film, habe ich immer gesagt, das ist pure Fiktion, 100 Prozent Fiktion. Nicht eine Szene, die ich geschrieben habe, hat in der Wirklichkeit so stattgefunden. Die einzige Abbildung der Wirklichkeit ist die in Echtzeit ablaufende Wirklichkeit – alles andere ist sofort eine Bearbeitung.
Globe-M: Besteht nicht die Gefahr, dass dennoch alles geglaubt wird, was die Leute im Fernsehen sehen?
Benedikt Röskau: Ich halte vom Publikum sehr viel. Es gibt in Amerika einen Spruch, der sinngemäß etwa lautet: es hat noch nie jemand Geld verloren, der sein Publikum überschätzt hat. Das Publikum ist in der Masse – Stichwort Schwarm-Intelligenz – unglaublich fit in der Identifizierung von dem, was wahr und dem, was falsch ist. Es gab mal den Versuch mit einer Randfigur von Germanys Next Top Model, das war Bruce Darnell, in der ARD eine Sendung zu machen. Es ging darum, dass Menschen ihren Typ etwas aufhübschen und dadurch mehr Chancen beim anderen Geschlecht haben. Das ist grandios gescheitert – aus einem, wie ich finde, ganz einfachen Grund: weil es kein aufrichtiges Programm war. Ein Programm, das von vorne herein nur versucht jemanden auszutricksen, kann nicht funktionieren. Wenn man im Fernsehen Schrott produzieren will, dann muss man den Schrott auch wirklich wollen. Zum Beispiel alles, was Dieter Bohlen macht, funktioniert im Fernsehen auch deshalb, weil er genau das macht, was er will, weil er 1:1 so ist, wie er ist. Der lügt niemanden an. Gerade weil er ja Leute zum Teil ganz übel angeht und damit seinen wahren Charakter durchaus zur Schau stellt, schauen die Leute auch zu, weil sie wissen, er meint's ehrlich. Und den Menschen ist ehrlich angearscht zu werden lieber, als unehrlich höflich behandelt zu werden. Das ist eine ganz wichtige Sache. Deswegen ist in unserer Welt Authentizität sehr, sehr wichtig – wenn man diese Authentizität nicht dazu benutzt, um einem etwas vorzugaukeln.
Globe-M: Was ist das Besondere am Drehbuchschreiben?
Benedikt Röskau: Drehbuchschreiben ist eine sehr spezifische Form des Schreibens, sehr handwerklich. Allerdings eben auch verbunden mit einem hohen Maß an Phantasie, Kunst, Ideen usw. Also es ist eine ganz große Herausforderung. Man muss sowohl handwerklich sehr präzise arbeiten können und trotzdem innerhalb dieser Grenzen, die zum Teil sehr eng sind, eine enorme Phantasie entwickeln. Ich finde Schreiben innerhalb von Grenzen großartig, weil es einen herausfordert. Es ist egal, was man geschrieben hat, wichtig ist, dass man viel geschrieben hat, also dass man wirklich auch geschrieben hat und nicht nur ab und zu ein paar E-Mails. Da macht die Übung den Meister. Was natürlich ganz wichtig ist, wenn man Geschichten erzählen will, dass man auch Geschichten erlebt hat. Die beste Empfehlung für jeden angehenden Autor ist erstmal 10 oder 20 Jahre lang möglichst viel falsch zu machen in seinem Leben, dann hat man 'ne gute Basis für einige schöne Ideen. Ich rate jetzt niemandem, kriminell zu werden, um ein guter Drehbuchautor zu werden, aber so ein bisschen Lebenserfahrung ist sehr hilfreich.
Globe-M: Vielen Dank für das Gespräch.
*) der Branchentreff am 23. Juni 2010 zum Thema
Das Drehbuch, die Schauspieler und ihre Rollen – die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit
im Literaturhaus München ist bereits ausgebucht.
Zur Person
Benedikt Röskau ist einer der bekanntesten Drehbuchautoren in Deutschland.
Studium der Philosophie; Germanistik und Theaterwissenschaft in München.
Tätigkeit als Tontechniker bei Fernseh-; Spiel- und Dokumentarfilmen.
Buch und Regie bei vier Kurzfilmen (dreimal mit Prädikat).
Vorstandsmitglied des VDD 1997 – 2007.
Vorstandsmitglied bei TOP: Talente e.V., Akademie für Film- und Fernsehdramaturgie
www.toptalente.org
Drehbücher (Auswahl)
Romy, 2008 SWR/WDR/NDR, Drama, Mit Jessica Schwarz als Romy Schneider.
Contergan, 2005, WDR, Hist. Melodram. Zweiteiler
Mozart in München, 2005, BR, Historisches Melodram
Das Wunder von Lengede, 2002, SAT.1, Historisches Melodram. Zweiteiler
Interview: Roland Opschondek, Foto: © oro