Franz Anton Maulbertsch - Meisterwerke

Vom Belvedere hat man einen atemberaubenden Blick. Auf Wien und den Kahlenberg, und wenn man sich umschaut, auf eine Reihe von Ölbildern eines gewissen Franz Anton Maulbertsch. Sie ziehen den Betrachter bald in ihren Bann. Denn bei Franz Anton Maulbertsch geht es rund.

Doch zunächst: Wer ist dieser Mann mit dem auffälligen Namen?

Franz Anton Maulbertsch wird am 7. Juni 1724 in Langenargen am Bodensee geboren. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – sein Vater ist der beinah gleichnamige Maler Anton Maulbertsch. Schon 1739, mit nicht ganz 15 Jahren, geht der Sohn nach Wien. Sein jugendliches Selbstbildnis mit der keck aufgerichteten Nase verrät schon viel von seinem später so deutlichen Selbstbewußtsein. Seine Augen allerdings gucken noch verträumt. Wenige Jahre danach wird er einen ausgeprägten Geschäftssinn entwickeln. Bald gewinnt er einen gut dotierten Malwettbewerb der Akademie, 20 Jahre später ist er ihr Mitglied, 1772 kaiserlicher Kammermaler. Nun reüssiert der Maler-Unternehmer Maulbertsch recht flugs. Bald schafft er das gewaltige Pensum seiner Aufträge nicht mehr allein. Seinem Stil müssen sich seine Untergebenen unterordnen.

  Er ist viel auf Reisen. Seine Figuren wird er nur noch in bereits von seinen Gehilfen fertiggestalteten Fresken einsetzen, um sein unglaubliches Arbeitspensum überhaupt bewältigen zu können. Kirchen, Profanbauten, für alles scheinen die Auftraggeber nur noch Maulbertsch verpflichten zu wollen. Der Kollegenneid bleibt nicht aus, geht allerdings bald in beide Richtungen: Vor allem auf Josef Winterhalder den Jüngeren, der schnell als Maulbertschs talentierster Schüler gilt. Ihm ist eine kleine Abteilung der Ausstellung gewidmet. - Der Meister selbst wendet sich in den 1780ern der Kupferstecherei zu. Er heiratet in zweiter Ehe die Tochter des obersten Kupferstechers. Da ist er schon vermögend. Am 7. August 1796 stirbt er, schwerreich und hoch geachtet. Und der Besucher der Ausstellung weiß auch bald den Grund.     Gleich rechts am Eingang „Jesus und der Hauptmann von Kapernaum“: Das ist goyaesk, die beiden Engel deutliche Fremdkörper, scheinen lediglich ein barockes Zugeständnis zu sein. Bei diesen Bildern, der Berichterstatter ahnt es schon, kann einem schwindlig werden.  „Die heilige Sippe“, selbstbewußt dominiert von starken Frauengestalten, und „Susanna vor den Richtern“ sind beide derart avantgardistisch, daß sie auch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden sein könnten. Besonders wild aber ist Maulbertschs „Abendmahl“: Ein Jagdhund kauert zu Füßen des Herrn in einer Blickachse mit Jesus. Eine Anspielung auf die Dominikaner, die canes domini, Hunde des Herrn? Auf einer weiteren Achse, welche ebenfalls ihren Ausgangspunkt in Jesus hat: Jesus und der Jünger, der ihn verraten hat. Kaum zu glauben: Beide agieren auf einer einzigen Schrägachse – ohne Jesus kein Christentum, aber ohne Judas keine Auferstehung, so scheint diese einfache Gleichung zu lauten. Überdies haben beide den gleichen Ausdruck in den Augen, beide schauen in die gleiche Richtung. Dies Bild m u ß ein Skandal gewesen sein. Die Ausstellung erzählt davon nichts.    

Dann die „Allegorie auf die Weltmission des Jesuitenordens“, und wieder weiß man nicht, wo Maulbertsch steht: Anämisch, geisterhaft, wie ein Skelett, der „Heilige“, also Ignatius von Loyola. Der hatte einst den Jesuitenorden gegründet, um die Gegenreformation zu stärken. Auf Maulbertschs Bild scheint seine bleiche, knochige und unheimliche Gestalt nur noch Folie für die Gefühlswallungen hysterischer Frauen zu sein; eine scheint aufgelöst und wie ekstatisch die Füße des Heiligen zu küssen: eine deutliche Anspielung an eine nämliche Begebenheit im Neuen Testament, als eine Sünderin Jesu Füße küßte, wusch, salbte und mit ihren Haaren trocknete.  

Verwirrend auch das nächste Bild: Christus erscheint im Eilschritt dem ungläubigen Thomas, der, rötlich angestrahlt, seltsam linkisch und demütig verdreht seinem Herrn und Meister von unten in die seitliche Wunde faßt. &¨ber Jesus enteilt ein schweinsgesichtiger Kinderteufel, der in ein offenes Fischmaul fliegt - der Fisch selbst starrt einen aus glutrot-gespenstischen Augen an. Eine Allegorie, die die Verwirrung komplett macht: Immerhin ist der Fisch das Symbol der frühen Christen. Im Hintergrund dräut eine gotische Kathedrale. Sie befindet sich quasi in der Einflugschneise des Schweineteufels, sollte er das Fischmaul verfehlen. Neben Thomas finden wir erneut den Heiligen Ignatius. Im Gegensatz zu Thomas scheint Ignatius alles klar. Von gleicher Größe wie Jesus, erneut ungewöhnlich blaß, ist er von diesem abgewandt und blickt selbst noch am Betrachter vorbei. Man darf daraus ruhig Schlüsse ziehen.  

Keine Pause wird dem Betrachter auch beim nächsten Bild gegönnt: „Die Kreuzesaufrichtung“. Im Gegensatz zu vielen und viel zu betulichen Darstellungen dieser Szene, die der Berichterstatter schon gesehen hat, hier der blanke Realismus, vielleicht sogar noch etwas mehr:   Das wahnsinnige Pferd, der hemmungslos schreiende, bartlose Christus, sein fratzenhaftes Gesicht ein einziges Loch, ein einziger Schrei; daneben unbeteiligt, die Arme in die Hüfte gestemmt, soldatische Hilfskräfte, Befehlsempfänger, Landsknechtsnaturen, Desinteressierte.  

Maulbertsch fertigte diese Bilder in der Regierungs- und Mitregentenzeit Kaiser Josefs II. Der Sohn der Kaiserin Maria Theresia war alles andere als bigott, sondern vertrat als Reformer einen aufgeklärten Absolutismus. Die zwei, der Malerfürst und der Monarch, müssen sich gut verstanden haben.      Dann aber wird es friedlicher. In die Mutter Gottes könnte man sich verlieben, so anmutig einfach, so rührend ihr Ausdruck – welch ein Glanz liegt auf ihrem Gesicht, wie sie das Jesuskind auf ihrem Schoß betrachtet! Man möchte sie beide nicht stören. Der Berichterstatter schleicht auf Zehenspitzen hinaus.          

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