Franz Biberkopf, einer von uns

Biberkopf geht baden

Da ist was los in der Schaubühne!
Da geht es rund. Gangster, Verbrecher, Häftlinge auf Freigang, als Laiendarsteller. Doch das ist nur das i-Tüpfelchen.

Eine gute Idee

Und ein richtiger Schritt auf dem Weg in die Integration.
Applaus und Anerkennung sind das ja immer. Wo kriegt man so was denn als Ex-Knacki, außer unter seinesgleichen? Vorausgesetzt, die begangenen Verbrechen rangieren im oberen Bereich der in diesen Kreisen anerkannten Werteskala, beispielsweise Bankraub.
Thematisiert wird im Roman von Alfred Döblin, der gegen Ende der Weimarer Republik spielt, ebenso wie in der gekonnt adaptierten Inszenierung die plötzliche Überforderung der Haftentlassenen. Außerhalb des geregelten, reglementierten Gefängnisalltags gelingt es nur den wenigsten, sich im hektischen Betrieb der Freiheit zurecht zu finden. Das ist nicht einfach, gerade, was die sogenannte Resozialisierung angeht. Um sich nämlich resozialisieren und integrieren, bzw. sich resozialisieren und integrieren zu lassen, sind etliche Hürden zu nehmen: Engstirnige potentielle Arbeitgeber, die auf ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis bestehen. Spießige Nachbarn, die einen auf einmal scheel ansehen. Ganz zu schweigen von den sich plötzlich besser dünkenden Verwandten. Die ehrenwerte Gesellschaft schottet sich ab, macht dicht. Nicht rückfällig werden fällt da ganz schön schwer.

Sinnfällige Sitzordnung

Doch jetzt sitzt die ehrenwerte Gesellschaft im Publikum. Um so spitzbübischer der Einfall, die Häftlinge im Zivil ebenfalls verstreut im Publikum sitzen zu lassen. Hier, mittendrin, beginnt ihr völlig überraschender Auftritt: Von hier aus bieten sie den überrumpelten Theaterbesuchern überfallartig die Hand. Umgekehrt sind ganz besonders "mittendrin" die verstreut in die Verbrecherszene hineingesetzten vornehmen Besucher der ersten und wohl besonders teuren Reihen. Nicht rückfällig werden fällt da ganz schön schwer.
Gerade wenn Mieze, Biberkopfs Neue, auf den Strich gehen muss, um sich und  Biberkopf, der im Laufe des Stücks einen Arm verloren hat, durchzubringen.

Geständnisse, Bekenntnisse

Mit viel Verve und Engagement erzählen die Häftlinge von sich. Das geht in schier atemlosem staccato, kanonartig, im Chor.
Besonders spitzbübisch dabei der Weaner Gängsta, der wegen Koks-Dealereien großen Stils einsitzt und bei seinem spektakulären Abgang in Unterhosen - passend in weiß - so manches Insider-Schmankerl zum besten gibt: Ohne Koks seien die allermeisten feinen Theaterleute genauso aufgeschmissen wie die Mehrzahl ihrer selbstgerechten Kritiker. Er muss es wissen. Er hat`s erlebt. Er büßt dafür.
 

Die Strippenzieher im Hintergrund

Regie führt Volker Lösch, für das Bühnenbild – einem Bühnenbelag aus Münzgeld, wie im Tresor von Onkel Dagobert – ist Carola Reuther zuständig. Mit aufwendiger Beleuchtung setzt Erich Schneider die Akteure in Szene, die sich im Laufe des Stücks auch mal in Panzerknacker verwandeln (Kostüme Cary Gayler).
 

Zum Schluß sind – fast – alle in der ehrenwerten Gesellschaft angekommen.
Den Applaus aber haben sich alle verdient.
Der Berichterstatter geht so weit zu behaupten, dass er eine so gute und vor allem erfrischend andere Inszenierung seit Jahren nicht gesehen hat: Berlin Alexanderplatz, heute wieder um 20.00 in der Schaubühne. Kinder, geht hin!

 

www.schaubuehne.de

Kurfürstendamm 153

10709 Berlin

Tel.: 030/ 89 00 20

 

Heute und morgen und am

8., 9., 10.und 11. Februar.

Expertenstimmen Archiv