Die unsichtbare Kunst des Abrockens

Jan Fischer. Foto: Markus Bachmann

Sie spielen den härtesten Rock der Welt: Sie greifen in die Saiten, hämmern Akkorde und ziehen Riffs, ihre Instrumente jaulen und kreischen. Sie haben alles, was ein Rockstar braucht - nur Gitarren haben sie nicht: Luftgitarristen verkörpern das Spektakel Rock in seiner Reinform. Und parodieren es zugleich. Jan Fischer ist einer von ihnen.

Der Kulturwissenschaftler lebt als Autor und Performance-Künstler in Hildesheim. 2010 platzierte sich Fischer bei den Deutschen Luftgitarrenmeisterschaften, die in der vergangenen Woche in Berlin über eine recht solide Bühne gingen, auf dem dritten Platz. In seiner Rolle als "Igor der Karpate" hatte er den Song "Korobeiniki" von Ozma interpretiert und dazu als - freilich ebenfalls luftig-unsichtbaren - Roadie einen russischen Bären auftreten lassen. Bereits 2009 hatte sich Fischer in seiner originellen Rolle als "Geeky Gisbert" in die Herzen der Luftmusikfans gespielt (und darüber in einer lesenswerten Reportage berichtet).

Globe-m: Muss man eigentlich Noten lesen können, um Luftgitarre zu spielen?

Fischer: Noten nicht - eher kulturelle Texte. Man muss sich fragen: Was bedeutet die elektrische Gitarre, ihr Umriss, ihr Körper, die Klänge, und wie ist das in unserer Kultur platziert? Daraus kann man sehr viel lernen, wenn man eine Luftgitarrenperformance erarbeitet. Schließlich geht es darum, die Gitarre sichtbar zu machen, sie erscheinen zu lassen. Da muss man schon wissen, wie so ein Gerät funktioniert, was für einen Habitus es hat und erzeugt. Gitarre spielen können hilft übrigens auch.

Globe-m: Stimmt es, dass man fürs Luftgitarrespielen an Ihrer Universität Noten und Scheine bekommt?

Fischer: Man bekommt Scheine für sehr vieles, vorausgesetzt, man schreibt hinterher eine vernünftige Reflektion darüber. Das ist immer das Schwierige: Den Blödsinn, den man macht, einigermaßen wissenschaftlich zu rechtfertigen. Deswegen gab es ja nicht nur ein Praxisseminar, sondern vom zuständigen Dozenten - Dr. Mathias Mertens - auch das passende Theorieseminar. Und da ging es dann eiskalt wissenschaftlich zu: Susan Sontag, Walter Benjamin, am Ende sogar Plato, deren Gedanken sind alle sehr nützlich, wenn man beschreiben will, was da auf der Bühne eigentlich passiert.

Globe-m: Aus dem Universitätsseminar ist sogar ein eigenes Musical entstanden, ihre Mit-Darstellerin Aline Westphal brachte es bei den Deutschen Meisterschaften ebenfalls aufs Siegertreppchen. Wie muss man sich die Produktion "Four versus Hellfire" vorstellen?

Fischer: Wir wollten mehr daraus machen, eine abendfüllende Veranstaltung. Also haben wir uns ein einstündiges Musical zurechtgebastelt, in dem es darum geht, wie vier unerschrockene junge Luftgitarristen in einem Kampf um Leben und Tod gegen den God of Hellfire antreten. Wir haben das bis jetzt viermal, glaube ich, aufgeführt, mit großem Erfolg.

Globe-m: Werden Sie nächstes Jahr wieder an den Meisterschaften teilnehmen?

Fischer: Ja. Als "Airness Hemingway", das wird eine literarische Performance.

Globe-m: Und was machen Sie, wenn Sie nicht in die Luftsaiten greifen?

Fischer: Ich schreibe journalistisch, literarisch, und ich schreibe Essays über Kinderbücher. Mit ein bisschen Erfolg sogar. Aktuell arbeite ich viel fürs Titel-Magazin, und im Frühjahr erscheint meine Jugendnovelle "Hofhunde" im Autumnus-Verlag. Im Moment arbeite ich an einem Roman.

Globe-m: Wird es in ihrem Roman auch um Luftgitarren gehen?

Fischer: Es geht ums Verschwinden.

Globe-m: Was interessiert Sie so an Kinderbüchern, dass Sie immer wieder darüber schreiben?

Fischer: Ich würde sagen: das ist Zufall. Ich bin da so reingerutscht. Man könnte aber auch sagen: Alles literarische interessiert mich erstmal, egal, für welches Alter der Autor meint, geschrieben zu haben.

Globe-m: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Als freischaffender Autor? In einer Onlineredaktion? An der Universität?

Fischer: Gute Frage. Ich bin da offen.


Aktuelle Essaybände von Jan Fischer:
- Von zwei Welten: Lose Notizen zum Verhältnis von Kinder- und Erwachsenenbüchern. Autumnus, Berlin 2008, ISBN 978-3-938531-06-8 Pick It! Pick It!
- Als ich noch jung war, gab es nur 150 Pokémon. Autumnus, Berlin 2009
- Comic plus X. Anmerkungen zu den Umrissen der Graphic Novel. Autumnus, Berlin 2010

Expertenstimmen Archiv