Obwohl Fjodor Moon über ein beachtliches Renommee als Fotograf verfügt, gehört er zu den großen Unbekannten der Moskauer Szene. globe-M ist gelungen, ein rares Interview mit dem Außenseiter zu führen.
globe-M: Herr Moon, um Ihre Person und Ihre Kunst ranken sich zahlreiche Legenden.
Fjodor Moon: Aber das alles interessiert mich herzlich wenig.
globe-M: Unter „das alles“ verstehen Sie wohl auch den Kulturbetrieb, die Ausstellungen, Kunstmessen?
Fjodor Moon: Ja, auch. Überhaupt, was soll man da viel sagen? Ich meine, über meine Fotos. Die Leute reden und reden alle. Wozu? Ist doch alles zu sehen.
globe-M: Na ja, Menschen tauschen sich über die Gefühle und Gedanken aus, die Ihre Bilder hervorrufen. Interessiert es Sie nicht?
Fjodor Moon: Doch, schon. Aber man nimmt Bilder ja nur zum Anlass, um sich – wie Sie es so schön sagten – auszutauschen. Ich sehe da wenig, worüber man sich austauschen könnte… Meine Bilder sind doch genau dazu da, um einen Moment lang nicht zu reden.
globe-M: Vielleicht hören Sie es ungern, aber alle, die Ihre Arbeiten gesehen haben, entdecken dort Schönheit und Philosophie.
Fjodor Moon: Die haben doch keine Ahnung, was Philosophie ist. Die Menschen denken, wenn sie ein paar abstrakte Begriffe gebrauchen, hätten sie schon einen Gedanken formuliert. „Schön, gefällt mir“, das ist wohl zu wenig. Man versucht gleich festzumachen, warum es einem gefällt. Als wäre die Schönheit eine objektive Realität.
globe-M: Ist sie das nicht?
Fjodor Moon: Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der Versuch, die Schönheit kausal zu begründen, zu ihrer Zerstörung führt. Zu ihrer Abnutzung. Die Schönheit nutzt sich nämlich mit der Zeit ab.
globe-M: Gibt es keine ewige Schönheit? Für Michelangelo gilt das doch nach wie vor.
Fjodor Moon: Nein, das sind doch nur Konventionen. An Michelangelo lernt man, was die Schönheit ist. Er ist ein Muster, von dem man ausgeht und an dem man sich orientiert. Schönheit kann man nebenbei erreichen, wenn man auf der Suche nach was anderem ist.
globe-M: Was suchen Sie dann?
Fjodor Moon: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Ich versuche einfach nur das Äußerste aus meiner Kamera rauszukriegen. Mit meinem Objektiv kann ich manchmal unendlich weit in die Tiefe gehen. Die Dreidimensionalität ist, in unserer Wahrnehmung natürlich, nichts anderes als Kombination von Licht und weniger Licht. Es ist eine unendliche Abstufung von Schatten, die sehr schwer zu fotografieren ist.
globe-M: Und das geht mit ihrer Kamera?
Fjodor Moon: Ich kann mit meiner Kamera viel mehr Schattenübergänge festhalten, als man es sonst schafft. Allerdings gibt es dann auch Bilder, auf denen besonders viele Schattenstufen zu sehen sind. Und solche Bilder gibt es auch nicht viele.
globe-M: Sie haben Philosophie studiert und sogar unterrichtet.
Fjodor Moon: Das war zum Glück nur eine kurze Episode. Ich habe aufgehört zu unterrichten, und das war damals schon ein Eklat. Aus dem Marxismus stieg man nicht aus, das war Fahnenflucht.
globe-M: Also möchten Sie eine Verbindung zwischen Ihren Arbeiten und der Philosophie nicht erkennen?
Fjodor Moon: ich will ganz sicher keine Philosophie in meinen Bildern haben. Absolut. Mit Mitte Zwanzig habe ich angefangen zu fotografieren. Und das war das genaue Gegenteil zum Philosophieren, denn in der Natur spielt das Detail genauso eine große Rolle wie das Ganze. Es gibt keine Ontologie in der Natur, keine Klassen, Kategorien, Arten oder Mengen. Nur Einzelfälle und Details. Aber in unendlicher Zahl. Und das ist faszinierend.
globe-M: Fahnenflucht ins Detail... Hätten Sie was dagegen, wenn ich so unser Gespräch betitele?
Fjodor Moon: Machen Sie ruhig.
Das Interview führte Victoria Belikova.