Das Lieblingsmuseum des Berichterstatters in Berlin ist fraglos das kleine feine Bröhan-Museum, gleich gegenüber dem Charlottenburger Schloss. Was hier gezeigt wird, verbindet Handwerk mit Schönheit, Funktionalität mit Design und Gebrauchswert mit Extravaganz – und zwar in Perfektion.
Hier finden sich Möbel, Teppiche, Bilder, Wandschirme, Pretiosen und phantastische Besteck-Garnituren und herrliche Kandelaber, letztere beispielsweise von Henry van de Velde, den schon Harry Graf Kessler bewundert hat.
Heute aber ist Ausstellungseröffnung, vulgo Vernissage, zu einem ganz besonderen Thema. Dies erhält im 3. Stock des Museums einen würdigen Rahmen:
Um es vorweg zu sagen: Der Berichterstatter kommt zu spät. So hat er leider die Ausführungen der Bröhan-Direktorin Dr. Becker verpasst, wird dafür aber vom launigen Vortrag Prof. Dr. Leinfelders, dem Direktor des Naturkundemuseums, entschädigt. Leinfelder spannt einen weiten Bogen:
Wissenschaftliche Tier- und Pflanzenobjekte, Zeichnungen und Modelle macht er als Initiatoren und Katalysatoren für den Jugendstil aus. Die Frage bleibt, ob es in den nächsten 50 Jahren noch einmal zu Motiven von Jugendstil angesichts der Bedrohung der biologischen Vielfalt, Gifte etc. kommen könnte. Abhilfe soll transdisziplinäres Denken schaffen, worunter Leinfelder aber keine falsch verstandene „Romantik 2.0“ mit vermenschlichten und entsprechend maskierten Tieren, wie etwa Hunden mit Sonnenbrillen, verstanden wissen will. Er fordert statt dessen einen „Jugendstil 2.0“, mit dem die unverstellte Freude an der Natur zurückgewonnen werden mag, wozu der Jugendstil, der diese Freude teilt, beitragen kann:
Natur möge fürderhin Inspiration für Unikate statt Massenware und nachhaltig erstellte Produkte sein, bei denen sich Form und Funktion in Harmonie finden.
Ein naturverträgliches Leben, die Integration von Kunst und Natur im Lebensalltag und generell ein partizipatives ( = anteilnehmendes) Leben könnten Chancen auf die Zukunft bieten.
Und nun zur eigentlichen Ausstellung:
Wie von Professor Leinfelder postuliert erscheint sie tatsächlich einmalig und einzigartig, von exotischer „Schönheit für alle“ – und! witzigem Humor (ja, man kann auch humorvolle Witze machen):
Marabus aus den Königlich Bayrischen Porzellan-Manufakturen, auch eine Marabu-Vase von Jacobson / Fischer. Ganz besonders hat dem Berichterstatter ein Nilpferd gefallen, entworfen und gestaltet von niemand geringerem als Marie (nicht: Mary!) Prinzessin von Dänemark.
Rührend das eng aneinandergeschmiegte Schleiereulenpaar von Emil Krog aus Kopenhagen und der Tordalk, eine Art Papageientaucher, von Waldemar Lindström.
Kaum minder das ungeheuer aufwendig und lebensecht gestaltete pickende Perlhuhn, in der gleichen Vitrine ein Birkhahn (beide Theodor Kärner 1913) und ein Perlhuhnpaar (Formentwurf Max Esser 1910/11).
Schier unvorstellbar, wie der Erste Weltkrieg in eine Zeit hineinkrachen konnte, die so schöne Dinge – und das auch noch im mainstream – geschaffen hat.
Fast neckisch eine Vase mit Nachtfalter von Emil Galle / Nancy 1898, der ebenso genau beobachtete wie Olaf Mathiesen die wunderbar getroffene Hummel auf einer Honigdose (Kopenhagen 1905).
Der Fledermausleuchter, der das Cover der Ausstellungsbroschüre und der Einladung ziert, stammt von Hugo Leven aus dem Jahr 1904. Hergestellt hat ihn die Metallwarenfabrik J.P. Kayser & Sohn. Damit sind wir bereits bei der „dunklen“ Seite, die den Jugendstil ebenso faszinierte wie inspirierte. Immer wieder dienten allerlei meist nachtaktive Käferchen und Falter, ja sogar Spinnen als Motiv, die mit dem Mond und dem Schicksal verknüpft werden, auch als Schicksal des Mannes („Schwarze Witwe“).
Ebenfalls als Frau wird die Libelle gesehen, was ihre Alternativbezeichnungen, im Volksmund See- oder Wasserjungfern, auf französisch Aiguilllettes, Dames de Paris oder Demoiselles, bezeugen. In Japan wird die Libelle hochverehrt, heißt Japan selbst doch den Einheimischen Aki tsu shima („Libelleninsel“), denn das Ensemble aus Hokkaido Hondo und den Kurilen ähnle einer großen Libelle …Und was der Berichterstatter auch noch nicht wußte: Libellen entwickeln sich ohne Verpuppung unter Wasser zur Vollkerfe (also zum fertigen, flugfähigen Insekt). Im Bröhan-Museum gibt es endlich einmal Erklärungs- und Hinweistafeln, die diesen Namen verdienen.
Für die Jugendstil-Darstellungen mit Libellenmotiven allerdings mögen die übergroßen, kugelig-aufgesetzten Facettenaugen und die großen, filigranen Flügel besonders faszinierend gewesen sein. Gezeigt wird beispielsweise ein dänisches weißes Service mit Henkeln aus zartlilafarbenen Libellen - farblich diesen Herbst wieder sehr in Mode.
Eine Wasserkanne mit reliefiertem Knurrhahn (ja, ein Fisch), als Pretiosen auch scheinbar weniger geheimnisvolle Tiere wie ein Entwurf von Grunzochsen (H.O. Pilz), Ziegen (samt Aufsichtsperson) und Kühen, und, was in Berlin nicht fehlen darf, diverse Entwürfe zu hier aber recht gefährlich aussehenden Eisbären (Knut!).
Und sonst: Nette Gäste, ein unerwartet kooperativer Vortragender (Thank you!) und Museumsangestellte, die im typisch unerschrockenen Berliner Schnodder-Charme mit viel Humor für Bewegungsfreiheit sorgen.
Einziger Wermutstropfen: Leider hatte man, von höheren weiblichen Chargen vermittelt, recht bald das Gefühl, gehen zu sollen. Dazu trug auch sicherlich bei, daß für bloß halbwegs guten Weißwein (2 Euro) ebenso wie für Wasser (1 Euro) ein Obulus zu entrichten war, was für ausdrücklich geladene Gäste (keine 60) so nicht sein sollte.
Aber die Freude an dieser Ausstellung und an diesem Museum wird das natürlich nicht mindern. Der Berichterstatter wird wiederkommen!
Von Pfauen, Libellen und Fledermäusen - Geheimnisvolle Tierwelt im Jugendstil
Bröhan-Museum
Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus (1889-1939)
8. Oktober 2009 bis 14. Februar 2010
Bröhan-Museum
Schloßstr. 1a
14059 Berlin
Tel.: 030 32690600
Fax: 030 32690626
info@broehan-museum.de
www.broehan-museum.de
Di-So 10-18.00 und an allen Feiertagen (24. und 31.12. geschlossen)