Paolo Pellegrin – Photonews nannte ihn den „vielleicht erfolgreichsten und einflussreichsten Fotojournalisten der letzten zwanzig Jahre“. Das Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern zeigt erstmals die Retrospektive seiner Dokumentarfotografien aus den letzten zehn Jahren, darunter neueste Arbeiten wie die zwölf Meter breite Foto-Installation über die Katastrophe von Fukushima oder den „Arabischen Frühling“.
Zeugnis ablegen für die Nachwelt
„Wenn ich meine Arbeit mache und dem Leiden anderer ausgesetzt bin – ihrem Verlust oder manchmal auch ihrem Tod – dann fungiere ich, so empfinde ich das, als Zeuge; es ist meine Rolle und meine Verantwortung, Aufzeichnungen für unser kollektives Gedächtnis zu schaffen“, so Pellegrins Credo. Sein Fotojournalismus ist zutiefst geprägt von Humanismus und Anteilnahme. Er lebt die Ethik von Magnum, wie sie Henri Cartier-Bresson, einer der Gründer der gleichnamigen Foto-Agentur, formulierte: „Zeugnis abzulegen von den Narben der Welt“.
Pellegrin gibt den Opfern ein Gesicht: Menschen, „die vielleicht nur im Moment ihres Leidens wahrgenommen“ werden. Ihre Wahrnehmung mache seiner Überzeugung nach „die Ausrede unmöglich, eines Tages sagen zu können, wir hätten nichts gewusst“. Seine Porträts zeigen das Allgemeingültige im individuellen Schicksal. Wie bei Ismail Abdel Jawab, zwölf Jahre alt. Seine Genitalien wurden durch eine Mine der israelischen Operation „Cast Lead“ im Gazastreifen 2009 verstümmelt. Pellegrins Blick ist aber niemals voyeuristisch: Der kleine Palästinenser geht nackt geradezu tänzelnd aus dem Raum, filigran scheint er über dem Boden zu schweben. Erst auf den zweiten Blick sieht man seine Verwundung. Dieses Bild berührt, weil es Verletzlichkeit zeigt und nicht Schockeffekte.
Pellegrin arbeitet überwiegend in Schwarzweiß, aber er denkt nicht in dieser Kategorie. So denunziert er einen Scharfschützen der israelischen Armee nicht als martialischen Täter, sondern müde, in sich gekehrt und nachdenklich, als wüsste er, dass dieser Konflikt nicht mit Waffengewalt zu gewinnen ist. Ein Bild, das vielleicht mehr über Israels innere Zerrissenheit aussagt als noch so viele politische Analysen und Kommentare zum Nahostkonflikt.
Komposition des richtigen Augenblicks
Pellegrin dokumentiert nicht einfach, seine Bilder sind hochästhetische Kompositionen. Dass er Architektur und Kunstgeschichte studiert hat, sieht man seinen Fotografien an. In ihrer Dramatik und in Symbolik erinnern sie oft an Gemälde: Das Bild einer Menschengruppe, die nach Überlebenden eines Luftangriffs in Beirut sucht, wirkt wie ein Zitat Caravaggios oder von Delacroix’ „Die Freiheit führt das Volk“. Die israelische Siedlung Har Homa auf der West Bank komponiert Pellegrin wie Pieter Bruegels Turmbau zu Babel, ein Symbol für Vergeblichkeit und Vergänglichkeit.
Aber auch seine Affinität zum Film ist unverkennbar. Wenn Pellegrin eine Frau ablichtet, die auf dem Petersplatz den Tod Johannes Paul II. betrauert, erscheint sie wie eine melancholische Schönheit aus einem Film Noir. In einem Interview mit dem Magazin Photonews meinte er, „natürlich“ habe er sich „die Filme des italienischen Neorealismus sehr aufmerksam angeschaut“, aber auch Hollywood-Streifen wie Blade Runner oder Apocalypse Now „wieder und wieder angesehen“. Kein Wunder, dass man Coppolas Einfluss sofort spürt, wenn bei Pellegrin ein Hubschrauber nach Abschluss seiner Mission in Kabul landet. Durch die Grobkörnigkeit der Aufnahme verstärkt Pellegrin die Plastizität zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen dem winzigen tiefschwarzen Schattenriss des einweisenden Soldaten und der riesenhaften Metallheuschrecke in ihrem selbstproduzierten Sandsturm.
Wer am Jahresende das vergangene Jahrzehnt noch einmal Revue passieren lassen möchte, sollte diese herausragende Ausstellung besuchen – ein Muss für jeden Fotoenthusiasten.
Weitere Informationen
Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern
Maximilianstraße 53, 80530 München
Ausstellungszeitraum: noch bis 20. Februar 2012
Öffnungszeiten: täglich 9.00 - 19.00 Uhr, an gesetzlichen Feiertagen geschlossen, Eintritt frei
Kostenlose öffentliche Führungen
Dienstag, 10. Januar 2011, um 12.30 Uhr und um 18.00 Uhr
Donnerstag, 16. Februar 2012, um 12.30 Uhr und um 18.00 Uhr
Ein reich bebilderter Katalog, gestaltet von Yolanda Cuomo, dokumentiert die Ausstellung. Er enthält außerdem ein Interview, das Isabel Siben, Kuratorin der Ausstellung, mit Paolo Pellegrin geführt hat.
Foto: Ausstellungsplakat der Versicherungskammer Bayern: Paolo Pellegrin - Zivilisten suchen nach Überlebenden kurz nach einem iraelischen Luftangriff im südlichen Beirut, Libanon 2006