Enttäuschte Hoffnungen

Dieser Artikel wird, wir versprechen es, kurz. Das liegt vor allem am Thema. Hans Ulrich Treichel hat ein handwerklich gutes Buch geschrieben. Es heißt: Grunewaldsee.

Um dessen von Hunden, Nackten und notgeilen Spannern bevölkertes Ufer wandert ein Student der Geisteswissenschaften, dessen Herz einer intransigenten, glutäugigen Spanierin gehört. Die ist verheiratet, trägt, wie könnte es anders sein, den Namen Maria, hat mit dem Geisteswissenschaftler auch als Hochschwangere eine Liaison (gehabt) und hält ihn dann mit einem mysteriösen Abschiedssatz an der langen Leine. So weit so gut, wenn man nicht katholisch ist. Aber.

Zwar werden in Rückblicken mit handwerklicher Perfektion alle Themen durchgespielt, die einen bummelnden Looser aus Kreuzberg in den 80er Jahren halt so umgetrieben haben. Die avisierte und mittlerweile arrivierte Leserschaft hat sich darin bestimmt schnell wiedergefunden. Doch werden diese Themen, obschon präzise dargestellt, ohne innere Beteiligung und ohne Herz abgewickelt, man möchte fast sagen – immerhin haben wir es mit einem sprachbegabten Studenten der Geisteswissenschaften zu tun – durchdekliniert.
Treichel gönnt seinem Helden zwar anstandshalber eine verhältnismäßig hohe Menge Sex. Da hat der Autor doch so etwas wie ein gutes Herz bewiesen. Damit hat es sich aber auch.

Ein vorab hochgelobtes Buch, das wir nur deshalb bringen, um vor der Füllung Ihres Sommerlochs zu warnen. Denn es ist: belanglos. Und hinterlässt einen faden, leeren Nachgeschmack, der nur vom Ärger über die darüber verlorene Zeit aufgefrischt wird. Ein Demoband für Treichels Studenten am Leipziger Institut, ein Kunstbuch. Präzise. Artifiziell. Technisch zwar hervorragend, d.h. nahezu spurlos verleimt und verlötet. Aber viel zu distanziert und ohne innere Beteiligung, irgendwie nach Auftragswerk schmeckend. Als ob Treichel es irgendwem hätte beweisen wollen. Oder vielmehr: sollen.

Fazit: Hans Ulrich Treichel, von dem wir nach „Der Verlorene“ und „Menschenflug“ zu Recht mehr erwartet hätten, hat ein handwerklich gutes Buch geschrieben. Aber kein gutes.
Wir raten ab.

 

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