Ferne fremde Welt

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Als der italienische Geschäftsmann und Fotograf Jean Pigozzi den deutschen Künstler Carsten Höller einlud, seine Sammlung zu präsentieren, stellte er ihn vor eine schwierige Aufgabe: Er sollte er miteinander verbinden, was nichts gemeinsam zu haben schien.

Multikulturelle Hybride

Pigozzi besitzt einerseits die weltweit größte Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst, die er in zwanzig Jahre zusammengetragen hat. Andererseits interessiert er sich seit drei Jahren verstärkt für junge japanische Kunst. Aus Tausenden von Bildern, Objekten und Photographien wählte Höller 300 aus und schuf eine Ausstellung, die selbst ein Kunstwerk ist. Unter dem Titel „JapanCongo“ wird sie nun bis zum 14. August im Moskauer Kunstzentrum „Garage“ gezeigt.


Erina Matsui. Drei Tage und drei Nächte, 2008

Wertefreier Vergleich

In seiner zweiteiligen Rauminstallation präsentiert Höller in einer Art Korridor Arbeiten von 16 Künstlern aus dem Kongo auf einer und von 47 japanischen Künstlern auf der anderen Seite. Diese Gegenüberstellung im wörtlichen Sinne deckt Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen beiden Kulturen klar auf. An der engsten Stelle des Korridors kommen sie sich sehr nahe und weisen in ihren charakteristischen Zügen mehr Gemeinsamkeiten auf, als man je für möglich gehalten hätte. Gleichzeitig wird hier dem Betrachter am deutlichsten bewusst, wie stark sich die Raffinesse und Komplexität japanischer Arbeiten von der „groben“ Kunst afrikanischer Art Brut unterscheidet.


Keiichi Tanaami. Geheimnisvolle Befreiung, 2010

 

Hommage an nationale Behausung

Diese Dualität liegt der gesamten Ausstellungsarchitektur zugrunde, in derer Doppelung und Symmetrie zwei kulturelle Phänomene nebeneinander bestehen. Besucher können den zentralen Korridor durchwandern und die anliegenden kleineren Säle erschließen, die aber prinzipiell unterschiedliche Strukturen aufweisen: Die japanische Kunst befindet sich in einem lang gezogenen, rechteckigen Raum, wogegen die Seite der afrikanischen Kunst einer Spirale ähnelt, in der einzelne Säle mit abgerundeten Ecken Fotografien und Objekte aus Papier und Zahnpastatuben beherbergen. Vielleicht eine Reminiszenz an traditionelle Wohn- und Siedlungsformen: Afrikanische Dörfer werden spiralförmig gebaut, die strenge Geometrie verweist dagegen auf den Minimalismus japanischer Häuser. 


Peintre Moke. Heiße Nacht in der Stadt, 1999

Wesenszüge nationaler Identitäten

Höller verzichtete außerdem auf die Beschilderung – um Titel und Künstlernamen zu erfahren, muss man in eine gesonderte Broschüre schauen. Offensichtlich will er weniger über Entwicklungen in der Kunst beider Länder aufklären, als vielmehr die Arbeiten anderer Künstler für seine eigene Rauminstallation nutzen. Und doch lassen sich hier alle wesentlichen Merkmale nationaler Identitäten und Probleme ausmachen. In der japanischen Hälfte breitet sich eine Welt mit einer starken urbanen Dominante aus: eine Kollage aus winzigen Stücken schwarzweißer Straßenphotos, ein grelles Gemälde über den Ausverkauf in einem Secondhandladen, eine Installation aus Plastiklöffeln und Vinylknochen, ein Keramiktopf, der sich als Tunnel mit fahrenden Autos entpuppt. Im Vergleich zu diesem etwas düsteren Raum begegnet man in der afrikanischen Spirale einer deutlich vitaleren Welt. Sie ist farbenfroh, selbstironisch und neigt oft zu Groteske und Phantasmagorie.


Chéri Samba. Warum viele Afrikaner nicht vorwärts kommen (sic), 1994

Auf der Suche nach Identität

Der Exposition fehlt jeglicher Europazentrismus. Für die europäische und individuelle Sichtweise sind alleine die Besucher verantwortlich, also jene neugierigen Europäer, die in die Ausstellung kommen, um bei Betrachtung exotischer Kultur eigene Identität oder zumindest ihre Grenzen zu finden. Dabei werden sie feststellen, dass Künstler aus Asien und Afrika ihrerseits auf der Suche danach sind.

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