Fehlendes Augenmaß

Christian Bertram, Regisseur und Leiter der Veranstaltungsreihe Medium Taut zum Versagen der Politik im Umgang mit prominenten Kulturhäusern wie der Max-Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg. Ein Gespräch mit globe-M.

 

Globe-M: Die EU hat den Wiederaufbau der architektur- und kulturhistorisch wertvollen Max-Taut-Aula mit fast zehn Millionen Euro gefördert. Ausdrückliche Vorgabe dieses "Leuchtturmprojekts" war der "Aufbau eines kulturellen Zentrums mit überregionaler Ausstrahlung". Der Berliner Senat hatte dazu 2003 ein Betreiberkonzept ausgeschrieben. Was ist daraus geworden?

Christian Bertram: Etwas Beschämendes und Trauriges: Am 15. Januar dieses Jahres haben Rechtsradikale in diesen prächtigen, hellen Räumen drei Jahre nach Wiedereröffnung das Deutschlandlied mit allen drei Strophen in großdeutscher Manier abgesungen. Und das unmittelbar vor dem Gedenktag für die Verfolgten des Naziregimes. Noch vor einem Jahr hatten wir eine Paul Celan-Hommage aufgeführt. Das ist nicht nur unerträglich, es ist unfassbar, dass es zu so etwas kommen kann.

Man muss bedenken, der Architekt Max Taut wurde von den Nazis mit Berufsverbot belegt und sein faszinierendes Gebäude wenige Jahre nach Fertigstellung im Krieg zerstört. Er hatte es als 'öffentliche Aula' konzipiert und freistehend vor dem dahinter liegenden Schulkomplex, der Stadt zugewandt, errichtet, damit sich Kunst, Kultur und Bildung begegnen können. Ein wegweisender Gedanke, weshalb wir heute die Aula als ein Kunstwerk und Denkmal der Moderne betrachten, vom Stil etwa dem Mendelsohn-Bau der Schaubühne vergleichbar. 

Nach einem europaweiten Wettbewerb wurde sie als eigenständiges Projekt über einen Zeitraum von fünf Jahren durch den Architekten Max Dudler wieder aufgebaut. In den Leitlinien des EU-Programms URBAN II zum Wiederaufbau erwartete man zu Recht − ich zitiere − eine 'kulturelle Aufwertung des Stadtbildes', eine 'Imagesteigerung' für den Bezirk durch eine 'Veranstaltungsstätte von regionaler und überregionaler Bedeutung für Kunst- und Kulturinteressierte der ganzen Stadt'. Doch schon vor der Wiedereröffnung 2007 stellten sich Interessenskonflikte ein. Da keine Finanzmittel bereitgestellt wurden, fand sich auch kein externer Betreiber. Es fehlte jedes Konzept, niemand kümmerte sich um ein Profil für das Haus. So wurde das Aula-Gebäude der Max-Taut-Schule zugeordnet, einer Berufsschule, die dem Senat für Bildung, Wissenschaft und Forschung direkt unterstellt ist. Der Grundgedanke eines kulturellen Zentrums verschwand hingegen in den Tiefen der Schubladen. 

Um dennoch auf die einzigartige Chance aufmerksam zu machen, Kunst, Stadt und Leben modellhaft an diesem Ort zusammenzuführen, haben wir, Mahagonny-Theater Kunst Kulturarbeit Berlin, als einzige ein spartenübergreifendes Konzept entwickelt.

Es sah die Bespielung des Hauses als Resonanzraum und kulturelle Begegnungsstätte vor: MEDIUM TAUT. Wir akquirierten für Theater, Taut-Specials und den Kultursalon 'Lichtenbergs Zwölf' Fördermittel und starteten im September 2008 unsere Reihe mit der zweitägigen Hommage 'Max Taut - Protagonist der Moderne'. Bis zum Sommer 2010 haben wir dann fast 40 Aufführungen und Veranstaltungen mit 150 Künstlern und Mitwirkenden realisiert und die Taut-Aula mit kulturellem Leben gefüllt.

Globe-M: Ihr Zuwendungsantrag auf eine Nachfolgefinanzierung bei der Lottostiftung wurde aber abgelehnt. Mit welcher Begründung?

Christian Bertram: Das von uns ausgearbeitete Folge-Projekt erstreckte sich bis zum Frühjahr 2012 mit zwei neuen Theater-Uraufführungen, einem internationalen Tanzperformance-Festival und einer Reihe von Autorentagen. Es wurde abgelehnt in 'Abwägung der Interessen des Landes Berlin'. Eine darüber hinausgehende offizielle Begründung wurde uns nicht gegeben. Da kann man nur Vermutungen anstellen. Diesem Entscheid vorausgegangen war eine Sitzung des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses im März 2010, wo zum Thema Taut-Aula von fast allen Parteien nur ausweichend Position bezogen wurde. Bürgermeister Wowereit legte sich über den Tisch und fiel dem Antragstellenden ins Wort: "Aber das ist doch 'ne Schul-Aula". Damit wurde unser Anliegen, professionelle Rahmenbedingungen für die Aula als Kulturraum zu schaffen, platt gemacht. Wir durften zuhören und nichts sagen. Also an unserem Konzept oder überzogenen Kalkulationen lag es nicht. Wenn man gewollt hätte, hätte Medium Taut eine Zukunft gehabt. Aber man hat schlechtes Augenmaß bewiesen und war nicht kooperativ.

Die von uns aufwändig entwickelte Infrastruktur, die langfristig angelegte Projektorganisation und Publikumsarbeit mussten wir einstellen.

Globe-M: Wie Sie bereits oben erwähnten ist die Max-Taut-Aula unrühmlich in die Schlagzeilen geraten: Durch Gerichtsbeschluss konnte die NPD erreichen, in der Taut-Aula am 15. Januar 2011 ihren parteipolitischen Festakt zu feiern. Wodurch hätte diese Entwicklung verhindert werden können? 

Christian Bertram: Durch ein künstlerisches, kulturelles und bildungspolitisches Nutzungsprofil. Darauf haben wir die zuständige Senatsverwaltung aufmerksam gemacht. Nichts ist passiert. Stattdessen wurde das Gebäude zum bloßen Mietobjekt. Bald sagte uns die Schulleitung "Dies ist kein Theater" und dann "Das ist keine kulturelle Stätte". Ein kulturelles Zentrum wurde also nicht gewünscht. Gewünscht wurde eher, dass gar nichts mehr stattfindet. Damit hatte man dem Ungeist Tür und Tor geöffnet und einmal eingeklagt, werden es ungebetene Gäste zukünftig noch leichter haben, Zugang zu finden, sofern sich nichts ändert.

Globe-M: Welche Folgen sehen Sie für die künftige Kulturarbeit dort? 

Christian Bertram: Ein Gebäude kann sich nicht wehren. Bis sich die Aula, die wir als ein lebendiges Wesen betrachten, wieder erholt, werden Jahre vergehen. Ein Projekt mit einem vergleichbaren Ansatz wie Medium Taut wird es dort nicht mehr geben. Wir haben die Taut-Aula nicht zum Schwingen gebracht, damit dort private Geburtstagsfeiern stattfinden, politische Organisationen tagen oder geistlose Schwadroneure sie zweckentfremden. Wir haben darauf hingewiesen, dass es zur Bespielung inhaltlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen bedarf. Jetzt herrscht dort auf lange Zeit 'verbrannte Erde'. Eine Tatsache, die wir mit vielen anderen zutiefst bedauern. Was die Finanzierung betrifft, so wäre eine Spielstättenförderung, die Planungssicherheit bringt, allemal besser gewesen als der Schaden, der jetzt entstanden ist. Aber in den Senatsverwaltungen wartet man gerne ab bis der Karren gegen die Wand fährt.

Globe-M: Dank seiner Kulturszene gilt Berlin als spannende Metropole. In den Medien gibt es aber Kritik an der mangelnden Unterstützung durch die Politik. Wie sehen Sie die Situation der Kulturschaffenden und die Kulturpolitik Berlins?

Christian Bertram: Es gibt seitens der Stadt in der Kultur jede Menge struktureller Defizite. Mittel werden fast nur noch zur Sanierung und Aufrechterhaltung etablierter großer Kultureinrichtungen eingesetzt und Haushaltslöcher mit Stiftungsgeldern gestopft. Juryabhängige Einzelprojektförderungen stellen keine dauerhafte Lösung dar. Eine nachhaltige Förderung und finanzielle Sicherstellung von Kunst und Kultur müsste eigentlich im Sinne einer zukunftsorientierten Stadtpolitik sein. Potentielle Kunststandorte werden jedoch nicht wahrgenommen und kulturelle Highlights wie die Taut-Aula lässt man veröden. Stattdessen werden fragwürdige Prestigeprojekte wie die 'Leistungsschau junger Kunst' aufgelegt. Man entscheidet über kompetente Köpfe hinweg ohne mit ihnen zu reden und erschwert den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen man gerne hausieren geht, das Leben. Überhaupt möchte man sich der Verantwortung entledigen, Kultur nach amerikanischem Modell privatisieren und auf den Markt abschieben. Wir sollen alle Designer werden. 

Dies zeigt eine mangelnde Bereitschaft zum gebotenen Dialog und zur Integration von Kreativen. Und das, ich betone es, liegt nicht am Geld, sondern am tendenziellen Missbrauch von Künstlern als Aushängeschild einer kulturfreudigen Metropole. Die Verschuldung der Hauptstadt entschuldigt so ein Gebaren nicht. Und die Verantwortung für diese Entwicklung tragen die politischen Spitzen, die sich zukünftig erheblich aktiver zeigen und ressortübergreifender agieren müssen als bisher. Wir empfehlen und wünschen für die nächste Senatsrunde einen eigenständigen Kultursenator mit dem richtigen Augenmaß und einen für Kunst und Kultur offenen Bildungssenator.

Globe-M: Herr Bertram, vielen Dank für das Gespräch!

 Das Gespräch führte Michael Haas

 

Weiterführende Informationen:

www.medium-taut.de

www.mahagonny-ev.de

 

Expertenstimmen Archiv